450 Euro brutto für die Sennerin

Katharina Böck, 25, über das Almleben ohne Strom und heißes Wasser sowie die Verantwortung über eine Herde Kühe.
Protokoll von Katharina Forstmair
jobkolumne sennerin

Foto: privat; Illustration: jetzt

Wie bist du auf die Idee gekommen, Sennerin zu werden?

Eine Freundin von mir war vor zwei Jahren einen Sommer lang auf der Alm. Als ich sie dort besucht habe, hat mir das immer richtig gut gefallen. Ich habe mir schon damals gedacht, dass das zu mir passen würde. Aber es gab bisher irgendwie nie den richtigen Zeitpunkt. Wenn man einen festen Job hat, ist es einfach schwierig, ein paar Monate lang frei zu bekommen. Mein vorheriger Bürojob, in der Buchhaltung im Landratsamt, hat mir aber sowieso nicht mehr so viel Spaß gemacht. Da dachte ich mir: Gut, jetzt kündige ich und mach einen Sommer auf der Alm –  sonst mache ich es gar nicht mehr. Und jetzt lebe ich seit Anfang Juni auf einer Hütte in Bayrischzell, unterhalb der Ruchenköpfe.

Wie wird man Senner*in?

Man schreibt einfach eine Bewerbung an den Almwirtschaftlichen Verein. Der funktioniert als eine Vermittlung zwischen Senner*innen, die einen Job suchen und den Landwirten, die eine*n Senner*in für ihre Alm suchen. Da gibt man schon im Dezember an, in welchen Landkreis man will und wie man sich die Arbeit so vorstellt. Im Januar oder Februar meldet sich dann ein Landwirt zurück. Man braucht keine landwirtschaftlichen Qualifikationen, die hatte ich auch nicht. Eigentlich kann sich jeder bewerben, der gut mit Tieren umgehen kann und der keine Angst vor Kühen hat. Und ein bisschen sportlich sollte man sein, weil man sehr viel draußen unterwegs ist. Den Rest lernt man einfach mit der Zeit.

Ist das Almleben so rustikal, wie man es sich vorstellt?

Man lernt auf jeden Fall, dass man auch mit ganz wenig klarkommt. Meine Hütte ist sehr klein, besteht nur aus einem Wohn-Ess-Bereich, einem Mini-Schlafzimmer, einer Abstellkammer und einem Klo. Strom habe ich nicht. Nur ein kleines Solarpanel auf dem Dach, das für Licht und gerade so zum Handy-Aufladen reicht. Internet habe ich zum Glück ein bisschen – aber kein gutes. Eine warme Dusche gibt es auch nicht. Das Wasser kommt aus einer Quelle und ist eiskalt. Wenn ich duschen will, heize ich den Holzofen an und mische dann einen Topf heißes Wasser unter das Quellwasser, dann ist das ganz angenehm. Auch zum Kochen muss ich den Holzofen anheizen, das dauert immer ewig. Ich habe natürlich auch keinen Kühlschrank. Wir fahren nur alle zwei Wochen zum Einkaufen ins Tal, mit dem Auto meiner Alm-Nachbarin. Deshalb koche ich hauptsächlich mit Lebensmitteln, die lange halten: Kartoffeln, Nudeln und eingelegtes Gemüse.

Es gibt natürlich auch Luxus-Almen mit fließend warmem Wasser und Strom. Wenn man auf eine Alm geht, muss man aber schon wissen, dass das nicht der Standard ist. Im Grunde geht mir nichts von daheim ab, man kommt ganz gut klar. 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Sennerin aus?

Ich stehe meistens um 6:30 Uhr auf. Dann gehe ich erstmal in den Stall und kümmere mich um meine fünf Kälber. Die müssen mit einem Kübel Wasser und einer Bürste gewaschen werden. Dann bekommen sie noch Heu zum Fressen und dürfen raus. Erst nachdem ich den Stall sauber gemacht habe, gibt es für mich Frühstück. 

Neben den Kälbern habe ich noch Jungvieh: 23 Stück, die über ein Jahr alt sind, aber selbst noch keine Kälber haben. Die bleiben die ganze Nacht draußen und müssen jeden Tag gezählt und mit Kraftfutter und Salz gefüttert werden. Da bin ich zwei bis vier Stunden unterwegs, weil die Tiere ja auf einer Fläche von 100 Hektar im ganzen Almgebiet verteilt sein können. Am Anfang bin ich noch mit einer Liste herumgegangen und habe sie nach den Ohrmarken gezählt. Inzwischen weiß ich das aber auswendig und erkenne meine Kühe. Außerdem haben wir noch Schafe. Die werden aber nur jeden zweiten Tag gezählt und bekommen ein bisschen Salz, mehr muss man da nicht machen.

Danach ist erstmal Mittagszeit. Manchmal mache ich auch ein Mittagsschläfchen, das darf man schließlich auch nicht vergessen. Nachmittags muss ich ganz oft „schwenden“, das bedeutet mit einer Sense Unkraut mähen, Disteln stechen und Latschen schneiden. Wenn ich das nicht alle paar Tage mache, wächst irgendwann das Almgebiet zu. Um 18 Uhr müssen die Kälber dann wieder zurück in den Stall. Am Anfang musste ich sie noch suchen, inzwischen kommen sie aber schon pünktlich selbst heim. Die kennen mich und wissen, wenn sie mich sehen: Jetzt gibt es wieder was zum Fressen. Wenn die Kälber im Stall sind, habe ich Feierabend.

