Mädchen, warum traut ihr euch so wenig zu?

Und bewerbt ihr euch deshalb zum Beispiel nicht auf eure Traumjobs?
Von Niko Kappel und Lara Thiede

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe Mädchen, 

eine Freundin hat mir neulich erzählt, dass sie mit ihrem Job unzufrieden sei. Der Chef sei ein Arsch, das Büro und die Kollegen deprimierend und das Gehalt nicht mal annähernd dem angemessen, was sie für ihr langes Studium eigentlich verdient hätte. Sie zeigte mir dann voll des Neides eine Stellenanzeige, die perfekt für sie wäre: junges Start-Up, schönes Büro in der Altstadt und vor allem ein für die Kreativbranche üppiges Gehalt. Als ich fragte, warum sie dort nicht hinwechseln wolle, sagte sie: „Da bewerbe ich mich erst gar nicht, die Stelle bekomme ich sowieso nie.“

Laut Stellenanzeige erfüllte sie alle Anforderungen, hatte lediglich seit dem Studium das Layout-Programm InDesign nicht mehr benutzt. Mich selbst würde das nie abhalten. Ich würde sofort ein Bewerbungsbild im Automaten machen, hätte schnell mein Standard-Anschreiben herausgekramt, mal wieder die Datei lebenslauf.docx aktualisiert und wäre ab zur Post. Ist ja kein Akt, oder?

„Was soll schon passieren außer einer Absage, die Fallhöhe ist ja jetzt nicht besonders hoch“

Was soll schon passieren außer einer Absage, die Fallhöhe ist ja jetzt nicht besonders hoch. Für viele Frauen allerdings schon, das belegen mehrere Studien, zum Beispiel eine Analyse des „Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung“ am Institut der deutschen Wirtschaft. Warum seid ihr so bescheiden, wenn es um eure eigenen Fähigkeiten geht?

Es sind aber nicht nur die Bewerbungen, bei denen uns das auffällt. Während wir Jungs oft einen Ticken zu selbstbewusst sind, zum Beispiel beim Autofahren, beim Sport oder beim Flirten, trauen sich viele Mädchen offenbar nicht zu, was sie eigentlich könnten. Warum schlagt ihr euch nie die Lippe auf, weil ihr dachtet, ihr könntet beim Weg nach Hause aus dem Club bestimmt über diesen Mülleimer springen? Warum schluckt ihr nie literweise Salzwasser, weil ihr  dachtet, ihr wärt die neue Surfgöttin, obwohl ihr noch nie auf einem Surfbrett standet? Warum denkt ihr nicht, dass ihr jede Route in eurer Stadt auswendig kennt und einfach kein Navi nötig habt, obwohl ihr gerade erst hergezogen seid? Warum überschätzt ihr euch so selten und unterschätzt euch so oft? 

Erklärt doch mal.

Eure Jungs 

Die Mädchenantwort:

Liebe Jungs, 

ich war in meinem Leben schon oft nicht „qualifiziert genug“. Zum Kellnern beispielsweise. Einfach, weil da immer stand: „Suchen Bedienung in Teilzeit mit Vorerfahrung“. Auch für Praktika beim Fernsehen bewarb ich mich nicht, obwohl ich Lust gehabt hätte. Dafür, so fand ich, hätte ich das dort vorhandene Schnittprogramm beherrschen müssen. Ich traue mich heute außerdem kaum, selbst einen VW-Bus durch eine Großstadt zu fahren oder den Riesen-Hund meiner Nachbarn spazieren zu führen. Zu groß das Risiko, dabei etwas zu vermasseln. Und obwohl ich mich inzwischen trotz eingerosteter InDesign-Fertigkeiten in der Situation eurer Freundin auf den Traumjob bewerben würde, weiß ich genau, was sie abhält: die Sorge vor Größenwahn. 

