„Unsere Hochzeit wird immer eine ‚verschobene Heirat‘ bleiben“

Die Pandemie macht Hochzeiten mit Gästen gerade fast unmöglich. Brautpaare sprechen darüber, was das mit ihnen macht.
Protokolle von Steven Meyer

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Abstandsregeln, geschlossene Kirchen, Versammlungsverbot: Zu Zeiten der Pandemie sind Hochzeitsfeiern mit Gästen kaum möglich. Wir haben daher mit jungen Menschen, die ihre Hochzeit absagen mussten, gesprochen: Was bedeutet das nun finanziell und emotional für sie?

„Nach der Absage ist es mir mittlerweile scheißegal, ob die Hochzeit jemals stattfindet“

Foto: privat

Michele, 32, kommt aus Wien und ist seit fünf Jahren in einer Beziehung mit Roland. Nachdem die beiden lange nichts vom Konzept der Ehe hielten, wollten die beiden nun doch im Juni heiraten.

„Wir planen unsere Hochzeit schon seit dem Antrag im vergangenen Sommer: Wir hatten ein Schloss am Wörthersee gebucht, einen DJ und einen VJ, eine Fotografin, eine Floristin, eine Make-Up-Artistin, eine Frisörin und das Catering – und hatten alles bereits angezahlt. Wir sind quasi dem Planungswahn verfallen und wollten alles perfekt organisieren, die Hochzeit hätte insgesamt knapp 24 000 Euro gekostet – alleine für die Anzahlungen haben wir bereits zwischen 5000 und 6000 Euro bezahlt.

Mein Vater hat mir Ende Februar dann geraten, beim Catering nachzufragen, was passieren würde, wenn viele unserer Gäste aufgrund der aufkommenden Corona-Krise absagen müssten – ich weiß noch, dass ich das für völlig übertrieben hielt. Drei Wochen später kam dann die Nachricht vom Schloss: Die Hochzeit im Juni kann nicht stattfinden, sie mussten zusperren. Ich konnte es nicht fassen. Ich habe auf unserer Couch im Wohnzimmer gesessen und einfach nur ins Leere gestarrt. Es war mir so peinlich – auch, weil all unsere Gäste bereits ein Hotelzimmer gebucht hatten und nicht sicher ist, ob sie das Geld zurückbekommen. Ich habe mich hilflos gefühlt und vor Wut geweint. Es ist auch jetzt schon sicher: Wir haben viel Geld verloren.

Nach dem ersten Schock hat sich dann aber ein Gefühl der Erleichterung breitgemacht – auch wenn mein Verlobter und ich uns das noch nicht zu hundert Prozent eingestehen. Wir haben die Ehe als Konstrukt beide nie so ernst genommen und haben die Hochzeit am Ende wahrscheinlich mehr für unsere Großeltern und Eltern organisiert, als für uns. Nach der Absage ist es mir mittlerweile scheißegal, ob die Hochzeit jemals stattfindet. Ich kann im Moment nur noch Negatives damit verbinden und habe keine Lust, noch einmal Kraft in die Planung zu investieren. Außerdem haben wir schon viel Geld verloren und ich will nicht noch mehr investieren. Stattdessen will ich irgendwann einfach einen schönen Urlaub machen. Die Corona-Krise kann also auch eine Chance sein, die Hochzeit zu überdenken und sich zu überlegen, ob sie sich stattdessen nicht einfach einen geilen Urlaub gönnen sollten.“

„Die Absage war eine Erleichterung“

Foto: privat

Jakob, 31, kommt aus Wien und ist seit fast fünf Jahren in einer Beziehung mit Stefan. Die beiden wollten im Sommer mit 70 Gästen feiern.

„Wir haben bei einem Gewinnspiel vor einigen Monaten, das ein Wiener Museum gemacht hatte, unsere Traumhochzeit gewonnen – inklusive Catering auf dem Dach, mit Aussicht über die Stadt. Wir hatten aber natürlich sowieso vor, zu heiraten. Geplant war jetzt, dass wir freitags unsere Traumhochzeit über den Dächern Wiens feiern und tags darauf bei meinen Eltern auf einem Boot und einem Weingut in Neusiedl am See. Wir hatten auch schon das perfekte Wochenende gefunden, an dem alle Locations und ein Standesbeamter Zeit hatten. Das Wochenende sollte unser Highlight des Jahres werden.

