Mädchen, sollen wir uns für euch prügeln?

Dieser ganze Beschützer-Kram ist doch längst überholt. Oder doch nicht?
Von Niko Kappel und Lara Thiede

Bildrechte: buchsammy / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Liebe Mädchen,

in der Weihnachtszeit wird man melancholisch und schaut sich alte Sachen im Fernsehen an, die man schon hunderte Male gesehen hat. Jeder hat da so seine Lieblinge, bei mir sind es alte Folgen der Sitcom „How I Met Your Mother“. Als ich da diese Weihnachten zwischen Fressgelage und anderem Fressgelage so vor mich hin bingte, stellte sich mir bei einer Folge aus der vierten Staffel eine Frage.

Ted und Barney geraten in eine Prügelei, weil jemand an ihrem Stammplatz im McLaren’s sitzt. Zuerst wollen sich die beiden nicht auf eine Prügelei einlassen. Dann aber bekommt Barney mit, dass Robin, auf die er gerade voll abfährt, darauf steht, wenn Männer ihre Angelegenheiten auch mal mit Fäusten klären. Er überredet seinen Kumpel Ted und mithilfe des Barmanns verdreschen die beiden die Stammplatz-Klauer im Hinterhof der Bar. Robin ist danach hin und weg.

Jetzt sollte man „How I Met Your Mother“ natürlich nicht als Abbild der Realität verstehen. Aber trotzdem fragte ich mich, ob in der beschriebenen Folge ein bisschen Wahrheit steckt: Gibt es für euch Situationen, in denen ihr wollt, dass wir uns prügeln?

Uns ist zwar klar, dass ihr grundlose Gewalt in der Regel so scheiße findet wie wir. Aber wie ist es, wenn es einen guten Grund gibt? Und was wäre ein solcher guter Grund? Gibt es Situationen, in denen ihr euch wünscht, dass wir mal zulangen? Zum Beispiel, wenn uns jemand, wenn wir mit euch unterwegs sind, in einer Bar dumm kommt?

Findet ihr, so wie Robin aus „How I Met Your Mother“, prügelnde Männer sexy? Wenn ja, was gefällt euch daran? Erfüllt das eure Vorstellung von Männlichkeit? Weil wir euch so zeigen, dass wir euch beschützen können? Wollt ihr, dass wir euch als eure Freunde im Streit, zum Beispiel mit Grapschern, „schlagkräftig“ zur Seite stehen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr nicht wollt, dass sofort die Fäuste fliegen, nur wenn ihr mal von einem anderen Typ zu lange angeschaut werdet. Aber ab wann findet ihr Schläge gerechtfertigt? Wenn ihr zum Beispiel im Club begrapscht werdet? Wenn euch einer einen beleidigenden Spruch drückt? Oder wirklich nur Extremfall, wenn ihr körperlich angegriffen werdet?

Sagt doch mal: Träumt ihr insgeheim von einem Typen, der sich für euch das Hemd aufreißt, für euch in Klitschko-Stellung geht und euch mit seinen Fäusten verteidigt? Oder sollten wir euch nur mit Worten beistehen?

Eure Jungs

Die Mädchenantwort:

Dirk Schmidt

Liebe Jungs,

lasst eure Hemden bitte ganz. Denn so eine Prügelei finden wir, wenn überhaupt, wirklich nur in den seltensten Fällen gut. Auch für mich gehören Männlichkeit und Wehrhaftigkeit beziehungsweise Schlagkräftigkeit schon längst nicht mehr zusammen.

Dabei habe ich als kleines Mädchen selbst zu viel Fernsehen geguckt und daran geglaubt, dass es irgendwie romantisch sei, wenn der Mann die Fäuste für seine Frau einsetzt. Dass ihn männlich und begehrenswert mache, wenn er sie verteidigt. So kam es dann auch zu meiner Zeit mit, nennen wir ihn mal: Tobias. Er war ein echter Bad Boy aus dem verrufensten Teil der Stadt. Er rappte, trank, prügelte. Und ich meinte, das sexy zu finden.

Bis ich dann mal dabei war. Denn als er da wie wild auf einen Typen zurannte, der mich wohl ausgecheckt hatte, und ihn schlug und trat, war ich weder stolz, noch fühlte ich mich geschmeichelt. Ich wollte, dass er aufhörte. Ich schämte mich in Grund und Boden und hatte große Sorge, dass einem der beiden ernsthafte Verletzungen bleiben würden. Außerdem wurde mir durch die Aktion noch etwas anderes bewusst: meine eigene Hilflosigkeit. Meine Rufe, mein Bitten und Flehen um ein Ende halfen gar nichts. Meine Körperkraft hätte vermutlich nicht mal den Arm vom Ausholen abhalten können.

Außerdem wird einem in solchen Momenten auch bewusst, dass es bei den Schlägen nicht darum geht, die Frau als solche zu beschützen oder ihr zu helfen. Es geht in der Regel eher darum, die Frau als eigenes Territorium, als Besitz zu verteidigen. Derartige Gewalt ist Machtgehabe und hat nichts mit einem Liebesbeweis zu tun. Es zeigt eher, wie wenig Kontrolle der jeweilige Mann über sich selbst hat, wie unausgeglichen er ist. Und das macht ihn dann ja eher unsexy.

Körperlich solltet ihr also eigentlich nur dann werden, wenn tatsächlich reale Gefahr von jemand anderem ausgeht und ihr ihn oder sie nur so davon abhalten könnt, anderen zu schaden. Dann sind wir euch auch dankbar dafür, dass ihr so viel Einsatz zeigt. Natürlich aber nur so viel wie nötig. Ansonsten würden wir wohl eher mentale und kommunikative Stärken der körperlichen Stärke vorziehen.

Denn natürlich wollen wir uns nicht immer nur selbst verteidigen müssen. Wenn ein Typ mir unaufgefordert an den Hintern fasst oder mich beleidigt - dann ist es schön, wenn ich nicht alleine mit ihm fertig werden muss, wenn ihr euch einmischt. Denn natürlich sage ich ihm als Frau, dass das überhaupt nicht geht. Oft wird meine Beschwerde dann aber einfach als hysterisch, zickig und übertrieben abgetan. Von einem Geschlechtsgenossen allerdings könnte das dann schon ganz anders wirken.

In den meisten Streitsituationen, die nicht gerade Übergriffe sind, brauchen wir euren Schutz aber gar nicht. Wir wissen unsere Kämpfe in der Regel selbst auszufechten. Männlichkeit hängt für die meisten von uns nicht mehr mit dem Bild eines großen Beschützers zusammen. Klar ist es schön, wenn der Partner dann zu einem hält. Das fühlt sich aber auch bei einer Partnerin, einer Freundin, der Mutter oder der Cousine gut an.

Es mag, wie so oft, auch die andere Seite und damit dennoch Frauen geben, die weitgehend sinnloser Gewalt irgendwie trotzdem noch etwas abgewinnen können. Ich bin mir aber sicher, dass sie die Minderheit darstellen. Lieber sind uns Männer, die besonnen reagieren. Die fähig sind, Streit zu schlichten. Die uns beistehen, indem sie Situationen ent- und nicht verschärfen. Die ihre Hände im Streit ausschließlich zum Gestikulieren verwenden.

Eure Mädchen 

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