Die Ehe-Gegner haben sehr gute Argumente

Aber ich kann sie widerlegen – glaube ich. Folge zwei unserer Hochzeitskolumne „Vik will“.
Von Viktor Szukitsch
Illustration: Katharina Bitzl

Es wird viel geheiratet derzeit. Aber wie heiratet man als junger, emanzipierter Mann im 21. Jahrhundert eine junge, emanzipierte Frau? Mit welchen Rollenklischees, Traditionen und Ansprüchen wird man konfrontiert und wie geht man mit ihnen um? Und: Wie fühlt sich das eigentlich an, ein Braut- und dann ein Ehepaar zu sein? Diese und andere Fragen beantwortet unser Autor wöchentlich in der Kolumne „Vik will“. Folge zwei: Das große Contra und trotzdem so viel Pro.

Weil wir keine offizielle Durchsage gemacht hatten, erfuhren unsere Freunde nur nach und nach von unserer Verlobung. Die meisten freuten sich natürlich für uns. Nicht wenige freuten sich aber eher, „dass ihr euch freut, auch wenn diese Ehesache… also… nur für uns persönlich jetzt ist das eher nichts.“ Wir lachten jedes Mal und sagten: „Wir hatten euch auch gar nicht anbieten wollen, da mitzumachen. Gibt keine Rabattaktion oder so, haha.“

Aber diesen Freunden war es schon ernst mit ihrer Abneigung gegen die Ehe. Was ein Schwur wert sei, der in zwei von fünf Fällen gebrochen werde, wurden wir gefragt. Und: Sei es nicht absurd, nach nicht mal 30 Jahren Lebenszeit Aussagen darüber machen zu wollen, wie man in weiteren 50 für einen Menschen fühlen wird, der sich bis dahin ebenfalls komplett verändert haben wird?

Gerade die Unmöglichkeit, das Ausmaß des Eheversprechens zu begreifen, macht es so wertvoll

Diese Diskussionen, die wir führten, als ginge es dabei immer nur um andere Paare, nie aber um uns selbst, waren nicht ganz einfach für mich. Denn auch ich finde das Heiraten nicht bedingungslos gut. Viele der damit verbundenen Rituale sind mir unangenehm und auch den symbolischen Ballast der „Ehe“ hätte ich gern abgeschüttelt. So ziemlich der einzige Aspekt, den ich bedingungslos gut finde, ist allerdings der, den unsere Freunde besonders kritisierten: der Schwur selbst.

Denn für mich ist es gerade die Unmöglichkeit, das Ausmaß des Eheversprechens zu begreifen, die dieses Versprechen so wertvoll macht. Wenn ich wüsste: Genau das wird in den nächsten Jahrzehnten passieren und genau so werde ich mich dabei fühlen – wie lächerlich einfach und unbedeutend wäre meine Entscheidung für Tina? Bedeutend wird der Schritt der Eheschließung gerade durch die Tiefe der Dunkelheit, in der und in die er getan wird.

Als ich 19 oder 20 Jahre alt war, schwor ich einer Ex-Freundin einmal, dass ich sie für immer lieben würde. Sie drehte sich in ihrem schmalen Bett zu mir und fragte trocken: „Woher willst du das wissen?“

Ich schwieg einen Moment und wahrscheinlich war ich sogar beleidigt, dass meine leidenschaftliche Beteuerung mit so rationaler Skepsis entgegnet wurde. „Mein Gott“, werde ich vielleicht gedacht haben, „du weißt doch, wie ich es meine, Mädchen! Ich liebe dich halt sehr!“ Aber ich erklärte: „Baby, wenn ich sage, dass ich dich für immer lieben werde, meine ich das nicht im zeitlichen Sinne von für immer.“ (Ich paraphrasiere natürlich, aber andererseits habe ich damals wirklich so geschwollen geredet. Man muss sich außerdem vorstellen, dass ich sehr schlechte, selbstgemachte Dreadlocks trug, dazu halbzerfetzte Cordhosen und Hemden mit Paisley-Muster.) „Das Zeitliche ist nur eine Metapher für die Tiefe meiner Liebe: Ich liebe dich hier und jetzt so sehr, dass es mich glauben macht, es muss für immer sein. Der Schwur wäre also auch dann nicht gebrochen, wenn meine Gefühle morgen schon verfliegen würden“, schloss ich und bereitete damit schon heimlich meinen Exit vor. 

Meine Liebe hat Tina, wie sie heute ist, zur Bedingung

Ich muss kaum erwähnen, dass diese Freundin meine Erklärung nicht besonders überzeugend fand. Dreadlocks-Vik war auch tatsächlich nicht zu trauen. Aber hatte er nicht einen Punkt? Ist es nicht tatsächlich das, was man sich bei der Hochzeit schwört? Dass man den anderen so sehr liebt, „dass es mich glauben macht, es muss für immer sein“? Was ist die Ehe anderes, als ein Versuch der Übersetzung dieses Gefühls in die Realität? Als eine Umwandlung von Liebestiefe in eine (möglichst lebenslange) Liebeslänge? Und ist es das etwa nicht wert, versucht zu werden?

Gleichzeitig heißt das nicht, dass ich mir keine Sorgen darüber mache, dass Tina und ich einmal auseinanderdriften könnten. In ein paar Jahrzehnten wird alles so anders sein und werden wir beide so anders sein, dass es unsere Ehe natürlich auf die Probe stellen wird. Ich liebe Tina als die Frau, die sie heute ist, und ich kann nicht garantieren, dass ich die Frau, die sie in zwanzig Jahren sein wird, ebenso lieben werde. Meine Liebe hat Tina, wie sie heute ist, zur Bedingung. Und dasselbe gilt natürlich auch andersherum.  

Das Ja-Wort ist darum vielleicht auch ein Versprechen, dass man versuchen will, der Mensch zu bleiben, in den der andere sich verliebt hat. Eine treue Liebe zeichnet sich dann nicht dadurch aus, dass sie bedingungslos ist, sondern dadurch, dass die Liebenden sie in allem, was sie tun, zur Bedingung machen.

Tina und ich versuchen unsere Leben jedenfalls so zu planen, dass es unsere Liebe weiterhin möglich macht. Dass wir die Eigenschaften, die wir aneinander lieben, weiter behalten, ausbauen und im Alltag beweisen können. Und das kann man sich durchaus schwören.

Hier geht's zur ersten Folge der Kolumne – und zu noch mehr Texten übers Heiraten:

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