Wie beschäftigst du dich in deiner Freizeit – so ganz ohne Internet und Strom?

Man muss sich eben viel mit kleinen Dingen beschäftigen – Zeichnen, Lesen, Türkränze und Haarnadeln basteln. Ich koche auch viel mehr. Hier oben hat man einfach die Zeit dafür und nimmt sie sich auch. Ich gehe auch oft abends noch zum Baden an einen See, der nur 20 Minuten entfernt von meiner Hütte liegt. Das Glück hat auch nicht jeder. Aber man kann ja auch sonst ganz viel rausgehen, da findet man immer was. Man lernt hier, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen.

Fühlst du dich manchmal einsam?

Ich bin zwar alleine auf meiner Hütte, einsam bin ich aber wirklich nie. Ich habe noch drei Alm-Nachbarn, die alle nur drei bis fünf Minuten entfernt wohnen. Wir sitzen eigentlich jeden Abend zusammen, je nachdem, wer gerade Zeit und Lust hat. Außerdem habe ich sehr oft Besuch von Arbeitskolleg*innen, Freund*innen, Verwandten und sogar ehemaligen Schulkamerad*innen, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. 

Momentan sind ja eh keine Feiern oder Veranstaltungen, auf die man gehen könnte. Deshalb macht uns das überhaupt nichts aus, dass wir nicht so oft ins Tal kommen. Um ehrlich zu sein, sind wir immer ganz froh, wenn wir nach dem Einkaufen wieder oben sind und unsere Ruhe haben. Das ist schon krass, wenn man am Abend draußen sitzt und gar nichts hört und auch keine anderen Menschen mehr sieht außer die Alm-Nachbarn. Man entschleunigt hier einfach super.

Was ist das Schönste am Senner*in sein?

Es ist ein sehr verantwortungsvoller Job. Der Bauer vertraut mir ja alle seine jungen Tiere über den Sommer an, dieses Vertrauen will man natürlich nicht enttäuschen. Und ganz besonders finde ich, dass man nach einer gewissen Zeit so ein besonderes Verhältnis zu den Tieren hat. Ich gehe auch immer tagsüber zu ihnen, streichle sie und rede mit ihnen, damit sie mich einfach besser kennenlernen. Das ist sehr wichtig. Wenn die Tiere etwa eine Verletzung haben, muss ich sie in den Stall bringen und wenn sie dann nicht gehorchen, ist das schwierig.

Gibt es auch herausfordernde Momente?

Manchmal haben die Tiere Hautkrankheiten oder Panaritium, das ist eine Entzündung an den Klauen. Dann muss man der Kuh mehrmals ein Medikament spritzen. Der Bauer kommt dann zwar erst selbst hierher, die nächsten Male muss ich es dann aber alleine machen. Davor habe ich einen brutalen Respekt. Ich habe davor noch nie jemandem spritzen müssen, und dann gleich so ein großes Tier. Zum Glück ist bei mir bisher aber alles gut gegangen.

Man sollte den Job allgemein nicht unterschätzen. Vor allem das Schwenden ist eine sehr anstrengende Arbeit, das Mähen mit der Sense geht total auf die Oberarme. Und man rennt eigentlich den ganzen Tag draußen rum. Die ersten paar Wochen war ich deshalb abends immer richtig fertig. Ich war das ja nicht gewohnt, weil ich davor den ganzen Tag nur im Büro saß. Wenn ich da um 22 Uhr ins Bett gegangen bin, war das schon spät für mich. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber total daran.

Wie viel verdienst du?

Ich bin auf 450-Euro-Basis angestellt. Ich brauche aber auch nicht viel, bis auf Lebensmittel und Getränke. Ich wohne sonst im Haus von meinen Großeltern und zahle da nicht viel Miete. Deshalb reicht das vollkommen.

Wie geht es für dich nach dem Sommer weiter?

Ich bin jetzt noch bis Anfang Oktober auf der Alm. Danach fange ich einen neuen Job bei einem Amt an, auf den ich mich schon sehr freue. Ich glaube, in der ersten Woche wird das eine krasse Umstellung, vor allem weil ich gar keine Pause dazwischen habe. Das ist wie, wenn man aus dem Urlaub zurückkommt erstmal völlig überfordert ist. Aber dann geht man drei Tage in die Arbeit und es ist wieder, als wenn man gar nicht im Urlaub gewesen wäre. Genauso wie man sich an das Leben hier oben auf der Alm gewöhnen muss, gewöhnt man sich auch wieder an das Leben unten. 

In meinem neuen Job habe ich die Möglichkeit, mir von Juli bis September frei zu nehmen. Also wahrscheinlich werde ich das nächsten Sommer auch wieder machen. Aber dann würde ich nochmal gerne was anderes sehen, ein anderes Gebiet, eine andere Alm. Einfach nochmal eine andere Erfahrung machen.

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