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Illustration: Daniela Rudolf / Foto: freepik

Die Mädchenfrage: 

Liebe Jungs,

als ich kürzlich mit einer Freundin ein Treffen verabreden wollte, wurde es ein wenig absurd: Statt uns auf einen Termin zu einigen, erzählte erst ich ihr, wann mein Freund seine wöchentlichen Termine hat, dann sie mir von denen ihres Freundes. Die Quersumme dieser Freunde-Termine ergab dann ein mögliches Zeitfenster für uns beide. Was waren wir froh, als wir einen gemeinsamen Termin gefunden hatten – in drei Wochen zwischen 19 und 22 Uhr, aber natürlich nur unter Vorbehalt.

Nach diesem Telefonat musste ich mich erst mal hinsetzen und einen ausführlichen Wutanfall durch mich durchwallen lassen. Wut auf mich, weil ich, wie so oft, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken die Bedürfnisse meines Freundes über meine eigenen gestellt hatte. Wut auf meine Freundin, die genau dasselbe getan hatte. Wut auf unsere Partner, die es scheinbar locker schaffen, ihr eigenes Wohlbefinden zu priorisieren und Wut auf die ganze Welt, weil mir klar wurde, dass nicht nur meine Freundin und ich dazu neigen, unser Leben um uns herum zu planen, sondern sehr viele Frauen. Und dass das für ein sehr viel größeres Phänomen steht, als nur unsere Freizeitgestaltung.

Wir kennen euren Stundenplan genau, wissen immer, wann eure Sport-/Sauf-/Freizeit-/Arbeits-Termine stattfinden – und wie selbstverständlich legen wir unsere Termine passend zu eurer Agenda. Euch fällt das vermutlich gar nicht so besonders auf, weil wir darüber nicht oft reden. Denn wenn wir es doch mal versuchen, euch darauf anzusprechen, kriegen wir den immer gleichen Satz vor den Latz gehauen: „Ich habe dich nicht darum gebeten, dein Leben um mich herum zu planen!“  

ARGH!!!!! Schon klar, ihr Schlauberger!

Wir befinden uns übrigens im Jahr 2018, nur damit wir das nicht vergessen

Ich glaube, schuld sind, wie eigentlich bei allem, was mit uns nicht stimmt, die Eltern: Unsere Mütter übernahmen in der Regel die Rolle der fürsorglichen Familienzusammenhalterin, die Väter verdienten (zumindest noch bis vor einiger Zeit) den größten Anteil des Geldes, hatten dementsprechend „echt viel Stress“, mussten sich erst mal ausruhen und am Wochenende zum Faustball. Die Zeit, die sie zuhause verbrachten, war eine super Sache für die Kinder, aber die wären nie auf die Idee gekommen, ihren Vater um Salate fürs Sommerfest-Buffet zu bitten. Genauso wenig, wie die Väter auf die Idee gekommen wären, ein Geschenk für die Gastgeber des jährlichen Nachbarschafts-Grillfests zu besorgen. Oder die Arzttermine für die Kinder auszumachen. All das, was man heute modern „care work“ nennt, war Sache der Mutter – und ist es scheinbar noch heute. Statistiken des Bundesfamilienministeriums  zeigen, dass auch heute noch Frauen ungefähr eineinhalb Mal so viel unbezahlte Sorgearbeit ausüben wie Männer. In Minuten umgerechnet bedeutet das: Eine Frau investiert pro Tag 87 Minuten mehr in all diesen undankbaren Scheiß, wie Wäsche waschen, einkaufen, aufräumen, Termine koordinieren, Menschen pflegen, Kinder aufziehen, ad nauseam, als ihr Partner. Wir befinden uns übrigens im Jahr 2018, nur damit wir das nicht vergessen.  

Und so wurden wir aufgezogen: für andere zu sorgen, zu schauen, dass jeder zu seinem Recht kommt, dass alles funktioniert und reibungslos abläuft – und vergessen uns am Ende selbst. Das ist nicht lustig, sondern kann für manche von uns zu einem echten Problem werden. Es gibt diese blöde Weisheit, die besagt, man solle in Flugzeugturbulenzen erst sich selbst die Sauerstoffmaske überziehen, bevor man sich um die kümmert, die Hilfe brauchen. Aufs Leben übersetzt, bedeutet das: Erst wenn du dich um dich selbst gekümmert hast, kannst du dich anderen Menschen widmen. Ich habe den Eindruck, dass euch Jungs so ein Handeln nicht schwerfällt. Bei mir dagegen, und bei vielen anderen Frauen auch, fühlt sich diese Ansage komplett kontraintuitiv an. Auch wenn wir wissen, dass es uns die mentale und körperliche Gesundheit kosten kann, wenn wir nicht auf uns selbst aufpassen.

