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2700 Euro brutto für die Bibliothekarin

Elisabeth, 28, fühlt sich bei ihrer Arbeit manchmal fast wie eine Detektivin.
Protokoll von Viktoria Klimpfinger
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    Fotos: Privat / freepik / Collage: jetzt.de

Die Ausbildung

Ich habe ursprünglich Buchwissenschaft studiert und mich dann für Bibliotheks- und Informationsmanagement entschieden. Das Studium ist dual, besteht also aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Aber auch die theoretischen Fächer sind stark praxisorientiert. Man lernt, wie das Bibliothekswesen in Deutschland und im Ausland aufgebaut ist. Außerdem hat man Medienkunde und Medienbearbeitung. Da geht es darum, welche Arten von Medien und Publikationsformen es gibt und früher gab, wie man Medien für den Bestand auswählt und beschafft. Außerdem lernt man, wie man Benutzer richtig berät und für sie recherchiert. Auch die IT im Bibliothekswesen wird immer wichtiger. Das unterschätzen viele Studierende am Anfang. 

Grob gesagt hat man Theorie- und Praxismodule. In den Praxisphasen habe ich Praktika an verschiedenen Bibliotheken in Bayern gemacht. Da bei uns der Fokus auf wissenschaftlichen Bibliotheken liegt, sind das vorrangig Staats-, Universitäts- oder Spezialbibliotheken. Ich habe das Studium noch mit Diplom abgeschlossen, mittlerweile wurde es aber an das Bachelor-System angepasst. 

Die Tätigkeiten

Ich arbeite seit Dezember 2017 in der Handschriftenabteilung und in der Digitalisierung der Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg. Hauptsächlich bin ich aber in der Handschriftenabteilung tätig, genauer gesagt im Bereich der Benutzung. Ich habe also viel mit Benutzern zu tun, die entweder persönlich vorbeikommen oder per Mail wegen bestimmter Werke anfragen. Auch Wissenschaftler aus dem Ausland interessieren sich oft für unsere Handschriftenbestände. Zu meinen Aufgaben gehört auch die Aufsicht im Lesesaal.

Ich fungiere als eine Art Schnittstelle zwischen Handschriftenabteilung und Digitalisierung. Wir scannen unsere alten, wertvollen Bestände und machen sie im Internet für Wissenschaftler oder interessierte Laien zugänglich. Aber die Nutzer können auch selbst Digitalisierungsaufträge stellen: Wenn jemand eine bestimmte Handschrift in digitaler Form benötigt, berate ich denjenigen, teile ihm mit, was wir anbieten können und welche Konditionen wir haben. Dann leite ich den Auftrag zur Digitalisierung weiter.

Wir müssen von Objekt zu Objekt beraten, wie die Digitalisierung abzulaufen hat, zum Beispiel, welche Art von Scanner eingesetzt wird, um die alten Handschriften zu schonen. Der Rest hat sehr viel mit IT und Datenformaten zu tun. Wenn wir die Handschriften online stellen, bieten wir auch ein Inhaltsverzeichnis an, durch das man im Digitalisat – so nennt man die eingescannte und online gestellte Handschrift – direkt auf die gewünschte Seite der Handschrift springen kann. Bis das klappt, ist es ein ziemlich langer Prozess. 

Der typische Arbeitstag

Zu Beginn meines Arbeitstages bereiten meine Kollegen und ich alles für den Benutzerverkehr vor: Ein Mitarbeiter bringt die bestellten Stücke aus dem Magazin zu uns, die die Nutzer im Handschriftenlesesaal einsehen werden. Wir ordnen sie nach Namen, damit wir die Werke später reibungslos aushändigen können. Einen Großteil des Tages verwende ich darauf, die Anfragen der Benutzer zu bearbeiten und Recherchen nach geeigneten Materialien für sie durchzuführen. Aber eigentlich gleicht kein Arbeitstag dem anderen. Manchmal kommen etwa weniger Anfragen, dafür ist dann der Lesesaal ganz voll und wir müssen uns eher auf die Aufsicht konzentrieren.

Im Grunde haben wir Gleitzeit, können also zwischen 6 und 20 Uhr flexibel arbeiten. Wenn ich an einem Tag mal länger bleibe, kann ich zum Beispiel am nächsten Tag früher gehen. Mein Arbeitstag ist aber dennoch vorgegeben durch den Benutzerverkehr in meiner Abteilung, der von 8.30 bis 16 Uhr läuft. Während dieser Zeit muss ich auf jeden Fall anwesend sein, um mich um die Kunden zu kümmern. Außerhalb dieser Zeit widme ich mich der Digitalisierung und helfe zum Beispiel bei der Erstellung der Inhaltsverzeichnisse für die Digitalisate.