Aber dann kam der Shutdown in Österreich. Wir haben noch lange darauf gehofft, dass die Hochzeit stattfinden kann, auch wenn uns insgeheim klar war, dass eine Feier mit 70 Personen eher unwahrscheinlich sein wird. Die Warterei und das Verfolgen der Corona-Einschränkungen hat uns wahnsinnig gemacht. Außerdem machten wir uns zusätzlich Sorgen um unsere Eltern, die aufgrund ihres Alters zur Corona-Risikogruppe gehören und auf der Hochzeit natürlich nicht fehlen sollten. Die Absage kam dann vom Museum – und war eine Erleichterung. Endlich hatten wir Klarheit und konnten uns darauf einstellen, dass die Hochzeit nicht stattfinden kann.

Location, Boot und Catering waren zwar schon gebucht, aber alle Dienstleister waren zuvorkommend und verständnisvoll. Da wir noch nichts anzahlen mussten, verlieren wir auch kein Geld. Wir hatten lediglich Angst, dass der Gewinn aufgrund der Corona-Krise verfällt – dem ist aber nicht so. Das Museum hilft uns dabei, einen neuen Termin zu finden. Es wird nur schwierig einen gemeinsamen Termin mit Museum, Boot, Weingut, Standesamt und all unseren anderen Dienstleistern zu koordinieren.”

„Wir hatten unser Hochzeitsdatum sogar schon in die Ringe gravieren lassen“

Foto: privat

Verena, 25, kommt aus Saarbrücken und ist seit sieben Jahren in einer Beziehung mit Marco. Die beiden wollten im April heiraten.

„Mein Freund Marco hat mir vor zwei Jahren an Heiligabend einen Heiratsantrag gemacht und wir haben gleich darauf angefangen, unsere Hochzeit zu planen. Wir wollten, dass sie etwas besonderes wird und haben uns bewusst dazu entschieden, die Feier erst dieses Jahr im April anzusetzen – Wir wollten genug Zeit zum Planen und Geld sparen haben. 

Anzug und Kleid waren nun gekauft, die Einladungen verschickt und auch sonst war schon alles geplant und gebucht: Catering, Fotografin, DJ und die Flitterwochen in der Türkei. Wir hatten unser Hochzeitsdatum sogar schon in die Ringe gravieren lassen. Dass all das umsonst gewesen sein könnte, habe ich erst  lange nicht realisiert – erst, als ich erfahren habe, dass die kirchliche Trauung abgesagt werden muss. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich gefühlt habe – und wie enttäuscht ich war. Marco ging es ähnlich, er ärgert sich aber besonders über die Flitterwochen, die nun nicht stattfinden können. 

Alles was auf die Absage der Kirche folgte, war ein reiner Verwaltungsakt: Wir mussten alles andere absagen, einen neuen Termin finden und die neue Planung koordinieren. Alle Dienstleister hatten zum Glück aber Verständnis, unsere Gäste haben wir per Whatsapp informiert. 

Das neue Datum sollte dann eigentlich Ende Juni sein. Denn wir wollten unbedingt noch im Sommer heiraten und es gab sonst keine freien Termine mehr. Da es aber so unsicher ist, ob wir bis dahin mit 65 Gästen feiern können, haben wir nun alles auf nächstes Jahr verschoben. Die Hochzeit kostet immerhin um die 14.000 Euro. Wir wollen deshalb, dass es trotz der Pandemie noch so wird, wie wir es uns vorstellen, inklusive Junggesellenabschied. Wir haben noch Glück und werden wohl nur das Geld für die Einladungen und die Änderung der Gravur verlieren. Die Hochzeit wird aber wohl nie wirklich so sein wie die, die wir sie ursprünglich geplant haben. Sie wird immer eine ‚verschobene Heirat‘ bleiben. Das macht mich sehr traurig.”

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