Mädchen, warum benutzt ihr niedliche Filter?

Widerspricht das nicht eurem Bild einer starken Frau?
Von Niko Kappel und Nele Spandick

Emoji: open source; Illustration: Jessy Asmus

Liebe Mädchen,

irgendwie haben viele von euch vor einiger Zeit angefangen, auf Social Media ihre Gesichter zu verstecken. Wir können uns vor süßen Kätzchen, Hunden, Rehchen und Bienchen im Internet kaum noch retten, seit Snapchat und Instagram angefangen haben, animierte Tiergesichter auf menschliche Gesichter zu montieren. Auf Bitten seiner Nutzer hat Snapchat sogar eingeführt, dass der Hundefilter jetzt auch Hunde erkennt und zu Hunden macht. Also echte Hunde zu virtuellen Hunden. Jetzt seid ihr nun mal aber keine Hunde, sondern Frauen. Warum bellt ihr euch dann eigentlich ständig durch unsere Timelines?

Vielleicht liegt die Ursache des Filterwahns ja an den zahlreichen und sehr  prominenten Vorbildern. Den wohl einflussreichsten Reality-TV-Star unserer Zeit, Kylie Jenner, und die wohl einflussreichste Popkünstlerin unserer Zeit, Ariana Grande, sieht man fast nie ohne Hündchen-, Reh-, oder Hasenohren in ihren Stories. Diese Frauen sind mit die erfolgreichsten im Social-Media-Game. Glaubt ihr, dass niedliche Filter dafür die Voraussetzung sind? Warum zeigt ihr lieber hässlich animierte Nasen als eure echten? Okay, im Fall von Kylie Jenner ist auch die Nase unter dem Filter nicht echt, aber sei es drum. Warum glaubt ihr, dass ihr dadurch besser ausseht? Was ist besser an einem unechten Hundegesicht als an einem echten Menschengesicht?

Der Hundefilter strahlt weder Selbstsicherheit noch Coolness aus

Ihr wollt doch sonst immer so emanzipiert sein. Findet ihr nicht, dass das virtuelle Aufsetzen von Tiermasken da ein Rückschritt ist? Ihr wollt starke Frauen sein, aber seht auf Instagram aus wie süße Hündchen. Natürlich könnt ihr sowohl feministisch als auch süß sein, das schließt sich ja nicht aus. Aber gerade bei diesem Thema ist euch doch eure Außenwirkung so wichtig. Habt ihr keine Angst, durch niedliche Filter nicht mehr als starke Frau gesehen zu werden?

Letzter Punkt: Es sieht auch wirklich nicht schön aus, wenn ihr uns vom Handybildschirm aus mit einer virtuellen Zunge über das Gesicht schlabbert. Der Hundefilter strahlt weder Selbstsicherheit noch Coolness aus, eher sagt er uns, dass ihr vom Kopf her noch 13 Jahre alt und total unsicher seid. Und wenn man total unsicher ist, dann ist das Internet nicht gerade der beste Ort, um das zur Schau zu stellen.

Deshalb fragen wir uns, warum ihr diese Filter benutzt? Wollt ihr damit etwas kompensieren oder verstecken? Wenn ja, was genau? Erklärt doch mal bitte.

Eure Jungs

Die Mädchenantwort

Liebe Jungs,

vielleicht vorneweg: Ja, niedliche Filter sind selten niedlich. Meist sind sie ziemlich affig. Und viele von uns verdrehen die Augen, wenn sie eine 33-jährige Influencerin sehen, die mit Hasenohren erklärt, warum ihre 13-jährigen Followerinnen unbedingt ihre überteuerte Contouringpalette oder ihren neuen Hologramm-Nagellack kaufen müssen.