Die Motivation

Ich mag den Kontakt mit den Benutzern sehr und freue mich immer, wenn ich helfen kann. Als Buchwissenschaftlerin interessiere ich mich aber auch sehr für Buchgeschichte und daher für unseren historischen Bestand. Das Schöne ist, dass in meinem Job zwischen Handschriften und Digitalisierung das Alte und das Neue miteinander verknüpft sind. Besonders gefällt mir auch das Erfolgserlebnis, wenn der Nutzer etwas sucht, aber nur einen Hinweis hat, worum es sich handeln könnte, und man das Werk dann tatsächlich findet. Man fühlt sich dann fast wie ein Detektiv. 

Die Detektivarbeit

Man sollte für den Job schon akribisch veranlagt sein. Immerhin gibt es ganz bestimmte Regeln, wie welche Information über welches Buch in die Kataloge eingetragen werden. Da muss man wirklich genau sein, damit bei so vielen Werken kein Durcheinander entsteht. Wir haben zum Beispiel historische Stammbücher, die Vorläufer der heutigen Poesie-Alben sind. Besonders interessant sind jene, die bei uns in der Sammlung „Trew“ sind. Christoph Jacob Trew hat von 1695 bis 1769 gelebt und war ein wichtiger Stadtarzt und Naturforscher aus Nürnberg. In seinen Stammbüchern haben einige bekannte Persönlichkeiten der damaligen Zeit unterschrieben. Nach ihren Namen wollen wir zum Beispiel auch die Digitalisate der Stammbücher online erschließen. Also müssen wir die Unterschriften erst einmal entziffern und sie zuordnen. Manchmal ist der Name gut erkennbar, manchmal überhaupt nicht. Dann müssen wir recherchieren, welche Familien in dieser Gegend früher sehr bekannt waren und ob die Signatur zu einer von ihnen passen könnte.

Die Sicherheitsvorkehrungen

Wir haben Handschriften und alte Drucke in unserem Bestand, die sehr wertvoll sind. Denn Handschriften sind ja immer Unikate. Deshalb gelten bei uns auch höhere Sicherheitsstandards. Wir achten darauf, dass bestimmte Handschriften nicht zu häufig herausgeholt werden, weil sie auf Temperaturschwankungen, Lichtveränderungen und Ähnliches negativ reagieren. Außerdem entscheiden wir aus konservatorischen Gründen von Fall zu Fall, ob der Benutzer wirklich das Original braucht oder ob ein Digitalisat davon genügt. 

Weiße Stoffhandschuhe, die man aus dem Fernsehen kennt, sind bei uns aber schon länger nicht mehr üblich, weil durch die Handschuhe einiges an Feinfühligkeit im Umgang mit den Büchern verlorengeht. Man soll einfach gewaschene und trockene Hände haben, wenn man ein Exemplar anfasst. Außerdem sollte man die Haare zurückbinden und keinen sperrigen Schmuck an den Händen tragen. Allgemein gehen wir sehr langsam und konzentriert mit den Handschriften um. Im Lesesaal gelten die gängigen Vorschriften: Man darf nur Bleistifte mit hineinnehmen. Essen und Trinken ist generell verboten.

Das Privatleben

Der Job ist sehr gut mit meinem Privatleben vereinbar. Ein paar Mal im Jahr hat man zwar Abenddienste, weil man den Dienst an der Ausleihe von 17 bis 21 Uhr übernehmen muss, und Überstunden gibt’s auch ab und zu. Aber das ist alles okay für mich. Ab und zu kommt es auch vor, dass ich am Wochenende bei Ausstellungen und Veranstaltungen anwesend bin. Das mache ich auch gerne, weil ich mich persönlich dafür interessiere. 

Das Geld 

Im Unterschied zu anderen Bundesländern ist man bei uns in Bayern während des Studiums „Bibliotheks- und Informationsmanagement“ als Beamter beziehungsweise als sogenannter „Beamter auf Widerruf“. Denn das endet, sobald man die Ausbildung abgeschlossen hat. Wenn man in den Beruf einsteigt, ist man also meistens ganz normal beschäftigt und verdient nach dem Tarifvertrag der Länder ungefähr 2700 Euro brutto im Monat. Die Möglichkeit, später wieder verbeamtet zu werden, besteht aber.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Wenn ich erzähle, dass ich Bibliothekarin bin, sagen die meisten: „Dann musst du sicher viel lesen, oder?“ Als würde der Beruf der Bibliothekarin bedeuten, dass ich mir morgens gemütlich einen Kaffee mache und den ganzen Tag nur lese. Die meisten Leute wissen eben einfach nicht, wie viel Arbeit in einer Bibliothek steckt. Es macht mir aber auch Spaß, den Leuten zu erzählen, was ich da wirklich mache. Ich rede ohnehin gerne über meinen Beruf.  

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