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„Der Trend geht wieder zur vaginalen Geburt“

Illustration: jetzt

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Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Annmarie (26) ist Hebamme und den Frauen somit eine wichtige Stütze in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett.

Für das Kinderkriegen habe ich mich schon früh interessiert: Ich habe relativ spät nochmal zwei kleine Brüder bekommen, damals war ich jeweils elf und dreizehn Jahre alt. Die Schwangerschaft meiner Mama habe ich also bewusst mitverfolgt und fand das Ganze super spannend. Nach dem Fachabi stand für mich fest, dass ich Hebamme werden möchte, also habe ich die Hebammenschule gemacht und das war definitiv die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.

Zu Beginn habe ich noch in einer Klink gearbeitet, wo ich die Frauen nach meiner Acht-Stunden-Schicht wieder abgeben musste. Dabei ist es natürlich schwierig, ein gutes Vertrauensverhältnis zu den Frauen aufzubauen, da man einfach nicht die Zeit dazu hat sich richtig kennenzulernen. Jetzt arbeite ich in einer Praxis und dort begleiten wir die Frauen sowohl während der Schwangerschaft als auch bei der Geburt und im Wochenbett.

„Wir Hebammen bräuchten bei der Geburt eigentlich keinen Arzt“

Dadurch, dass wir die Frauen über einen langen Zeitraum begleiten, haben wir eine ganz andere Bindung zu ihnen. Ein Arzt kann dieses Vertrauen gar nicht so schnell aufbauen, weil er nicht kontinuierlich dabei sein kann. Wir Hebammen sind ja letztlich auch für die physiologische Geburt zuständig, das heißt, wir bräuchten in der Regel auch keinen Arzt. Wenn das Kind dann aber tatsächlich kommt, wird zumindest im Krankenhaus ein Arzt hinzugeholt – und bei Notfällen natürlich sowieso. Ansonsten übernehmen wir Hebammen aber die Begleitung der Geburt.

Auch nach knapp fünf Jahren im Beruf bin ich immer noch geflasht von jeder Niederkunft und jedem Kind, das da geboren wird. Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, die Menschen dabei zu begleiten, wie sie eine Familie werden. Was mich aber am meisten an meinem Beruf reizt, ist dass ich eigene Entscheidungen treffen und auch Medikamente verabreichen kann, wenn es notwendig ist.

„Vaginale Geburten und Wunschkaiserschnitte gibt es am häufigsten“

Aktuell geht der Trend wieder zur spontanen vaginalen Geburt, weil das die physiologisch vorgesehene Art ist und die Frauen danach viel schneller wieder fit sind. Nach zwei bis drei Tagen können sie wieder entlassen werden. Zudem bestehen nicht so große Risikofaktoren für eine Folgeschwangerschaft wie nach einem Kaiserschnitt. Der wird allerdings auch nach wie vor häufig gewünscht – oft, weil die Frauen Angst vor einer vaginalen Geburt haben, sie bereits schon einmal schlechte Erfahrungen damit gemacht haben oder es aus der Familie so kennen, dass alle einen Kaiserschnitt hatten. Viele wollen es somit erst gar nicht anders probieren.

Wir beraten in der Hinsicht vorab vollkommen neutral und verurteilen die Entscheidung der Frauen auch nicht. Schließlich kann es auch Auswirkungen auf das Wochenbett haben, wenn sich die werdende Mutter bei der Geburt in die Ecke gedrängt fühlt, dadurch in eine Wochenbettdepression verfällt und ihr Kind nicht annehmen kann.

Insgesamt bekommen Familien scheinbar aber wieder mehr Kinder – zwei oder drei sind wieder häufiger der Fall bei uns. Die Altersspanne der Eltern ist dabei relativ groß, die meisten sind jedoch zwischen 30 und 35 Jahren. Mir fällt aber auf, dass auch einige wieder jünger schwanger werden, so ab 25 Jahren. Das Ganze geht dann hoch bis 40 Jahre. Manche versuchen schon lange, ein Baby zu bekommen, manchmal klappt es dann erst relativ spät.

„Fallen die Herztöne des Kindes ab, bleiben uns drei bis zehn Minuten für eine Entscheidung“

Egal, wie alt die Leute sind, jede Schwangerschaft und jede Geburt ist einfach immer wieder anders und ein besonderes Erlebnis – auch für mich als Hebamme. Jeden Tag erlebe ich tolle Momente: Ich sehe, wie die Schwangeren sich entwickeln, kann ihnen die Ängste nehmen und Notsituationen entschärfen, ohne dass ein Arzt hinzugezogen werden muss. Es ist wunderschön, wenn beide Elternteile dasitzen und ich ihnen das erste Mal über ein Gerät von außen die Herztöne ihres Kindes vorspielen kann. Viele sind dann überrascht, wie schnell dieses kleine Herz schon schlägt. Und auch nach der Geburt kommen die Mütter immer wieder auf uns zu und wir unterstützen sie im Umgang mit ihrem Kind. Das ist einfach toll!

Trotzdem gibt es auch traurige Momente in meinem Beruf: Das sind beispielsweise Fehlgeburten oder Fehlbildungen beim Kind, die vorher nicht erkennbar waren und nach der Geburt zu Komplikationen führen können. Einige Kinder haben sich auch in die Nabelschnur eingewickelt. All das sind natürlich kritische Situationen, in denen wir schnell handeln müssen. Sobald die Herztöne des Kindes abfallen, muss es schnell auf die Welt geholt werden – dabei handelt es sich dann oft um eine Zeitspanne zwischen drei und zehn Minuten, die uns für eine Entscheidung bleibt. Nach 20 bis 30 Minuten sollte das Kind dann unbedingt geboren worden sein.  

Nach einem langen Arbeitstag nimmt man so etwas dann natürlich auch mit nach Hause. Es ist nicht so, dass sich die Kreißsaaltür schließt und man nicht mehr darüber nachdenkt. Eben, weil man auch so eine enge Bindung zu den Familien hat. Der Großteil der Geburten läuft aber zum Glück komplikationsfrei und natürlich ab. Besonders süß finde ich es dann immer, wenn die Männer ihre Frauen richtig anfeuern. Sie sind die mentale Stütze bei so einem Ereignis.

„Ich finde es schade, dass man in dem Job so schlecht bezahlt wird“

Ich habe das Gefühl, dass das Ansehen von Hebammen in der Bevölkerung in den letzten Jahren wieder etwas gestiegen ist. Ich weiß von meiner Mama, dass viele Frauen früher lieber zum Arzt als zur Hebamme gegangen sind. Mittlerweile hat sich das total geändert. Das Vertrauen in diesen Beruf ist groß. Zudem sind viele Arztpraxen überlaufen und da nicht jeder immer direkt zum Kinderarzt gehen möchte, kommen die Eltern dann auch gerne zu uns. Schließlich sind wir dafür geschult uns um die Frauen und Kinder zu kümmern.

Ich finde es aber schade, dass man in dem Job trotz all dem, was man leistet, nach wie vor schlecht bezahlt wird – besonders, wenn man angestellt arbeitet. Dann wird nach Tarif bezahlt, das ist ähnlich wie bei Krankenschwestern, nur dass wir eigentlich mehr Verantwortung haben. Eine Krankenschwester wickelt alles über den Arzt ab, wir hingegen entscheiden vollkommen eigenverantwortlich und müssen uns dem auch sicher sein. Denn für die Konsequenzen haften wir ganz alleine.

Insgesamt bin ich aber wirklich sehr froh über diesen tollen Beruf und möchte nie wieder etwas anderes machen.

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