Das ist das erste Transgender Model in Pakistan

Wir haben mit Kami Sid über das Leben als LGBT-Aktivistin in ihrer Heimat gesprochen.
Interview: Anna Farwick

Kami Sid ist 26 Jahre alt und lebt in Karatschi, Pakistan. Sie ist eine Transgender-Frau und setzt sich als Aktivistin für die Rechte von sexuellen Minderheiten in ihrem Heimatland ein. Sie spricht unter anderem in Seminaren am Institute of Business Administration Karatschi und bei Kulturveranstaltungen über das Thema Transgender. Ein Modefotoshooting machte sie als erstes Transgender-Model Pakistans im Internet berühmt. Kami Sid ist nicht ihr richtiger Name. Sie hat ihn sich aus Angst vor Verfolgung in ihrer Heimat gegeben.

jetzt: Wie kommt man dazu, sich in Pakistan für die LGBTQ-Community stark zu machen?

Kami Sid: 2012 habe ich mit Freunden ein Film-Festival organisiert, das sich mit dem Thema Transgender beschäftigt hat. So bin ich da nach und nach reingeschliddert. Mittlerweile bin ich in vielen Organisationen tätig, die sich in Pakistan für sexuelle Minderheiten stark machen. Ein Grund war auch, dass ich vor vier Jahren entschieden habe, wer ich wirklich sein will. Schwul zu sein, war mir nicht genug. Jetzt sehe ich mich als eine „sie“. Ich bin Kami Sid, Transgender und stolz darauf.

Was machen diese Organisationen konkret?

Sie versuchen, das Leben für sexuelle Minderheiten in vielen Bereichen zu verbessern. „Naz Male Heath Alliance“ ist zum Beispiel eine Organisation, die sich für die medizinische Versorgung von Homosexuellen und Transgender einsetzt. Unser Gesundheitssystem in Pakistan ist sehr schlecht und intolerant. Und aus ideologischen Gründen oft noch sehr rückständig.

Wie äußert sich das?

Anfang 2016 wurde zum Beispiel eine Transgender-Aktivistin niedergeschossen wie ein Hund. Sie starb, weil die Ärzte im Krankenhaus nicht entscheiden konnten, ob sie in den Männer- oder in den Frauenteil der Klinik kommen sollte. 

Wie muss man sich das normale Leben als Transgender in Pakistan vorstellen?

Ihr müsst euch erst mal von euren westlichen Gedanken trennen. Hier ist es nicht wie im Westen. Ihr könnt tun, was ihr wollt, und wann ihr es wollt. Ihr habt Rechte. In Pakistan ist das nicht so. Die pakistanische Regierung tut nichts für uns. Es gibt kein Gesetz, das uns Transgender von der menschlichen Seite her schützt. Transgender werden von der Bevölkerung nicht akzeptiert. Ich lebe in Karatschi,einer großen Stadt in Pakistan, da werden Transgender zwar nicht akzeptiert, aber du wirst immerhin geduldet – auch wenn die meisten Transgender unter sich leben. Aber wenn du auf dem Land lebst, hast du überhaupt keine Chance, dich auszuleben. Du lebst immer in der Angst, vergewaltigt, geschlagen oder umgebracht zu werden. Ich war auf einer Geburtstagsparty und auf einmal kamen Männer mit Waffen, die haben dann einige Transgender-Frauen entführt und vergewaltigt. Dafür wirst du hier in Pakistan nicht bestraft. Für die Gesellschaft sind wir Müll. Daher organisieren wir uns in Gemeinschaften, zum Schutz. 

Wie ist es abgesehen von der Gewalt?

Auch sehr schwierig. Du kommst als Transgender, aber auch als homosexuelle Person viel schwerer an eine gute Ausbildung oder einen Job. Du gehörst zur unteren Klasse. Es redet auch niemand über Transgender. Es gibt Menschen, die haben sich damit abgefunden, ich aber nicht. Ich kämpfe in der Öffentlichkeit dafür, dass wir endlich akzeptiert werden. Da ich meine Familie respektiere, halte ich diese Seite von mir vor ihnen versteckt. Für sie ist mein Freund Sid mein bester Freund. Sid spricht mich dort auch immer mit „er“ an. Durch die Fotos und die Aufmerksamkeit kann ich es aber nicht mehr lange vor ihnen verbergen. Sie haben es wahrscheinlich ohnehin irgendwie geahnt.

