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Wie ich lernte, meinen Körper zu lieben

Mit einer knallharten Konfrontationstherapie inklusive Sex und Nacktheit. Eine Anleitung in fünf Schritten.
Von Katja Lewina
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    Foto: keyla / photocase.com

Der Kerl , den meine Freundin Paula da an der Angel hatte, war verdammt heiß. Wir freuten uns diebisch über seinen definierten Oberkörper und dieses unglaublich männliche Kinn. Bis Paula mit einem Mal todernst sagte: „Ich bin nicht halb so schön wie er. Das Licht muss aus sein, wenn ich das erste Mal mit ihm schlafe.“

Innerlich ging ich auf die Barrikaden: Wie konnte sie sich selbst nur derart abwerten? Ich musste ihr widersprechen. Aber ich konnte nicht. Weil sie exakt das aussprach, was ich selbst in solchen Situationen dachte.

Dabei sind Paula und ich das, was die meisten wohl als optisch echt okay bezeichnen würden : Beide knapp 1,70, mit Konfektionsgröße 36. Jedenfalls, wenn wir unsere Bäuche einziehen. Keine von uns hatte je mit Übergewicht zu kämpfen. Auch wird uns von anderen hin und wieder eine gewisse Attraktivität bescheinigt. Und trotzdem, stellten wir fest, hatte es seit unserer Teenager-Zeit keine einzige Sekunde gegeben, in der wir frei von Scham für unsere Körper gewesen wären.

Wäre die Burka ein gesellschaftlich toleriertes Kleidungsstück, ich hätte mir möglicherweise eine in den Schrank gehängt

Gerade reden viele über Strategien gegen Body-Shaming, vor allem wegen des Films „Embrace“ von Nora Tschirner zu diesem Thema. Ich dachte lange, wenn man sich schämt, gäbe es nur eine Strategie: Das Objekt der Scham vor den Blicken der anderen sorgsam verstecken und auf das Beste hoffen. Also hatte ich mir eine strikte Stylingordnung zurechtgelegt, die alles sorgsam verhüllte, was ich ungesehen wissen wollte. Und das war eine ganze Menge: Die Ohren zu groß, die Zähne zu schief, die Beine zu kurz, der Bauch zu weich, die Füße zu breit. Wäre die Burka ein gesellschaftlich toleriertes Kleidungsstück, ich hätte mir möglicherweise ein Exemplar in den Schrank gehängt, für die ganz schlechten Tage.

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    Foto: Marcus Möller

Nun ist es leider so, dass man, sobald man etwas versteckt, schrecklich unentspannt ist, weil man jeden Augenblick befürchtet, irgendetwas könnte auffliegen. Griff mir ein Typ unter den Pulli, wusste ich: Jetzt muss ich sterben. Weil er womöglich den Speck berühren könnte, der über den Hosenbund ragt. Verwehte mir der Wind die Haare, wusste ich: Jetzt ist es aus. Weil nun alle meine Dumbo-Ohren sehen würden. Und dann gab es noch all das andere Zeug, das bewies, wie wenig ich meinen Körper im Griff hatte: Ein hervorlugendes Achselhaar. Ein Pickel bei einem superwichtigen Termin. Ein Blutfleck zwischen den Beinen, und das im Büro.

Ich hatte keinen Bock mehr auf Scham

„Sei gefälligst besser!“, schrie ich mir zu. „Gesünder essen! Mehr Sport machen! Überhaupt mehr auf Körperpflege achten!“ Womit ich natürlich weder gegen klobige Füße noch gegen große Ohren ankam. Aber dafür gab es noch immer die plastische Chirurgie. Ich müsste nur ein wenig Geld zusammensparen. So fünftausend Euro. „Spinnst du?“, rief Paula, als ich ihr davon erzählte. „Wenn du fünftausend Euro hast, fliegen wir beide mal schön nach Bali.“

Und das war der Punkt, an dem ich begriff: Wir verwenden so unglaublich viel Zeit, Geld und Energie, um gegen unsere Körper anzugehen. Dabei gibt es so viel Schöneres, das wir damit anstellen könnten! Ich hatte keinen Bock mehr auf Selbstabwertung. Auf Scham. Auf Verstecken.

