Diese Fotos zeigen, was die Generation Y bewegt

Sie beschäftigen sich mit Missbrauch, Flucht und Landleben.
Von Sophie Aschenbrenner

Foto: Anna Tiessen, Malte Sänger, Sina Niemeyer Bearbeitung: jetzt

Verletzlich sieht die Frau auf dem Foto aus, obwohl ihr Gesicht nicht zu sehen ist. Dafür ihr Hals, nackt und lang, geschmückt mit einer zierlichen Goldkette. Die blonden Haare fallen über ihr Gesicht. Ästhetisch ist das Bild – und dabei Teil eines sehr persönlichen Projekts der Fotografin Sina Niemeyer. In „Für mich“ verarbeitet sie einen Missbrauch, den sie in ihrer Kindheit erleben musste. In Fotos und Videos setzt sie sich viele Jahre später mit dem Erlebten auseinander. 

Sina setzt sich in ihrem sehr persönlichen Projekt damit auseinander, dass sie als Kind von einem Bekannten missbraucht wurde.

Foto: Sina Niemeyer

Ihre Fotos sind ästhetisch und transportieren gleichzeitig eine bedrückende Stimmung.

Foto: Sina Niemeyer

Sina konfrontierte den Täter in einem Gespräch. Daraus entstand ein Video.

Foto: Sina Niemeyer

Zu sehen sind ihre und andere Arbeiten noch bis zum 3. Oktober im Hamburger Haus der Fotografie. Sie sind Teil der Ausstellung „Gute Aussichten – Junge deutsche Fotografie“. Bereits zum 15. Mal wurden in diesem Rahmen die Abschlussarbeiten junger deutscher Fotograf*innen von einer Jury ausgewählt. Sie zeichnen ganz nebenbei ein sehr persönliches und vielfältiges Bild von dem, was die Generation der Menschen zwischen 20 und 30 Jahren bewegt. 

Sina Niemeyer hat den Mann, der sie missbraucht hatte, getroffen und ihn mit seinen Taten konfrontiert. Aus dem Treffen entstand ein Video. Er könne sich an nichts erinnern, sagt er da, sei „geschockt“ von dem, was er „getan haben soll“. Am Ende des Videos sagt die Fotografin: „Ich fühle nichts mehr. Du warst so schwach und ich so stark.“ Den Missbrauch künstlerisch zu verarbeiten, habe ihr sehr geholfen, sagt Sina. 

„Kommando Korn“: Anna Tiessen über Jugend auf dem Land 

Ein Jahr lang begleitete Anna ihren Bruder und dessen Freund*innen in ihrem Alltag.

Foto: Anna Tiessen

Schon jung mit großen Maschinen zu hantieren, mache junge Menschen schnell erwachsen, sagt Anna.

Foto: Anna Tiessen

Verrauchte Kneipen sind wesentlicher Bestandteil der Jugend auf dem Land.

Foto: Anna Tiessen

Das Wort „Korn“ im Titel spielt natürlich auf beides an: das zu erntende Getreide – und das Geränk.

Foto: Anna Tiessen

Die Fotografin Anna Tiessen ist für ihr Projekt „Kommando Korn“ zurück in ihre Vergangenheit in der Provinz gereist. Die 26-Jährige, die an der Berliner Ostkreuzschule Fotografie studiert hat, kommt aus einem Dorf im Landkreis Dithmarschen in Norddeutschland. Ein Jahr lang begleitete sie ihren Bruder und dessen Freund*innen mit der Kamera. „Eigentlich fand ich es nie spannend bei mir auf dem Dorf. Plötzlich aber doch“, erzählt Anna. Herausgekommen sind Bilder, die wahnsinnig ästhetisch sind, ehrlich, überraschend und authentisch. Und die nebenher zeigen, wie junge Menschen auf dem Land leben, was sie machen, wie sie miteinander umgehen. Sie hantieren mit großen Maschinen, tun sich zusammen, testen Grenzen aus. „Dort ist der Gemeinschaftssinn sehr groß“, sagt Anna. 

Auf den Fotos sieht man die Menschen betrunken und leicht neben der Spur in einer verrauchten Kneipe, über dem Boden schwebend in einer großen Baggerschaufel oder lachend vor einem Feuer. Beim Betrachten der Bilder stellt sich automatisch die Frage: Wie will ich leben und warum? Was suchen viele junge Menschen in der Großstadt? „Ich wurde mir durch das Projekt auch meiner Herkunft bewusst“, sagt Anna. „Viele Menschen, die vom Land kommen, haben ein Problem mit ihrer Heimat oder distanzieren sich davon. Das hat sich bei mir durch das Projekt geändert.“

Malte Sänger verknüpft die Bilder Geflüchteter mit ihrer Fluchtroute 

In den Satellitenbilder stecken Stecknadeln. Sie kennzeichnen, wo die Flüchtenden ihre Bilder schossen und hochluden.

Foto: Malte Sänger

In sozialen Medien fand Malte die Bilder, die Flüchtende als Lebenszeichen hochluden.

Foto: Malte Sänger

Die hochaufgelösten Satellitenbilder kaufte Malte und machte sie zur Basis seines Projekts.

Foto: Malte Sänger

Malte Sänger hat sich in seiner Arbeit „Abdrücke“ intensiv mit einem Thema beschäftigt, das viele Menschen vor allem aus Medien oder durch Social Media kennen: Flucht. Der 32-Jährige hat vor einem Jahr sein Studium an der Kunsthochschule in Offenbach beendet. Schon seit er denken kann, sagt er, interessiert er sich für Film und Fotografie. Eigentlich habe das Projekt, das jetzt in Hamburg zu sehen ist, mit einem Haufen Elektroschrott begonnen, erzählt Malte: „Ich schaue gerne in Sachen rein, die eigentlich verschlossen sind. Das meiste davon waren Festplatten und ich wollte wissen, was auf denen drauf war.“ Es faszinierte ihn, das fremde Leben vor seinen Augen erscheinen zu lassen: „Wo in dieser Technologie finden wir noch Reste von Menschen? Das interessiert mich.“ 

„Abdrücke“ besteht aus hochaufgelösten militärischen Satellitenbildern, auf denen Nadeln die Positionen markieren, an denen Flüchtende Fotos gemacht haben. Diese Bilder, die Malte in den sozialen Medien gefunden hat, sind in kleinen Rahmen neben den Satellitenbildern zu sehen. „Die Menschen befanden sich in lebensbedrohenden Situationen“, sagt der Fotograf und Filmemacher. „Die Bilder sind Lebenszeichen an Freunde und Verwandte. Das beeindruckt mich sehr.“ Das Besondere: Die Fotos werden die Dauer der Ausstellung nicht überstehen, sie sind mit einer Chemie behandelt und werden bis zur Unkenntlichkeit verblassen – so sind sie ebenso wenig greifbar wie die Personen, die die Bilder gemacht haben. „Dem Menschen kann man nicht habhaft werden, er ist weitergezogen“, sagt Malte. Dann bleiben nur noch die Markierungen auf den Satellitenbildern. 

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