Bis zu 8500 Euro brutto für die Zirkusdirektorin

Schon als Kind trat Tatjana im Zirkus als Akrobatin auf – heute leitet sie den Zirkus gemeinsam mit ihrer Schwester.
Foto: Flic Flac / Illustration: jetzt

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Wie der Arbeitsalltag einer Zirkusdirektorin aussieht

Ich leite gemeinsam mit meiner Schwester den Zirkus Flic Flac. Wir haben eine Show, mit der wir das ganze Jahr über in Deutschland herumreisen. Die Show besteht unter anderem aus Fahrradfahrern, Rollschuhfahrern und Scooter-Fahrern, die auf einer riesigen Rampe durch das ganze Zelt springen, Akrobaten auf dem Hochseil und auf der russischen Schaukel, einem Luftakrobaten-Paar und viel Comedy. Wir haben samstags und sonntags jeweils zwei Shows und unter der Woche jeweils eine. Über die Weihnachtszeit haben wir ein zusätzliches Programm in fünf Städten gleichzeitig. 

Ich kümmere mich um die Kassenleitung, die Kundenbetreuung und andere organisatorische Dinge, zum Beispiel Bestellungen für das Büro oder die Gastronomie. Außerdem haben meine Schwester und ich täglich zwei bis drei Meetings mit dem Marketing und den Kassen-Angestellten. Da wir direkt am Zelt wohnen, haben wir keine bestimmten Arbeitszeiten. Wir haben eher einen 24-Stunden-Job, weil wir immer erreichbar und vor Ort sein müssen.

Vorstellung vs. Realität

Der Zirkus ist nicht nur mein Job, er ist mein Leben. Mir macht es nichts aus, ständig erreichbar sein zu müssen, weil ich ohne nicht glücklich wäre. Ich liebe es, alle zwei Wochen in einer neuen Stadt zu sein und dort alles zu erkunden, es wird nie langweilig. Freunde, Mitarbeiter und die Familie reisen ja mit, deshalb fehlt einem auch nichts. 

Aktuell bleiben wir für unsere Shows dauerhaft in Duisburg. Mittlerweile kenne ich alle Parks, Wälder und die Innenstadt auswendig, weil wir auch schon in unserer Corona-Pause eineinhalb Jahre hier festsaßen. Gleichzeitig ist es auch mal ganz schön, unsere Sachen ein bisschen aufwendiger und weitläufiger aufbauen zu können, weil wir nicht nach zwei Wochen schon wieder weiterziehen müssen.

Was das mit dem Privatleben macht  

Mein Freund kommt ursprünglich nicht vom Zirkus, aber als Motorradspringer war er wegen seiner Shows schon immer viel unterwegs. Seitdem wir zusammen sind, reist er bei uns mit und liebt es. Ansonsten hätte das mit uns nicht funktioniert, das Leben im Zirkus ist einfach zu anders.

Wir teilen uns die Betreuung unserer beiden Kinder so auf, wie es gerade passt. Während der Show-Zeiten muss er viel trainieren, deshalb nehme ich meine Kinder auch mal mit ins Büro, wenn es dringend ist. Meine Tochter ist damit groß geworden, weiß also, dass sie dort leise sein muss. Außerdem haben wir ein Kindermädchen, das mit auf dem Platz wohnt und bei Bedarf zu uns in den Wohnwagen kommen kann. Im Sommer haben wir einen Monat Pause, da fahren wir dann in den Urlaub.

Die Wohnsituation beim Zirkus

Mit allen Artisten und Mitarbeitern sind wir ungefähr 100 Leute. Deshalb haben wir circa 50 Wohncontainer und 15 Wohnwägen, die normalerweise mitreisen.

Ich habe mit meiner Familie einen ziemlich großen Wohncontainer, er ist ungefähr 35 Quadratmeter groß. Den kann man einfahren, wenn er zum Weiterreisen an den LKW gehängt wird. Der Container besteht aus einem Wohnzimmer mit einer offenen Küche, einem Schlafzimmer und zwei Bädern. Zusätzlich haben wir noch einen kleineren Wohnwagen, in dem das Kinderzimmer ist, mit einem Doppelbett und ganz viel Spielzeug. 

