Opa, lass das Steuer los!

Das Verkehrsministerium muss das Fahrvermögen von alten Menschen testen, weil wir es nicht können.
Kommentar von Magdalena Pulz

Foto: dpa/Felix Kästle Bearbeitung: Julia Schubert

Wer in einer Familie am Steuer sitzt, gibt den Ton an. Und wer am Steuer sitzen darf, das bestimmt das Bundesverkehrsministerium. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat nun in einem Interview verpflichtende Fahrtests für ältere Autofahrer abgelehnt. Das ist schön für die Senioren, die jetzt das Lenkrad niemals an ihren Nachwuchs abgeben müssen und autofahren dürfen, bis sie ins Grab fallen. Sicher für den Verkehr ist diese Entscheidung allerdings nicht, da sind sich vermutlich die meisten einig.

Eine Alters-Obergrenze ist natürlich Quatsch - es sind ja doch alle körperlich unterschiedlich stabil. Aber so ein Fahrtauglichkeitstest für Menschen über 70, das wär was. Und das ist auch kein frecher Vorschlag: Wer mit seinem Opa schon mal fünfzehn Minuten im Treppenhaus verbracht hat, bis der sich mit aller Vorsicht Stufe um Stufe in den ersten Stock gehievt hat, ist auch berechtigt, zu hinterfragen, mit wie viel Schwung der noch ins Bremspedal treten kann. Das sehen die eigenen Großeltern aber natürlich anders. Sie werden wohl selbst am besten wissen, was sie noch können und was nicht, kriegt man da zu hören.

Dass an dieser Stelle der Staat eingreift, hat Verkehrsminister Andreas Scheuer nun kategorisch ausgeschlossen. Aus Sicht der CSU macht das Sinn. Eine Partei, deren durchschnittliches Wähleralter laut Bundeszentrale für politische Bildung über dem Altersdurchschnitt Bayerns liegt, will es sich natürlich nicht mit den Senioren verderben. Dabei ist es so, dass in Unfälle verwickelte über-75-jährige AutofahrerInnen zu 75 Prozent die Verursacher sind. Schuld ist oft die eingeschränkte Sicht und das Reaktionsvermögen.

Es ist nicht so, dass ich den alten Leuten das Autofahren nicht gönnen würde - und die Freiheit, die damit einhergeht, die Unabhängigkeit. Ich fände es nur schön, wenn ich etwas hätte, das mich beruhigt, wenn ich mich vor Angst im Beifahrersitz verkeile, weil mein Opa anderen Autofahrern die Vorfahrt nimmt. Zum Beispiel ein Bundesverkehrsministerium, das seine Fähigkeiten ein Auto zu fahren, überprüft. Eine Behörde, die nach objektiven Maßstäben sagt: Mein Opa kann fahren, da ist prinzipiell alles in Ordnung mit seiner Verkehrstauglichkeit.

Ich sehne mich nach dem Urteil des Bundesverkehrsministeriums

Natürlich ist es nicht gerecht. Die Alten haben es ja auch mit uns durchgemacht: Mein Opa war am Beifahrersitz, während ich bei meinen ersten Fahrversuchen durch die Innenstadt gezuckelt bin. Jedes Motor-Absaufen hat er nur sanft mit „Keine Panik“ kommentiert. Da wäre es nur fair, wenn ich ihn jetzt durch die Stadt leiten würde. Mach ich aber nicht. Weil mein Opa meine „schon mal was vom Schulterblick gehört“-Zwischenrufe genauso ignorieren würde wie meine subtilen Hinweise darauf, dass er sich beim Einsteigen ja schon ganz schön schwertut.

Die Entscheidung gegen Fahrtauglichkeitstest von Scheuer macht die Sache für uns Enkel - oder auch Kinder, falls man ältere Eltern hat - nicht leichter. Dann muss man Opa oder Oma nämlich weiterhin selber darauf ansprechen, ob sie noch fit genug für ihr Automobil sind. Dabei habe ich natürlich keine Ahnung von Bremswucht, Reaktionszeiten oder Erfahrungswerten. Ich sehe nur: Meine Mama liest mit ihrer neuen Gleitsichtbrille ihr Buch wie ich damals die 3D-Bilder, auf die man konzentriert draufstarren musste, bis man das Motiv erkennen konnte. Ob das ein Problem beim Autofahren ist, keine Ahnung. Das können nur Profis einschätzen. Und die haben auch eine bessere Chance, dass man auf sie hört.

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