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„Drei Väter“ ist Nando von Arbs erstes Buch.

Foto: Nando von Arb

In seiner autobiografischen Graphic Novel erzählt der Schweizer Zeichner Nando von Arb (26) davon, wie er mit einer Schwester, einer Halbschwester, einer Mutter und drei Vätern aufgewachsen ist. Seine Mutter hat den Vater seiner älteren Schwester, der im Buch „Kiko“ heißt, für Nandos leiblichen Vater verlassen. Dieser, „Papi“ genannt, hat wiederum Nandos Mutter verlassen. Und „Zelo“ ist der neue Freund der Mutter, mit dem sie bis heute zusammen ist. In Nandos Kindheit kommt Kiko regelmäßig vorbei, um sich um die Kinder zu kümmern, irgendwann taucht auch Papi wieder in seinem Leben auf, doch beide gehen immer wieder. Irgendwann kommt Zelo dazu, um zu bleiben. Durch diese Konstellation hat Nando zu jedem der Männer ein ganz eigenes Verhältnis.

„Drei Väter“ heißt das Buch (erschienen bei edition moderne) und Nando hat nur etwas über ein Jahr daran gearbeitet, inklusive Lektorat. „Das war für mich so eine Art Katharsis-Moment, in dem ich einfach alle meine Erinnerungen rausgelassen habe”, sagt er beim Interview über Skype. Er erzählt auch, warum seine Figuren nicht aussehen wie echte Menschen, sondern wie Tiere oder Fantasiewesen, wie seine Patchworkfamilie ihn beeinflusst hat – und wie seine Väter und seine Mutter das Buch finden.

jetzt: Was ist für dich ein „Vater“?

Nando von Arb: Meine drei Väter sind Männer, die eine Beziehung mit meiner Mutter hatten oder haben. Insgesamt ist meine Definition von „Vater“ nicht besonders streng und hat nichts mit Blutsverwandtschaft zu tun.

Deine Väter kamen und gingen, die Konstante in deiner Kindheit und Jugend waren deine Mutter und deine Schwestern. Wie hat dich das beeinflusst?

Ich vertraue Frauen mehr als Männern. Und ich habe letztlich von den Frauen in meinem Leben mehr gelernt als von den Männern. Für die Männer war es nie ein Thema, darauf zu achten, wie sich die Frau fühlt. Ich dagegen habe es durch meine Schwestern und meine Mutter einfach mitbekommen und konnte mich immer gut in ihre Rolle versetzen. Ich habe also Gutes davon mitgenommen, dass meine Väter kamen und gingen. Aber ich habe auch Ängste entwickelt.

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Illustration: Nando von Arb / Edition Moderne
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Illustration: Nando von Arb
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Illustration: Nando von Arb
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Illustration: Nando von Arb

Welche?

Die Angst, verlassen zu werden. Aber auch die Angst davor, jemanden zu verlassen. Zu sehen, wie es meiner Mutter ging, nachdem mein Vater sie verlassen hat, hat schon ein bisschen ein Trauma ausgelöst.

Im Buch sind deine Schwestern und du allerdings immer fröhlich.

Wir haben erst in den vergangenen zehn Jahren angefangen, zu realisieren, was das für Auswirkungen hatte. Damals haben wir uns einfach damit abgefunden oder auch noch gar nicht richtig realisiert, dass es schlimm ist. Für uns wäre es nur dann wirklich schlimm gewesen, wenn meine Mutter gegangen oder gestorben wäre. Sie war für uns alle der wichtigste Bezugspunkt.

„Mein Vater und meine Mutter haben nie viel miteinander geredet, wenn wir dabei waren“

Es gibt erst spät im Buch eine Szene, in der du selbst deinem Vater den Vorwurf machst: „Du hast uns im Stich gelassen.“

Ja, und nachdem ich das verstanden hatte, habe ich angefangen, es gegen ihn zu verwenden. Es war die Ausrede für alles: Wenn mir etwas nicht gefallen hat, konnte ich sagen „Du hast nichts zu sagen, du bist abgehauen“. Dadurch hatte er bei uns Kindern keine besonders große Autorität. Aber es hat mich auch emotional beschäftigt. Ich habe einen Halbbruder, er ist 15 Jahre jünger als ich, und mit ihm verbringt mein Vater viel mehr Zeit als damals mit mir. Manchmal war ich deswegen auch eifersüchtig, mir hat zum Beispiel mein Nachbar das Fahrradfahren beigebracht, nicht er. Dass er es mit meinem Halbbruder anders macht, bedeutet aber vielleicht auch, dass er etwas gelernt hat.

Sehr gut war dagegen deine Beziehung zu Kiko, dem Vater deiner Schwester.

Als ich ihm erzählt habe, dass ich ein Buch über meine drei Väter mache, hat er zuerst gar nicht gecheckt, dass er damit auch gemeint ist, und war dann sehr überrascht. Er wusste bis dahin nicht, dass er für mich so wichtig war.

Das Verhältnis deiner Mutter zu ihren Ex-Partnern schwingt auch immer mit. Habt ihr als Kinder die Spannungen zwischen ihnen gespürt?