Also erklärt uns das mal: Wie funktioniert es, sich immer an Platz eins zu stellen? Wie geht es, sich um sich selbst zu kümmern? Und würdet ihr es merken, wenn wir uns nicht mehr um euren Terminkalender scheren? Wir wollen auch so rücksichtslos und egoistisch werden wie ihr!

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Jungs-Antwort

Liebe Mädchen,

auch wir finden, dass es wichtig und rücksichtsvoll ist, seine Termine in einer Beziehung abzusprechen. Wir denken aber, dass ihr Flexibilität anders definiert als wir. Für uns bedeutet Flexibilität spontan zu sein und nicht immer alles zu planen. So wie ihr hier argumentiert, haben wir das Gefühl, dass Flexibilität für euch nur bedeutet, dass wir auf Dinge auch mal verzichten sollten. Wie auf diesen einen Termin, den wir uns trotz aller Spontaneität gesetzt haben.

Zugegeben, das klingt ziemlich wirr. Deshalb ein Beispiel: Das wöchentliche Fußballgucken mit den Kumpels in der Kneipe um die Ecke ist uns wichtiger, als ihr vielleicht denkt. Dabei geht es nämlich um weit mehr als um Fußball. Diese Kontinuität gibt uns Stabilität, und die wollen wir auf keinen Fall aufgeben. Natürlich ist uns die Zeit mit euch in einer Beziehung am Wichtigsten. Aber wir brauchen eben diesen einen Nachmittag in einem anderen Umfeld. Und den solltet ihr euch auch nehmen.

Schließlich – wir wissen, das nervt jetzt – haben wir euch wirklich nicht danach gefragt

Ihr fragt uns danach, wie es geht, sich um sich selbst zu kümmern. Dieser eine Nachmittag in der Kneipe ist eigentlich schon die Antwort darauf. Indem wir ihn uns konsequent freihalten, können wir sicher sein, dass er uns auch erhalten bleibt. Das kommt euch vielleicht egoistisch vor. Leider funktioniert das aber nur in dieser Konsequenz. Wenn man sich um sich selbst kümmern will, muss man manchmal egoistisch sein.

Wir können euch nur raten, auch konsequenter zu sein. Und eins ist klar: Natürlich würden wir es merken, wenn ihr einfach nicht mehr um unsere Bedürfnisse herum planen würdet. Genauso würdet ihr es aber merken, wenn wir in anderen Situationen auf euch keine Rücksicht mehr nehmen würden. Wir richten unser Leben sehr wohl auch nach euch, klären Termine mit euch ab und wollen Zeit mit euch verbringen. Deshalb finden wir diese Unterstellung ein bisschen unfair. Schließlich – wir wissen, das nervt jetzt – haben wir euch wirklich nicht danach gefragt.

Ja, das denken wir tatsächlich. Vielleicht kommt das so blöd, weil ihr Mädchen in den meisten Fällen einfach wirklich emphatischer seid als wir Jungs? Deshalb: Warum nehmt ihr euch nicht auch einfach konsequent euren Nachmittag oder Abend in der Woche, an dem ihr etwas ohne uns unternehmt. Wir hätten nichts dagegen!

Was die Sache mit der „Care Work“ angeht, habt ihr natürlich Recht. Wenn ihr dafür wirklich pro Tag eine Stunde mehr opfert, dann geht das gar nicht. Das ist schlicht und einfach unfair. Was die Gründe dafür angeht, sind wir ein bisschen ratlos. Vielleicht liegt das wirklich an veralteten Rollenklischees, die uns vorgelebt wurden oder die wir als Kinder im Fernsehen aufgeschnappt haben.

Und weil das unfair ist, wollen wir in Zukunft auch mal einen Salat für die nächste Party machen und auf eure Termine Rücksicht nehmen. Aber trotzdem würden wir gerne weiterhin einmal die Woche am Samstag von 15:30 Uhr bis 17:15 Uhr die Bundesliga mit den Kumpels in der Kneipe gucken. Wir hoffen, das ist ok für euch.

Eure Jungs

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