Lesen mit Links (10): Nimm das, Hipster!

"Lesen mit Links": Heute geht es um ein Poetry-Slammer-Roman-Debüt, Webcomics, einen Stripgenerator und Dan Brown.
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Illustration: Katharina Bitzl

Das Buch   Der Hipster ist tot und wurde längst in den wissenschaftlichen Kanon aufgenommen. Nach  dem Hipster Wintercup 2013, dem Hipster-Café-Debüt 2012 und der großen Hipster-Debatte kommt nun der Hipster-Roman „Strawberry Fields Berlin“ vom „Versverfertiger“ Julian Heun.

Deutschlands junger Poetry-König“ (Spiegel Online). „Bleich wirkendes Bürschlein mit unerhört poetischer Kraft“ (NZZ). „Ein Wunderkind.“ (Sarah Kuttner). Im Netz und auf dem Klappentext überschlagen sich die Stimmen zum ersten Roman des 23-jährigen, mehrfach ausgezeichneten Slam Poeten Julian Heun. „Strawberry Fields Berlin“ erzählt parallel vom dem Berliner Boulevardjournalisten Schüttler und dem Indienaussteiger Robert, der seiner Verflossenen hinterherreist: Eine Geschichte über die ironische Kälte der Hauptstadt und die erdverbundenen Wärme auf der anderen Seite der Welt. Schnell wird klar: Robert und Schüttler sind ein und die selbe Person, zwei Möglichkeiten eines Lebensentwurfs.

„Die fischigsten der Meeresbitches”: Julian Heun ist einer der besten Poetry-Slammer. Liegt nicht nur daran, dass seine Texte Wurstwasser und „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose” zusammenbringen.

Als Berliner Journalist ist diese Figur ein engherziger, spießiger, von Hass erfüllter Feind des modernen Lebens. „Ich hasse Schokorosinen, ich hasse überhaupt viel. Und nicht nur das - ich hasse gerne.” Was nicht medial verwertbar ist oder in sein erotisches Konzept passt, wird fertiggemacht. Androgyne Jutetaschenträger sind „Hipstermongos” und „Szenebehinderte”. Erst in den Strawberry Fields von Indien, wie John Lennon sie einst besang, wird der Ekelmensch pseudotolerant: „Dann schiebt sich aus den Palmwedeln ein dreckiger, pummliger Junge hervor und grinst gewaltig. Er ist auf eine nette Art behindert, vielleicht mongoloid.”

Es ist deutlich, worauf Julian Heun hinauswill. Wer in ironischer Pose verharrt, Stalin und Jeff Koons auf abstruse Weise miteinander vergleicht, sich über das In-Mixgetränk des Sommers und die eigene Herausgehobenheit definiert, dem reicht auch keine Fernreise, der musst notwendigerweise abschmieren. „Nothing is real and nothing to get hungabout”, so steht es im „ Strawberry Fields Forever”-Songtext und genau diese Erfahrung wird auch Robert Schüttler machen. Nur, kann das funktionieren, Ironie mit ironischen Mitteln zu demaskieren?

Phasenweise steht immer wieder ein anderer Verlag für die „junge deutsche Literatur”. Mal sind es größere (KIWI mit Benjamin von Stuckrad-Barre , Christian Kracht , Marc Fischer , Benjamin Lebert Ende der 90er) oder auch kleinere Häuser (Blumenbar mit Anna Zielke , Raul Zelik , Alexander Schimmelbusch , Jasmin Ramadan Mitte der Nuller Jahre). Seit 2011 steht Rowohlt auf einmal blendend da und begeistert mit Albrecht Selge , Andreas Stichmann (der im Guten von Mairisch aus gewechselt ist), Wolfgang Herrndorf und Markus Berges. Julian Heun versucht, an die spielerische Eleganz der anderen anschließen. Er ist als Jüngster in einem Champions-League-Team gesetzt. Noch mag er auf der Bank sitzen. Aber schon beim nächsten Spiel (also Buch) könnte er das entscheidende Tor treffen: ganz unironisch.

Julian Heun: „Strawberry Fields Berlin”, Rowohlt, 224 Seiten, 18,95 Euro.

Die Querverweise

Noch mehr Slammer: Wer Nora Gomringers grandios gestalteten „ Monster Poems” nicht kennt, der hat was verpasst. Für die „ leichte Muse” legt Kollege Mischa-Sarim Vérollet ( 2009 ausgezeichnet für den skurrilsten Buchtitel ) gerade seinen neuen Slamband „ Irgendwas mit Menschen” ins Osternest, nicht zu verwechseln mit dem 2012 erschienenen Buch „ Hauptsache nichts mit Menschen” von Paul Bokowski.

Die Updates

Bissig: Mit seiner Vampirgroteske „ Die Radleys” wurde Matt Haig bekannt. Für den britischen Telegraph stellt er 30 Dinge vor , die jeder Autor wissen sollte, unter anderem: „Menschen wollen stets das Buch, das du gerade geschrieben hast. Gibst Du es ihnen, verlieren sie den Respekt. (Menschen sind seltsam).”

Snapshot-Poems: Möglicherweise sind Webcomics ein neues Literaturgenre oder ein eigenes Medium, man kann das halten wie man will. Besonders gelungen ist's bei Tom Gauld , dessen Cartoonbuch demnächst erscheinen wird. Mit dem wunderbaren Stripgenerator entstehen eigene Bildergeschichten.

Verfolgungswahn: Mysterythrillerautor Dan Brown besitzt ein bewundernswertes Gespür für Bestseller und ein weniger bewundernswertes Händchen für hölzerne Sätze und abstruse Plots. Am 14. Mai 2013 erscheint sein neuer Roman „Inferno” . Zwei Wochen später wird seine einzige Lesung in Deutschland stattfinden, im Großen Saal des Kölner Hotels Maritim . Die Wahl der Stadt passt, immerhin glaubt man am Rhein, die Welt würde untergehen, wenn der Dom dereinst fertiggestellt ist .

Text: jan-drees - Illustration: Katharina Bitzl

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