„Der Arzt warf sich auf meinen Bauch“

Gewalt bei der Geburt ist erst seit Kurzem ein Thema – dabei hat es sie schon immer gegeben.
Von Anonym*
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Illustration: Federico Delfrati

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Dass man das, was ich bei der Geburt meines zweiten Kindes erlebt habe, als „Gewalt bei der Geburt“ bezeichnen könnte, ist mir erst klar geworden, als das Thema in den vergangenen Jahren in die Öffentlichkeit gerückt ist. Vorher hatte ich die Geschichte als Anekdote abgespeichert und holte sie immer dann hervor, wenn ich mit einigen anderen Müttern zusammen saß und wir uns über die Geburten unserer Kinder unterhielten.

Meine zweite Schwangerschaft verlief unspektakulär und angenehm. Bis zum Abend vor dem Geburtstermin, als sich mein Baby beim Schwangerschafts-Yoga in Steißlage drehte. Das ist nicht gut, denn Babys sollen mit dem Kopf zuerst zur Welt kommen, der Rest rutscht dann sozusagen nach. Liegt das Baby verkehrt herum, kann man zwar auch eine natürliche Geburt probieren. Dann ist das Risiko allerdings höher, dass das Kind während der Geburt nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, was fatale Folgen haben kann.

Der Chefarzt stellte sich kurz vor und stürzte sich regelrecht auf meinen Bauch

Meine Frauenärztin war alarmiert und versuchte mit allerlei homöopathischem Zauber, das Kind wieder zum Umdrehen anzuregen. Das funktionierte nicht und so überwies sie mich ins Krankenhaus zu einer sogenannten „äußeren Wendung“.

So eine äußere Wendung machen heute nur noch wenige Ärzt*innen, weil das Verfahren viel Übung erfordert und potenziell gefährlich für Mutter und Kind ist. Ich war trotzdem damit einverstanden, weil ich einen Kaiserschnitt vermeiden wollte. In etwa 65 Prozent der Fälle ist eine äußere Wendung auch erfolgreich. Und so wurde ich in ein unterirdisches Gebäude des städtischen Klinikums gebracht, wo man mir eine Infusion legte, die die Bauchmuskulatur entspannt. Blöde Nebenwirkung des Medikaments: Man kriegt Herzrasen und fühlt sich, als wäre man gerade an einem Bungee-Jumping-Seil eine Schlucht runtergestürzt.

Es waren ein Arzt und eine Ärztin da, die das Kind im Bauch per Ultraschall überwachten – denn so eine Wendung ist ein ziemlich brachiales Unternehmen: von außen wird versucht, das Kind mit Druck in die richtige Position zu drehen. Auch eine erfahrene Hebamme stand mir zur Seite. Wer fehlte, war der Chefarzt der Geburtsabteilung, der die Wendung vornehmen sollte. Er ließ sich Zeit. Sehr viel Zeit. Nach einer Stunde öffneten sich die Türen und der Mann kam mit wehendem Arztkittel in den Raum, stellte sich kurz vor und stürzte sich regelrecht auf meinen Bauch.

Erst als ich zum dritten Mal schrie, er solle aufhören, ließ er von mir ab

Ich habe in meinem Leben noch nie solche Schmerzen erlebt wie bei diesem Verfahren. Der Arzt warf sich auf meinen Bauch und versuchte, das Kind mit Druck von außen so zu drehen, dass es wieder mit dem Kopf voran im Geburtskanal landete. Es kam mir wie Stunden vor, aber dieser erste Versuch dauerte wohl nur fünf Minuten. Dann gab der Arzt auf, weil meine Tochter keine Anstalten machte, sich zu bewegen. Er verabschiedete sich und sagte, er komme gleich wieder zum zweiten Versuch.  

Hat man erst mal einen sichtbaren Schwangerschaftsbauch, bewegt man sich durch die Welt, als hätte man einen Schutzanzug an. Und auch die Menschen um einen herum nehmen Rücksicht. Wenn sich nun jemand auf diesen so schützenswerten und geschützten Bauch stürzt und daran herumdrückt, zerrt und sich darauf wirft, dann schockiert das wahnsinnig – ganz abgesehen von den Schmerzen.