Aber eure Frage bringt uns zum Nachdenken. Denn nach sorgfältiger Reflektion fallen uns schon Situationen ein, in denen auch wir den Tierfilter nutzten. Da waren Geburtstagsgrüße, die wir als tanzendes Erdmännchen verschickten oder Hasenohren-Selfies in der leeren Bib. Immer gedacht für gute Freundinnen und Freunde, nie in der Insta-Story für die ganze Öffentlichkeit. Und natürlich immer super ironisch. Und trotzdem: Wir haben es getan. Und wir fragen uns jetzt: Wieso zur Hölle?

Wenn wir daran zurückdenken, was uns zu dieser hochgradig peinlichen Tat trieb, waren das meist solche Momente: Wir waren gerade erst aufgewacht, lagen mit verwuschelten Haaren und T-Shirt voller Kaffeeflecken im Bett. Wir kamen mitten in der Klausurenphase unausgeschlafen in die Uni. Wir saßen seit fünf Stunden im Zug, nachdem wir am Abend vorher viel zu lange tanzen waren. Long story short: Wir waren nicht auf dem Höhepunkt des guten Aussehens.

Da sitzen wir also in der Blüte unserer Hässlichkeit und wollen unseren Freundinnen und Freunden trotzdem ein Foto von dem Moment schicken. Wir machen ein Selfie, schauen es uns an, machen noch eins, schauen es uns wieder an. Das machen wir ein paar Mal, aber wir müssen einfach einsehen: Schön ist das nicht. Denn Selfies sind die so ziemlich undankbarste Art, schöne Fotos zu machen. Das Gesicht ist so nah an der Kamera, dass jede Unreinheit sofort ins Auge springt. Irgendwie haben wir immer entweder ein Doppelkinn oder ein sehr unproportionales Gesicht. Die Kartoffelnase, die nicht zu bändigende Haarsträhne und die unordentlich gezupfte Augenbraue lassen sich nicht verstecken.

Unsicherheit ist kein Makel und schon gar nicht unfeministisch

Dann gibt es zwei Auswege: Wir tun so, als wären wir super uneitel und machen absichtlich besonders hässliche Bilder. Oder wir entscheiden uns für die scheinbar niedlichere Alternative: Tierfilter. Die machen uns nämlich nicht nur zu süßen Mäusen und Rehen, sondern auch zu schönen Menschen. Sie verpassen uns eine weichgezeichnete Haut, große und glänzende Augen, eine kleine Nase, eine gesunde Gesichtsfarbe. Sie sind virtuelles Makeup. Das Bellen und Summen ist nur das Beiwerk, das den Filter nicht allzu eitel wirken lässt. Und damit sind wir womöglich bei der Antwort zu eurer Frage angekommen: Nein, wir glauben nicht, dass uns die Tierfilter niedlich machen. Aber wir glauben, dass sie uns schöner machen.

Da steckt die Unsicherheit einer 13-Jährigen vielleicht doch noch in uns. Eitelkeit ist immer auch ein Zeichen von Selbstzweifel, Tierfilter sind ein Zeichen für die Unzufriedenheit mit dem natürlichen Selfie. Wir wissen das. Aber es ist verdammt schwer, die eigene Unsicherheit zu überwinden, in einer Welt, in der die scheinbar makellose Kylie Jenner mit virtueller Hundezunge über unsere Bildschirme schleckt.

Und eins ist auch klar: Unsicherheit ist kein Makel und schon gar nicht unfeministisch. Starke Frauen sind nicht nur die, die zu ihrem natürlichen Aussehen stehen, sondern auch die, die zu ihren Selbstzweifeln stehen. Keine einzige muss Fotos posten, auf denen sie sich hässlich findet und keine muss sich virtuelle Hasenohren  aufsetzen, die sie affig findet. Manche von uns werden weiter ironische Tier-Selfies schicken, manche werden das auch weiter völlig ernst gemeint tun und andere werden die Tierfilter völlig hinter sich lassen. Und hoffentlich werden die wenigsten von uns dabei Angst haben, wegen ihrer Entscheidung keine starke Frau zu sein.

Eure Mädchen

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