Wie man am besten mit Tränen am Arbeitsplatz umgeht

Und warum es allen Beteiligten gut tun kann, einfach mal offen zu weinen.
Von Tabea Mirbach

Illustration: Julia Schubert

Manchmal gibt es diese Situationen im Büro: Der Chef oder die Chefin hat einen vor versammelter Mannschaft zur Sau gemacht und man würde am liebsten auf der Stelle in Tränen ausbrechen. Doch stattdessen reißen wir uns zusammen, stehen auf und gehen schnell auf die Toilette. Hinter der verschlossenen Tür lassen wir unseren Tränen freien Lauf. Dort, wo niemand uns sieht und Fragen stellen könnte. Wenn wir uns dann wieder beruhigt haben und die Augen nicht mehr verdächtig aussehen, gehen wir still zu unserem Platz zurück. Als wäre nichts gewesen. Tatsächlich kommt es häufig vor, dass Menschen am Arbeitsplatz weinen. In einer Umfrage gaben sogar 14 Prozent der Arbeitnehmer*innen an, dass sie mindestens einmal die Woche bei der Arbeit weinen. Manchmal sogar jeden Tag. 

Aber warum sind Tränen bei der Arbeit dann immer noch so ein Tabuthema? Sollten wir sie nicht offen zeigen dürfen, anstatt uns zum Weinen auf der Toilette zu verkriechen?

„Es ist ganz wichtig, dass Emotionen ihren Raum finden und dass sie nicht ignoriert werden“

Andrea Hufnagel ist Arbeitspsychologin bei ASAM praevent und gibt dort Coachings für Unternehmen, unter anderem zu den Themen Konfliktberatung und Teamentwicklung. „Ich denke, es ist ganz wichtig, dass Emotionen ihren Raum finden und dass sie nicht ignoriert werden. Es sollte also akzeptierter sein, dass wir auch am Arbeitsplatz Gefühle zeigen und zum Beispiel auch mal auf der Arbeit weinen“, sagt Hufnagel. Tatsächlich ist es in der Realität aber in den seltensten Fällen so. Tränen gelten laut Hufnagel in unserer modernen Arbeitswelt immer noch als Schwäche. Bei einer Studie gaben 41 Prozent der Frauen an, dass sie schon mal bei der Arbeit geweint haben. Bei den Männern waren es, laut eigenen Angaben, nur neun Prozent. Laut Andrea Hufnagel zeigen Männer Gefühle eher in Form von Missfallen oder Aggressivität. Das habe auch mit der Leistungsgesellschaft zu tun, in der wir leben. Dort gibt es oft keinen Platz für „schwache“ Gefühle.

Laut Andrea Hufnagel liegt es an unserer Leistungsgesellschaft, dass es dort keinen Platz für Emotionen gibt.

Foto: ASAM praevent GmbH

„Viele haben die Vorstellung, dass wir funktionieren müssen. Wir sollen immer gut drauf sein und das verhindert den Prozess, uns mit unseren Emotionen auseinanderzusetzen“, so Hufnagel.

Ihr zufolge liegt es auch an der Ökonomisierung und Taktung unserer Arbeitswelt, dass wir uns nicht mit unseren Gefühlen beschäftigen. Außerdem wüssten viele nicht, wie sie mit Gefühlen anderer umgehen sollen. „Es macht viele Menschen unsicher. Als Chef ist es einfacher, gar keine Emotionen auf der Arbeit zuzulassen, als sich damit auseinandersetzen zu müssen, wie man richtig mit so einer Situation umgeht.“

Auch wir ignorieren dann lieber unsere Gefühle oder weinen heimlich, wenn es nicht mehr geht. „Wenn ich erstmal in einem geschützten Raum bin, kann ich meine Gefühle sortieren und überlegen: Will ich überhaupt, dass die anderen das mitkriegen? Und wer soll das mitkriegen?“ Im Nachhinein sei es aber wichtig, die eigenen Gefühle nicht zu ignorieren, besonders wenn man wegen der Arbeit geweint hat. „Falsch wäre es, wenn ich mich aufs Klo zurückziehen und danach nicht mehr darüber reden würde.“

Das Arbeitsklima muss sich ändern

Damit niemand mehr auf der Toilette heulen muss, müsste sich in vielen Betrieben also das generelle Arbeitsklima ändern. Und Chef*innen oder auch Kolleg*innen müssen wissen, wie sie sich am besten verhalten, wenn jemand im Büro in Tränen ausbricht. „Wenn der Mitarbeiter in einem Großraumbüro weint, dann ist es wichtig, dass ich ihm einen geschützten Rückzugsort gebe oder vielleicht mit ihm rausgehe“, erklärt die Psychologin. Es sei wichtig zu vermitteln, dass es okay ist zu weinen und dass man sich dafür die Zeit nehmen darf. Dem- oder derjenigen ein Taschentuch oder ein Glas Wasser zu geben, kann ebenfalls sehr hilfreich sein. Im Nachhinein sollte dann geklärt werden, woran es lag. Erst dann kann eine Lösung für das Problem gesucht werden, damit sich die Situation verbessert. Prinzipiell sind Tränen Boten unseres Körpers, die zeigen, dass bei uns etwas nicht stimmt und dass sich etwas ändern sollte. Es kann also zu einer positiven Veränderung führen, wenn man seine Tränen nicht hinter der Toilettentür versteckt.

Emotionen haben nicht zu jeder Zeit ihren Platz

Eine fehlende Auseinandersetzung und Verarbeitung von Emotionen kann die Beschäftigten sogar langfristig krank machen, warnt die Expertin.

Aber Emotionen haben nicht zu jeder Zeit ihren Platz, wie zum Beispiel bei einem nervenzerrenden Kundengespräch. „Da geht es nicht darum, ob ich die Tränen zulasse, sondern wann. Daher ist es auch wichtig, seine Emotionen regulieren zu können.“ Es gibt Strategien, um Tränenausbrüche zu verhindern und sich in schwierigen Situationen zu beruhigen. Entweder man versucht sich abzulenken, indem man sich auf seine Arbeit konzentriert, oder sich zu entspannen, ruhig zu atmen und ein Glas Wasser zu trinken. 

Auf der Arbeit offen über Gefühle reden und diese auch zeigen zu können, hilft also allen Beteiligten. Das gilt übrigens insbesondere für Männer: „Es wäre wichtig, wenn nicht nur Frauen Emotionen zeigen und äußern würden. Männer sollten lernen, ihre Gefühle, auch die unangenehmen, wahrzunehmen, anzunehmen und darüber zu sprechen“, sagt Hufnagel. Nur so könne ein Raum geschaffen werden, in dem Emotionen nicht für Schwäche stehen, sondern als wichtige Boten für einen gesunden Umgang mit sich selbst gesehen werden. Erst wenn wir aufhören, unsere Emotionen in die Kategorien „gut“ und „schlecht“ einzuteilen, kann überhaupt eine richtige Auseinandersetzung mit ihnen stattfinden. Man könnte also auch sagen: Mal richtig offen im Büro zu weinen, ist am Ende für alle besser.

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