Ganze zweieinhalb Stunden später wehte der Chefarzt wieder herein. Diesmal redete er gar nicht mit mir, sondern stürzte sich ohne Umschweife auf meinen Bauch, zerrte, drehte, schob und zog. Ich war kurz davor, ohnmächtig zu werden und bat ihn, aufzuhören. Er ignorierte das. Erst als ich zum dritten Mal schrie, er solle aufhören, ließ er von mir ab – sehr sauer und ungnädig, weil er meinte, er habe es fast geschafft, wenn ich mich „nicht so angestellt“ hätte. Und dann sagte er mir noch in sehr strengem Ton, dass er in 15 Minuten wieder komme und ich mich dann hoffentlich zusammenreißen würde.

Ich bereue sehr, dass ich in dem Moment nicht einfach aufgestanden und gegangen bin. Ich hatte idiotischerweise sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich mich „angestellt hatte“ und entschied mich, weiterzumachen. Ich wurde ein drittes Mal von dem Arzt „behandelt“, wieder ohne ein Wort der Begrüßung , wieder kam ich mir vor, als sei ich nicht vorhanden. Diesmal funktionierte die Wendung, meine Tochter drehte sich wieder in die Geburtslage. Der Chefarzt war versöhnt und meinte, das ganze Theater mit mir habe sich ja doch gelohnt. 

Die Ärzt*innen mussten beobachten, ob meine Tochter noch ausreichend versorgt wurde. Wurde sie nicht

Ich musste zur Überwachung in der Klinik bleiben, weil nicht nur mein Körper Schaden genommen hatte, sondern sich auch die Plazenta durch die Wendung zum Teil abgelöst hatte. Die Ärzte mussten beobachten, ob meine Tochter noch ausreichend versorgt wurde. Wurde sie nicht. Nach drei Stunden war klar, dass sie per Notkaiserschnitt geholt werden musste. Ich rief meinen Mann an, der zur Klinik raste und dann wurde ich in den OP gebracht und das Kind rausgeholt. Der Kaiserschnitt, den ich nie wollte, war eingetreten, das Kind war da.

Nach der Geburt meiner ersten Tochter hätte ich die Welt umarmen können, war entspannt, neugierig und wahnsinnig verliebt in das Baby. Nach der Geburt meiner zweiten Tochter war das anders. Ich konnte sie lange nicht sehen, weil meine Wunde genäht werden musste. Ich hatte viel Blut verloren und war in schlechter Verfassung. Meine erste Tochter war nach der Geburt sehr friedlich, als ich meine zweite Tochter endlich in die Arme nehmen konnte, schrie sie wie am Spieß und ließ sich erst nach Stunden beruhigen.

Die erste Zeit nach der Geburt ging es mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch schlecht und der so wichtige Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind war dadurch schwierig. In den Tagen nach der Geburt hatte ich solche Aggressionen gegen alles und jeden, dass ich die Wände hätte hochgehen können, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte. Im Nachhinein denke ich, dass diese Gefühle daher kamen, dass ich mich so übergangen und hilflos fühlte, und dass meine Wut dem Chefarzt galt, der mich so miserabel behandelt und mir solche Schmerzen zugefügt hatte, ohne einen Funken Mitgefühl zu zeigen.

Mein Erlebnis bei der Geburt meiner Tochter ist selbst in meinem engen Freundeskreis bei weitem kein Einzelfall. Mir wurde von gebrochenen Becken erzählt, von Ärzt*innen, die die Gebärende angeschrien oder sie ohne Vorwarnung – und vor allem ohne Klärung hinterher – schwer verletzt haben. 

Und genau deshalb bin ich froh, dass das Thema „Gewalt bei der Geburt“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist. Eine Geburt ist immer ein einschneidendes Ereignis und häufig geht dabei etwas schief. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass Ärzt*innen und Hebammen manchmal über den Wunsch der Patientinnen hinweg gehen müssen. Aber wenn Ärzt*innen sensibler auf die Bedürfnisse ihrer Patientinnen eingehen und ihnen auf Augenhöhe begegnen, dann werden solche schlechten Erfahrungen hoffentlich seltener und Geburten häufiger zu dem, was sie eigentlich sind: ein Wunder und ein einschneidendes, großartiges Erlebnis für alle Beteiligten.

* Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. 

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