2300 Euro brutto für die Maler- und Lackierergesellin

Michaela, 23, ist oft die einzige Frau auf der Baustelle. Das größte Problem ihres Jobs ist aus ihrer Sicht aber ein anderes.
Protokoll von Anna Sophia Merwald

Foto: Sto-Stiftung/Christoph Große; Bearbeitung: jetzt

Der Fachkräftemangel

Es stimmt, dass es auch unter Malern und Lackierern einen großen Fachkräftemangel gibt. Für Ausbildungsbetriebe ist es oft sehr schwer, neue Lehrlinge zu finden. Dabei ist die Auftragslage momentan spitze. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen, dass der Malerjob nun mal eine Baustellentätigkeit und damit anstrengend und dreckig ist. Der andere ist, dass die Bezahlung schlecht ist.

Ersteres stimmt natürlich zu einem gewissen Grad, aber auch das hält sich in Grenzen. Schließlich wird man nach einer Dusche auch wieder sauber. Die Bezahlung aber ist vor allem während der Ausbildung ein Problem. Ich habe in meinem dritten Lehrjahr gerade einmal 680 Euro brutto verdient. Um davon überhaupt leben zu können, habe ich bei meinen Eltern gewohnt und nebenher ab und zu in der Gastronomie gejobbt. Solche Aussichten schrecken natürlich viele Leute ab. Danach kann man aber recht gut verdienen. Als Gesellin habe ich bereits mindestens 2300 Euro brutto bekommen. Mit Überstunden und Schmutzzulage, die man bei besonders dreckigen Baustellen bekommt, ist man schnell bei ein paar Hundert Euro mehr. Wenn ich meinen Meister gemacht habe, kann ich mit mindestens 2300 Euro netto rechnen. Und das steigert sich jährlich und auch noch einmal, wenn man mehr Aufgaben übernimmt. Handwerker sind also nicht unbedingt schlecht bezahlt, die Ausbildungszeit finanziell zu stemmen, ist aber schwierig.

Die Ausbildung

Ich wollte schon immer einen handwerklichen Beruf ausüben und habe schon immer gern gezeichnet. Deswegen war eine Ausbildung zur Malerin und Lackiererin naheliegend. Ich habe dann meine Ausbildung bei einem Malerbetrieb in meiner Heimatregion in der Nähe von Ravensburg angefangen. Neben der Arbeit im Betrieb bin ich zweimal in der Woche auch zur Berufsschule gegangen. Dort hatte ich neben Mathe und allgemeinbildenden Fächern viel zu Werkstofflehre und Materialen. All das, was für die Baustelle wichtig ist. Nun gehe ich täglich zur Schule, da ich gerade in Stuttgart meinen Meister mache mit einer betriebswirtschaftlichen Spezialisierung. Deswegen lerne ich gerade auch viel über Marketing und Controlling.

 

Auf der Baustelle

Mein Beruf ist deutlich vielfältiger, als es sich die meisten wahrscheinlich vorstellen. Denn ich male nicht nur einfach Wände an, ich tapeziere, verputze, verziere und lege auch Stuck an. Sogar für die Dämmung sorgen meine Kollegen und ich. Dadurch unterscheiden sich meine Aufgaben auch häufiger. Um sieben Uhr morgens geht es meistens los. Zuerst richte ich mit meinem Team das Auto mit den Materialen für den Tag auf der Baustelle her. Je nach Auftrag, ob für einen Privatkunden oder eine Firma, unterscheiden sich nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Größe der Baustelle. Vom Anstrich der Fassade bis hin zur Verzierung der Innenräume machen wir dann schon mal alles. Das schönste an meinem Beruf ist, dass ich am Ende des Tages sehe, was ich geschafft habe. Am Morgen war das Zimmer noch sehr kahl und dann sieht es auf einmal bewohnbar aus. Außerdem mag ich es, aktiv zu sein und mich auszupowern. Am Abend bin ich oft erledigt, aber dafür sehr zufrieden mit meinem Tagwerk.

 

Der Stressfaktor

Natürlich wird es auch mal stressig auf einer Baustelle, vor allem, wenn Termine einzuhalten sind. Besonders problematisch ist das bei größeren Baustellen, wenn die Handwerker vor uns schon in Verzug gekommen sind. Dann gibt es Überstunden. Manchmal gibt es auch Konflikte mit Kunden, wenn ihnen etwas nicht schnell genug geht oder ihre Wünsche schwierig zu erfüllen sind. Das Aushandeln übernimmt aber eigentlich immer der Chef des Betriebs. Auf Kommentare mir gegenüber versuche ich gelassen zu reagieren. Denn ich mache meine Arbeit gut und zügig und mehr kann ich nun mal nicht tun.

 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Ich werde leider tatsächlich oft gefragt: „Was machst du da als Frau?“ Ich finde die Frage unglaublich ärgerlich und es ist auch traurig, was für eine engstirnige und sexistische Vorstellung viele noch von handwerklichen Berufen haben. Deswegen antworte ich darauf meistens auch gar nicht mehr. Aber ich bin tatsächlich oft die einzige Frau auf der Baustelle und auch in meinem Ausbildungsbetrieb waren wir in der Minderheit. Ich merke aber, dass sich das langsam bessert.

Der Ausblick

Auch wenn ich gerade alles lerne, um meinen eigenen Betrieb zu führen, möchte ich lieber nicht die volle Verantwortung für ein eigenes Unternehmen tragen. Ich kann mir aber gut vorstellen, ein Team von mehreren Mitarbeitern zu leiten und einzelne Baustelleneinsätze zu planen. Das würde aber auch bedeuten, viel mehr im Büro zu sitzen und Verwaltungsarbeiten zu übernehmen.

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