Denn wenn Selbstüberschätzung auffliegt, dann ist das ziemlich peinlich. Oder ist es euch nicht unangenehm, gegen die Mülltonne zu krachen, die ihr überspringen wolltet? Beziehungsweise erst im Schnittraum zuzugeben, dass ihr (anders als ausgeschrieben) nicht mal wisst, wie man die Datei richtig anlegt?  

Fairerweise müssen wir an dieser Stelle einräumen, dass eure Dreistigkeit – oder nennen wir es euer Mut – sich oft bezahlt macht: Ihr haltet die ersten Peinlichkeiten offenbar einfach aus und rackert euch dann langsam aber sicher ganz selbstbewusst nach oben. Das meiste lernt man eben doch erst, wenn man schon auf dem Surfbrett steht. Oder den Job schon hat. 

„Es ist nicht besonders sympathisch, immer zu glauben, selbst der perfekte Kandidat zu sein“

Oft finden wir eure Selbstüberschätzung aber gar nicht so erstrebenswert. Muss ich denn wirklich 30 Bewerbungen auf 30 Jobangebote schreiben – wenn ich genau weiß, dass ich bei 20 die Anforderungen gar nicht erfülle? Damit verschwende ich nicht nur meine Zeit, sondern auch die von anderen. Außerdem tut jede Absage eben doch ein bisschen weh.

Dass viele von uns das nicht wollen, macht uns nicht automatisch zu unsicheren, verängstigten Mädchen. Oft zeugt es vielmehr davon, dass wir realistische, reflektierte Frauen sind. Daher übrigens fahren wir auch nicht ohne Navi in unbekannter Gegend oder springen betrunken über Hindernisse. Wir kennen uns selbst dafür zu gut.

In unserer Welt ist es außerdem nicht besonders sympathisch, immer zu glauben, selbst der perfekte Kandidat oder die perfekte Kandidatin zu sein – obwohl man nicht mal besonders viel Ahnung von der Aufgabe hat. Vermutlich sind wir da arg prinzipiengetreu, aber wir wollen eben niemanden enttäuschen und zu viel versprechen. Stattdessen fühlen viele von uns sich mit Untertreibung und Bescheidenheit wohler. Schließlich kann man damit eigentlich nur positiv überraschen. 

„Ihr scheint euch eher über die Langzeitfolgen der eigenen Unterschätzung Sorgen zu machen“

Aber natürlich seid ihr Jungs nicht alle überhebliche Idioten, klar. Ihr scheint euch dagegen einfach eher über die Langzeitfolgen der eigenen Unterschätzung Sorgen zu machen: Dass ihr was verpassen könntet – eine Karrierechance oder meinetwegen auch nur den Spaß an neuen Herausforderungen. Das ist natürlich super egoistisch, aber im positiven Sinne. Denn erstens schafft ihr euch dadurch Möglichkeiten, die euch selbst weiterbringen. Und zweitens wachst ihr so ja in Aufgaben hinein, die ihr am Ende trotzdem gut macht.

Manchmal wünschen wir uns daher schon ein bisschen mehr Vertrauen in unsere eigenen Fähigkeiten. Meistens, wenn mal wieder einer von euch geschafft hat, was wir im Nachhinein betrachtet wohl auch hätten schaffen können. Aber das Schöne daran ist ja, dass man Selbstvertrauen lernen kann.

Spätestens dann, wenn wir das Ganze oft genug an euren Erfolgen beobachtet haben, fassen wir oft doch den Mut, uns auf Traumjobs zu bewerben. Und mit all den Vorkehrungen, die wir bis dahin getroffen haben, solltet ihr euch eigentlich keine Sorgen mehr um unsere Laufbahn machen müssen – sondern vielleicht eher Sorgen um eure. Denn mit einem Foto aus dem Automaten oder nur einem Standardanschreiben bewerben wir uns dann nicht.

Zwinker, zwinker, 

eure Mädchen

  • teilen
  • schließen