Also habe ich mich einer knallharten Konfrontationstherapie unterzogen und die Hosen runtergelassen. Erst vor mir selbst und dann vor den anderen. Es war unheimlich und beschämend, gleichzeitig unglaublich aufregend und in letzter Konsequenz einfach nur großartig – denn inzwischen kann ich tiefenentspannt das Licht anlassen. Ganz egal, was für ein Gott da neben mir liegt.

Und weil ich weiß, dass das alles nicht nur Paula und mich betrifft, habe ich aufgeschrieben, was mir geholfen hat, mit meinem Körper klarzukommen. Hier ist also der ultimative, subjektive Guide für alle, die ihren Körper lieben wollen:

1. Mach es dir bewusst

Bevor du mit deinem Gedankenmüll Schluss machst, guck ihn dir genau an. Nicht, weil du irgendwas davon vielleicht noch brauchen könntest. Sondern, weil Bewusstsein der Anfang von allem ist. Meist haben wir nur dumpfe Vorstellungen von dem, was uns Unbehagen bereitet, weil wir automatisch versuchen, unangenehmen Gedanken und Gefühle beiseite zu schieben. Finde die Urteile, die du über dich selbst gefällt hast, und nagle sie fest. Finde deine Unsicherheit. Deine Mangelhaftigkeit. Die Angst, nicht gut genug zu sein. Was auch immer da ist, mach es dir bewusst.

2. Lass es zu

Jetzt kommt der Bäh-Part: Halte das aus, was du gefunden hast. Drück es nicht weg, nur weil du es intellektuell durchdrungen hast. Fühle deine Minderwertigkeit. Deine Scham. Deinen Selbsthass. Gefühle können sich nur auflösen, wenn wir sie zulassen, sonst holen sie uns immer wieder ein. So widerwärtig es sich anfühlt – geh da rein, so oft es sich anbietet. Nur so kannst du dich auf Dauer davon befreien.

3. Sprich drüber

Enttabuisiere deine totgeschwiegenen Komplexe, indem du sie mit anderen teilst. Nicht, um zu hören, dass du kein bisschen fett bist. Sondern, um dich frei zu machen von der Scham, dass es möglicherweise so ist. Dabei wirst du feststellen, dass wir verdammt nochmal alle mit den gleichen Themen zu kämpfen haben. Dieses Wissen wird dich erleichtern. Vielleicht machst du sogar ein kleines Happening mit Freunden und Freundinnen draus und feierst das mit ihnen zusammen ab. Mein eigenes Komplexe-Fest, bei dem sich mein halber Freundeskreis bei mir zu Hause versammelte, um all die Sachen voreinander rauszuhauen, für die wir uns schämen, wurde unversehens zu einem Komplimente-Fest, das uns alle für viele Tage mit Glückseligkeit erfüllte. 

4. Zeig dich

Mach es wie die Menschen mit Höhenangst: Geh auf den Gipfel. In diesem Fall: Hör auf mit den Versteckspielen. Mach dich nackig. Splitterfasernackig. Klar, kannst du allein zu Hause machen, aber das ist nur der halbe Witz. Werde zum (gemäßigten) Exhibitionisten und such dir aktiv Gelegenheiten, bei denen du dich zeigen kannst. Geh in die Sauna. In die Nackt-Therme. Zum FKK-Strand. Kostet erstmal Überwindung, aber schließlich wird es sich normal anfühlen, wenn andere dich anschauen. Als Bonus bekommst du den Reality-Check gleich mitgeliefert: Die anderen sind auch nur Menschen.

5. Habe Sex

Sex ist der absolute Körper-Flow-Moment. Also, meistens jedenfalls. Gib ihn dir, so oft es geht (wenn du die Möglichkeit oder Lust dazu hast, mach es mit verschiedenen Partnern – was einen ähnlichen Effekt hat wie Punkt vier). Aber fang bloß nicht mit so einem Scheiß an wie Bauch-Einziehen oder vorteilhafte-Positionen-Einnehmen. Zeig dich so wie du bist, denn nur dann kannst du dieses Vergnügen wirklich genießen. Dein Körper schenkt es dir. Sag ihm Danke!

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