Tut sich etwas in der Bevölkerung?

Dadurch, dass wir selbst aktiv werden und ins Licht treten, die Aufmerksamkeit auf uns ziehen, werden unsere Probleme sichtbarer. Es ging Anfang des Jahres ein Video durch das Internet, in dem man sieht, wie eine Transgender-Frau mit einem Gürtel brutal verprügelt wird. Die Männer wurden erst nach öffentlichen Protesten verhaftet. Was es braucht, ist eine Plattform, auf der unsere Probleme diskutiert und wahrgenommen werden. Es tut sich nur etwas, wenn die Grausamkeiten bekannt werden. Es reicht nicht, dass die Regierung 2012 das „dritte Geschlecht“ in den Pass aufgenommen hat. Wir wollen als gleichwertige Bürger anerkannt werden, nicht als spezielle Bürger. Ich fordere die gleichen Rechte für Transgender ein, nicht irgendwelche Sonderrechte. Mein Wunsch ist es, dass Transgender alles tun können, was auch jeder andere Bürger tun kann. 

Wie ist die rechtliche Regelung im Moment?

Laut pakistanischem Gesetz sind homosexuelle Beziehungen und auch Geschlechtsverkehr zwischen Homosexuellen verboten. Aber es wird weggesehen. Leider aber auch, wenn jemandem aus der LGBTQ-Gemeinschaft etwas passiert. Die Regierung, die Justiz und die Gesellschaft ignorieren das. Das muss sich ändern und es beginnt ganz langsam. Die pakistanische Gesellschaft beginnt, uns als menschliche Individuen wahrzunehmen. 

Was war der Hintergedanke deines Fotoshootings?

Die Idee ist nicht spontan entstanden, sondern immer wieder aufgekommen. Ich habe Freunde in der Modebranche. Die sind irgendwann auf mich zugekommen und haben gefragt. Die Fotos sollten die Vorurteile in den Köpfen der Menschen aufbrechen und die Transphobie beenden. Vor allem hier in Pakistan. Ich fand die Idee toll, wusste nur nicht ganz, wie es in der Gesellschaft ankommen würde. Aber wir haben ein gutes Maß gefunden, denke ich. Das zeigen auch die Reaktionen der Medien. Nicht nur hier in Pakistan, in der ganzen Welt. Wir haben alle sehr gute Arbeit geleistet. Ich hoffe, dass die Fotos zeigen, dass Transgender mehr sind als Prostituierte oder Tänzerinnen. Wir können alles sein: Model, Lehrer, aber auch Aktivisten. 

Gibt dir die Aufmerksamkeit, die du jetzt erhältst, ein Gefühl von Sicherheit?

Nein, ich fühle mich dadurch nicht sicherer als vorher, eher unsicherer. Auch wenn ich das Thema der Stunde bin. Aufmerksamkeit kann positiv oder negativ sein. Wir werden sehen, was als nächstes passiert. Alles, was ich seit 2012 tue, tue ich immer mit dem Wissen, dass ich Probleme bekommen könnte. Ich kann durch die Straßen laufen, ungeschminkt und in normaler Kleidung, und dennoch merken die Menschen, dass ich anders bin. Es ist für uns immer gefährlich. Es ist noch ein weiter Weg. Auch in der Transgender-Gemeinschaft gibt es Stimmen, die sich darüber beschweren, dass ich so in dieÖffentlichkeit trete. Wenn wir uns nicht selbst akzeptieren, wer wird es denn dann tun? 

Was hast du als nächstes vor?

Ich werde im Dezember in die Niederlande fliegen, um dort bei einem Film-Festival dabei zu sein. Eventuell ist ein Treffen von Menschenrechtsaktivisten in Zürich angesetzt. Ich freue mich aktuell über die Entwicklung in meinem Land. Und wenn alles gut läuft, werde ich später noch mal in die Niederlande fliegen und dort auf Modeshows laufen und noch mehr Fotoshootings haben. Ich plane meine Schritte nicht weit voraus, sondern immer einen nach dem anderen. Aber mein Freund, mit dem ich seit sieben Jahren zusammen bin, und ich würden gerne heiraten. In Südafrika gibt es einen Imam, der uns trauen würde. Zuletzt wurden unsere Visa aber abgelehnt. Es ist nicht einfach, aber ich kämpfe weiter. 

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