Kenne deine Halbwertszeiten!

Warum es hilft zu wissen, wie lang es dauert, bis du ein Gefühl überwunden hast.
Von Mercedes Lauenstein

Illustration: Pia Wermuth

Es jammern ja immer alle übers Älterwerden, aber die Wahrheit ist: Älterwerden ist gar nicht so übel. Man lernt sich selbst besser kennen, man lernt die Welt um einen herum besser kennen und wie man auf sie reagiert. Man weiß, wie sich eine Erkältung bei einem äußert, wie lange sie normalerweise dauert und was man dann braucht. Man weiß, wie der eigene Körper auf einen Jetlag reagiert und dass man nicht jedes Mal ein chronisches Erschöpfungssyndrom vermuten muss, sondern besten Gewissens alle Termine mit „Hab leider immer noch schlimmen Jetlag“ absagen darf. Man kapiert, dass es im Leben ein bisschen wie mit den Jahreszeiten ist: Alles kommt und geht, hin und wieder leider auch Naturkatastrophen.

Man beginnt sogar zu ahnen, was man alles kann und dass man darauf vertrauen darf. Ich zum Beispiel weiß mittlerweile, dass ich Texte schreiben kann. Mal gelingt mir das früher, mal später, mal besser, mal schlechter, und oft muss ich mich zwischendurch immer noch bäuchlings auf den Badezimmerfußboden legen und ein bisschen auf die Kacheln weinen, aber die Stimme, die mich noch vor nicht allzu langer Zeit mit „Das schaffst du nie im Leben!“ bedroht hat, sagt jetzt: „Haben wir doch schon mal geschafft, wird wahrscheinlich auch diesmal klappen!“

Das Gute ist, dass all das auch auf Gefühle zutrifft. Was auch deshalb so wahnsinnig erleichternd ist, weil Gefühle die hartnäckigsten Wesen von allen sein können. Sie setzen sich mit ihrem furchtbar endgültigen Blick mitten ins Zimmer, legen die Beine hoch und sagen: Ich geh hier nie wieder weg. Solange es sich dabei um gute Gefühle handelt, kein Problem, hier ist die Schnapsbar, da ist das Buffet, ruf all deine Freunde an, schlaft, wo ihr wollt, das Haus gehört euch. Nur machen gute Gefühle dummerweise selten lange Partys, egal was für ein Buffet man ihnen aufbaut. Sie hauen immer dann ab, wenn’s grad am schönsten ist. Die wirklich ausdauernden Gäste sind schlechte Gefühle: Scham, Angst, Trauer, Wut.

Irgendwann ging mir auf, dass es jedes Mal genau eineinhalb Tage dauert, bis alles vergessen ist

Als ich mich noch nicht so gut mit meinen eigenen Gefühlen auskannte, dachte ich zum Beispiel zuverlässig beim Aufwachen nach jeder Ausgehnacht, ich müsse sofort in die Psychiatrie. Die Scham darüber, was ich im Rausch eventuell Unangebrachtes oder Übergriffiges gesagt oder, noch schlimmer, gemacht haben könnte, war so heftig, dass ich fürchtete, mich nie wieder irgendwo blicken lassen zu können. Ich fürchtete, dass die Scham mich auf der Stelle verrückt werden lassen würde und ich es bis ans Ende meiner Tage bliebe. Doch irgendwann ging mir auf, dass es jedes Mal genau eineinhalb Tage dauert, bis alles vergessen ist. In dieser Zeitspanne hat sich sowohl mein Gehirnstoffwechsel wieder eingependelt, als auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass sich eineinhalb Tage nach dem Ausgeh-Absturz kein Mensch mehr damit beschäftigt, was ich in dieser Nacht gemacht oder gesagt haben könnte. Nach eineinhalb Tagen legt sich ein Schleier der Leichtigkeit auf die ohnehin nur noch blass vorhandene Erinnerung und manchmal sogar so etwas wie ein Comedy-Filter, der aus ehemals bedrohlichen sehr lustige Anekdoten macht. Seither ist das Aufwachen nach einer Ausgehnacht weniger schlimm, ich weiß jedes Mal: Sind ja nur eineinhalb Tage, die ich jetzt bestmöglich rumkriegen muss. Die Halbwertszeit ist ein dreiviertel Tag, danach wird es schon bergauf gehen.

Ich weiß mittlerweile auch, dass ich übertrieben schnell wütend werde und meine Wut ein ziemlich nutzloser Prolet ist, der mir ausnahmslos zum Verhängnis wird, wenn ich auf ihn höre und folglich beginne, Leute anzuschreien und Dinge kaputt zu machen. Zumal ich beobachtet habe, dass die Wut sich oft innerhalb weniger Minuten in eine vernünftigere Form von innerem Unfrieden verwandelt, die mir bessere Ratschläge fürs Weitermachen erteilt. Hier ist die Halbwertszeit eines Gefühls also sehr kurz, zumindest wenn ich mich nur kurz zurückziehe und ein paar Mal durchatme.

Und dann ist da natürlich noch der Klassiker der scheinbar absoluten Gefühle: Liebeskummer. Aber wenn man ihn einmal selbst durchgemacht hat oder ihn bereits sehr viele andere Menschen erfolgreich hat überleben sehen, verliert auch er ein wenig von seinem Schrecken. Zwar fühlt er sich dann noch immer endlos an. Aber weil zumindest die Vernunft weiß, dass es einem nächstes Jahr um dieselbe Zeit schon wieder sehr viel besser gehen wird, wenn man auch nur ein ganz kleines bisschen so tickt wie der Rest der Menschheit auch (und das tut man ja meistens doch, Individualitätsdrang your ass), dann wird alles wieder gut.

Das ist also das Schöne am Älterwerden: die Lebenserfahrung. Das klingt zum Verrücktwerden banal, ist aber als persönliche Erkenntnis ziemlich spektakulär. Vor allem, wenn sie einem zum ersten Mal selbst aufgeht und man sie nicht nur von irgendeinem Kalenderblatt abgelesen hat. Zu kapieren, dass Gefühle nicht halb so absolut sind wie ihr dramatisches Gehabe, ist eine sehr tröstliche Erkenntnis. Man wird ein bisschen routinierter im Fühlen und das bewahrt einen vor dem Wahnsinn.

Aber wie alles andere im Leben auch hat natürlich auch das seine Nachteile. Gefühle wirken dadurch ein bisschen weniger funkensprühend. Bei allem, was kommt, weiß man immer gleich: Das wird bald schon wieder vorbei sein. Nicht nur die Wut, die Scham, die Trauer, die Erkältung, die Krise, sondern auch die Euphorie, die Entspannung, die Weltreise, das gute Essen auch, und irgendwann die Jugend und dann, man darf ja gar nicht dran denken, die Beweglichkeit. 

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