Ja, schon. Mein Vater und meine Mutter haben nie viel miteinander geredet, wenn wir dabei waren, es waren eher Übergaben: „Jetzt nimm du die Kinder.“ Es war lange sehr kühl zwischen ihnen, aber heute sind sie gut befreundet. Bei Kiko haben wir gemerkt, dass meine Mutter eine Art Abneigung ihm gegenüber hatte, sie wollte nicht, dass er ihr zu nahe kommt. Umgekehrt hat man gemerkt, dass er sie vermisst.

„Mein Vater hat seine wilde Seite damit überspielt, dass er sich sehr kultiviert gab“

Und wie haben sich die Väter untereinander verstanden?

Die Ganze ist natürlich dadurch geprägt, dass meine Mutter Kiko verlassen hat, für meinen Vater: Mein Vater mag Kiko, aber Kiko mag ihn nicht so sehr. Für die Männer war und ist das eine komische Situation, es gab immer Spannungen und Konkurrenzverhalten – sie sind diese Beziehung miteinander ja nicht freiwillig eingegangen. Und ich glaube, wenn es uns Kinder nicht gäbe, würde meine Mutter nicht mehr unbedingt mit ihren zwei Ex-Freunden abhängen.

In deinem Buch hast du deine Familienmitglieder als Tiere und Fantasiewesen dargestellt. Wieso hast du dich dafür entschieden?

Ich wusste von Anfang an, dass ich sie abstrahieren muss, um mich von ihnen zu distanzieren und so freier mit der Erinnerung umgehen zu können. Und ich wollte, dass man sie gut unterscheiden kann. In Comics, in denen alle menschliche Gesichter haben, sind sie sich oft ähnlich und man denkt dauernd: „Wer ist noch mal wer?“

Okay, gehen wir sie mal durch: Du und deine beiden Schwestern, ihr seht fast gleich aus, drei Eierköpfe auf kleinen Beinen.

Ja, weil die Kinder eine Einheit sind – und die Erwachsenen sind für sie ein bisschen komisch.

Zelo, der Partner deiner Mutter, sieht aus wie ein Felsen mit Kopf, Kiko, der Vater deiner Schwester, ist ein Harlekin, und dein leiblicher Vater ist ein Wolf oder Hund. Wieso?

Zelo hat was Archaisches, ein bisschen Mysteriöses. Aber er ist auch ruhig – und er ist geblieben: Meine Mutter und er sind immer noch zusammen, seit 20 Jahren. Kiko war früher wirklich wie ein Harlekin, immer lustig, aber er hat die Rolle eher für uns Kinder eingeübt, denn da war auch eine Traurigkeit in ihm. Und mein Vater hatte eine wilde Seite, die er damit überspielt hat, dass er sich sehr kultiviert gab – darum trägt die Figur in meinem Buch immer schicke Kleidung.

„Alle Menschen, egal ob sie blutsverwandt sind oder nicht, können für dein Leben wichtig sein“

Bleibt noch deine Mutter: Warum ist sie ein Vogel?

Das klingt vielleicht blöd – aber wenn man sie freilässt, dann kann sie fliegen. Sie wirkt sehr leicht und cool, aber sie ist auch sehr fragil. Im Museum habe ich mal eine Münze gesehen, auf der ein Pelikan seine Brust aufreißt, um seine Kinder zu nähren. Das war ein Symbol für Christus. Ich habe es übernommen, auch wenn es in meinem Fall überhaupt nicht religiös gemeint ist. Aber der Vogel, der so dünnhäutig ist und sich für seine Kinder opfert, schien mir passend.

Wie hat deine Familie auf das Buch reagiert?

Zelo hat das Buch erstmal gar nicht gelesen, er hat es nur durchgeblättert und musste schon weinen. Mein Vater findet es super, er hat gleich 20 Exemplare gekauft, um sie zu verschenken – aber er findet einfach alles toll, was ich mache, das erzähle ich ja auch im Buch. Darum hat sein Lob nicht mehr so einen großen Wert für mich. Als Kiko es das erste Mal aufgeschlagen hat, hat er gesagt: „Das sind schreckliche Farben!“ Im Buch zeige ich auch, dass er immer sehr kritisch ist, was meine Kunst angeht. Aber von seiner Mutter weiß ich, dass er große Freude daran hat, er zeigt das nur nicht so. Sie sagt, es sei wie eine Liebeserklärung von mir an ihn.

Und was sagt deine Mutter?

Das ist im Moment noch ein bisschen Sperrgebiet. Sie hat das Buch gelesen und geweint, aber ich habe noch nicht mit ihr darüber geredet, ob sie sich gut dargestellt findet. Aber ich denke, sie hat nichts dagegen, sonst hätte sie was gesagt.

Ist die Botschaft deines Buchs eigentlich, dass es gut und bereichernd ist, eine Patchworkfamilie zu haben – oder doch eher schlecht und anstrengend?

Ich will das gar nicht bewerten. Was ich für mich rausgenommen habe, ist, dass alles Schlechte, auch der Schmerz, letztlich in etwas Gutes umgewandelt werden kann. Dass alle Menschen, egal ob sie blutsverwandt sind oder nicht, für dein Leben wichtig sein können. Und dass es immer weh tut, wenn jemand stirbt oder geht. Darum ist für mich die Hauptsache, dass sie alle immer noch in meinem Leben sind.