1600 Euro brutto für die Schneiderin

„Wenn man acht Stunden am Tag näht, hat man danach nicht wirklich die Energie, für sich selbst oder für Freunde zu nähen“, sagt Ida.
Foto: Privat / Illustration: Samira Roll

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Das macht man als Schneider:in

Ich arbeite in einer Leder-Schneiderei, also fertigen wir nur Lederhosen und Motorradkleidung. Wir machen sowohl Reparaturen als auch Neuanfertigungen. Für die Neuanfertigungen können sich die Kund:innen aus unserer Kollektion ein Modell aussuchen, das dann auf die Größen und Wünsche der jeweiligen Person angepasst wird. Da geht es zum Beispiel um die Position der Taschen und Nähte. Bei maßgeschneiderten Kleidungsstücken achten wir natürlich auf die Besonderheiten der einzelnen Körper. Wenn jemand zum Beispiel schiefe Schultern hat, kann man eine Schulter mehr auspolstern. Sobald das alles festgelegt ist, nähen wir eine Anprobe, die erst grob genäht wird und noch keine Taschen hat.  Die können die Kund:innen anprobieren und wir stecken alles nochmal genau ab. Danach kann das Kleidungsstück fertig gemacht werden.

Wie ich Schneiderin geworden bin

Ich hatte schon immer viel Spaß an Klamotten. Als Kind habe ich mir selbst Klamotten gebastelt, erst nur mit Kleber, dann auch mit der Nähmaschine. Nach dem Abi habe ich mich deswegen für eine Ausbildung zur Schneiderin entschieden. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Es ist möglich, sie zu verkürzen, wenn man Abitur hat. Ich habe mich aber dagegen entschieden, weil es sonst schwierig werden kann, alles zu lernen, was man für die Prüfung wissen muss. Bei der Ausbildung gibt es vier verschiedene Bereiche, auf die man sich spezialisieren kann: Industrienäher:in, Modenäher:in, Änderungsschneider:in und Maßschneider:in. Ich bin Maßschneiderin.  

Vorstellung vs. Realität

Am Anfang dachte ich, dass ich als Schneiderin sicher viele meiner Klamotten selbst nähen werde. Das hatte ich ja vorher schon gemacht. Aber wenn man acht Stunden am Tag näht, hat man danach nicht wirklich die Energie, für sich selbst oder für Freunde zu nähen. Also mache ich das fast gar nicht mehr. Außerdem hatte ich vorher erwartet, dass ich als Schneiderin auch selbst Dinge designe. Ob das zum Arbeitsalltag gehört, hängt aber sehr davon ab, wo man arbeitet und ob man selbstständig ist. In den meisten Schneidereien geht es hauptsächlich darum, Kleidung zu nähen und nicht, sie zu kreieren.

Das macht der Beruf mit dem Privatleben

Wenn man weiß, wie Klamotten richtig zu nähen sind, sieht man überall Fehler. Ich war zum Beispiel kürzlich auf einer Hochzeit und mir ist sofort aufgefallen, dass der Reißverschluss von dem Brautkleid schief war. Außerdem muss ich jetzt immer alle Klamotten anfassen, um festzustellen, ob sie aus einem guten Stoff gemacht sind. Wenn ich Klamotten kaufe, schaue ich mir ganz genau an, ob sie ordentlich genäht sind. Und ich kann meine Kleidung natürlich selbst reparieren, was sehr praktisch ist.  

Diese Eigenschaften braucht man als Schneider:in

Rechnen zu können, schadet nicht. Das lernt man zwar auch in der Berufsschule, aber man muss im Alltag wirklich viel mit Zahlen umgehen, also ist ein gewisses Grundverständnis für Zahlen hilfreich. Außerdem sollte man sich gut konzentrieren können und den Ehrgeiz haben, genau zu arbeiten. Denn wenn man beim Nähen nicht richtig aufpasst, löst sich eine Naht schnell auf oder ist schief. Außerdem ist es grundsätzlich wichtig, dass man achtsam arbeitet und sich nicht zu sehr hetzt. Denn sonst verletzt man sich leicht – vor allem beim Bügeln kann man sich schnell verbrennen.   

Was ich auf Partys immer gefragt werde

Ich werde immer gefragt, ob ich die Klamotten, die ich gerade anhabe, selbst geschneidert habe. Ich kann leider eher selten „ja“ sagen – aber wenn es mal passiert, freue ich mich total. Viele Leute fragen auch, ob ich ihnen noch irgendetwas kürzen könnte, oder ob ich dies und jenes reparieren könnte. Das mache ich vielleicht für Freunde und Bekannte, aber nicht für Leute, die ich gerade erst kennengelernt habe. Das ist keine gute Frage, um mit einer Schneiderin ins Gespräch zu kommen.

Der Arbeitsalltag

Ich fange um acht Uhr morgens an und arbeite acht Stunden. Am Morgen bekommt man eine Liste mit den Aufträgen für die nächste Zeit. Da steht zum Beispiel drauf, ob der Auftrag eine Neuanfertigung oder eine Reparatur ist, und was genau gemacht werden muss. Wie lange ein Auftrag dauert, kann man pauschal nicht sagen – ein neues Stück kann auch mal eine ganze Woche dauern. Als Azubi hat man noch nicht unbedingt festgelegte Aufgabenbereiche, also war ich während meiner Ausbildung oft das „Mädchen für Alles“ und habe die Aufgaben übernommen, für die die anderen in meinem Team keine Zeit mehr hatten. Jetzt, wo ich Gesellin bin, habe ich aber auch meine eigenen Projekte.

Die größten Herausforderungen

Ich arbeite mit Leder, was ein besonders schwieriges Material ist. Man kann viele Arten von Leder nicht wirklich in Form bügeln, weil es sonst verbrennt oder zu glatt und glänzend wird. Außerdem ist es sehr dick und schwer, man muss also spezielle Maschinen benutzen. Und man kann Nahten nicht wieder auftrennen, sonst sind Löcher im Leder. Die erste Naht muss also sitzen. Vor allem Handstiche sind besonders anspruchsvoll, denn es ist nicht leicht, dass die Nahten wirklich gleichmäßig aussehen. Nähen ist außerdem für den Rücken relativ anstrengend, weil man dauernd an der Nähmaschine sitzt und oft schwere Stoffe tragen muss.  

Was man als Schneider:in verdient 

Das kommt auf den Betrieb an. Ich bin in einem sehr kleinen Betrieb und verdiene ungefähr 1600 Euro brutto. Ich bekomme den Mindestlohn und arbeite nicht ganz Vollzeit. Kleine Schneidereien können es sich normalerweise nicht leisten, mehr zu bezahlen. Wenn man im Theater oder in größeren Betrieben arbeitet, kann man etwas mehr verdienen. Außerdem kann man nach einem Gesellenjahr einen Meister machen, wodurch auch noch einmal mehr Geld drin ist. Mit einem Meister kann man sich auch selbständig machen. 

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes war nicht vermerkt, dass die Protagonistin nicht in Vollzeit arbeitet. Deswegen kam es zu Nachfragen bezüglich des Gehalts, das zu niedrig erschien. Wir bitten das zu entschuldigen. 

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