Wir haben natürlich nicht so viel Platz wie in einem Haus, aber es ist genug für die ganze Familie. Die Kinder sind sowieso den ganzen Tag draußen und gehen Leute besuchen. Nervig ist nur, dass im Winter, wenn es wirklich kalt ist, manchmal die Wasserschläuche einfrieren. Es ist viel Arbeit, die wieder aufzutauen. 

Wie man Zirkusdirektorin wird

Meine Eltern haben den Zirkus gemeinsam gegründet. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Handstandakrobatik zu trainieren. Seit ich elf bin, bin ich im Zirkus aufgetreten. Ich habe zwar auch außerhalb des Zirkus Praktika gemacht und meine Eltern haben mich dabei unterstützt. Aber es gab einfach nichts, was mich mehr inspiriert hat und was ich mir mehr gewünscht hätte, als auf der Bühne zu sein. Deshalb habe ich das gemacht, bis ich mit 24 schwanger wurde. Nach der Geburt meines ersten Kindes haben meine Schwester und ich die Geschäftsleitung übernommen. Danach war klar, dass ich nicht wieder an den Shows teilnehmen werde. Das Training würde einfach zu viel Zeit in Anspruch nehmen, irgendwas würde auf der Strecke bleiben.

Wie das Aufwachsen im Zirkus ist

Meine Schwester und ich waren auf einer Privatschule, die in einem großen Wagen mit dem Zirkus mitgereist ist. Wir und die meisten anderen Kinder sind außerdem jeden Tag nach der Schule für zwei bis drei Stunden zum Trainieren ins Zelt gegangen. Danach hatten wir Zeit zum Spielen. Wir mussten zwar auf dem Zirkusgelände bleiben, aber ansonsten hatten wir als Kinder im Zirkus sehr viele Freiheiten.

Für mich war dieses Leben normal. Ich hatte auch ein paar Freunde außerhalb des Zirkus, die manchmal ihre Ferien oder ihr Wochenende hier verbracht haben, weil sie das Leben im Zirkus so toll fanden. Nach dem langen Lockdown würde ich mir für meine Tochter wünschen, dass es endlich weitergeht und sie genau so eine Zirkus-Kindheit haben kann wie ich damals. 

Welche Eigenschaften man als Zirkusdirektorin braucht

Man muss den Zirkus und den Job lieben, sonst funktioniert gar nichts. Manchmal fällt abends, wenn andere schon Feierabend haben, noch etwas an, dann muss man da sein und helfen. Wenn man in der Show arbeiten will, braucht man auf jeden Fall Disziplin und Talent. Wir mussten fünf Mal pro Woche trainieren und hatten eine sehr strenge Trainerin. Das führte dazu, dass wir schon im jungen Alter sehr gut waren und auftreten durften. Aber das kann nicht jeder. Meine Schwester und ich hatten Glück, weil unsere Eltern vom Zirkus sind, wir von klein auf die Show gesehen haben und da reingewachsen sind. Aber es haben auch Kinder mittrainiert, bei denen man gemerkt hat, dass das nichts wird. 

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird 

Wir sind früher oft mit einer Gruppe von jungen Leuten aus dem Zirkus in die Stadt gezogen und haben Bars und Diskos gesucht. Wir wurden dann oft gefragt, wie das Rumreisen ist. Die zweite Frage war meistens: „Können wir Freikarten bekommen?“, das fand ich immer ein bisschen unsympathisch. 

Was man als Zirkusdirektorin verdient 

Wie viel ich verdiene, ist ganz unterschiedlich und kommt darauf an, wie es gerade läuft. Je nachdem, wie viele Leute zu den Shows kommen, können das theoretisch 0 bis 8500 Euro brutto pro Monat sein. Meine Schwester und ich wären als Geschäftsleiterinnen die ersten, die auf ihr Geld verzichten müssen. Alle anderen haben ja einen festen Vertrag und brauchen ihre Gage. Das kam aber zum Glück noch nicht vor, seit wir die Leitung übernommen haben. 

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