Bitte keine „witzigen“ Hochzeitsgeschenke

Man kann nämlich nicht ironisch heiraten. Folge fünf unserer Hochzeitskolumne „Vik will“.
Von Viktor Szukitsch
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Illustration: Katharina Bitzl

Zur Hochzeit bekamen wir zwei Arten von Geschenken. Von unseren Eltern und Verwandten gab es das am aufwändigsten verpackte Geld, das ich in meinem Leben je gesehen habe: Die Scheine waren in Spielzeugautos versteckt oder Teil elaborierter, in Unmengen Zellophan gehüllter Modell-Landschaften. Sie lagen in großformatigen Karten, die dennoch kaum genug Platz boten für all die Tipps und Wünsche, die unsere Verwandtschaft uns für die Ehe mitgeben wollte. Bücher mit wenig hilfreichen, aber durchaus ernstgemeinten Ehe-Aphorismen stapelten sich auf dem Geschenketisch. Das war alles sehr lieb, aber eben auch sehr kitschig.

Die Geschenke unserer Freunde waren anders. Zwei davon hatten wir aus Hamburg an den Bodensee mitgebracht und wir vertrieben uns den Hochzeitsmorgen, indem wir auf dem Hotelbett Bescherung machten. 

Das erste stammte von einem verheirateten Paar und bestand in der Hauptsache aus zwei hässlichen Schlafanzügen, von denen der eine mit dem Wort „Hubby“ (eine Verniedlichung des englischen Wortes für Ehemann) bestickt war, während auf dem anderen „Wifey“ stand.   

Das war natürlich als Witz gemeint, machte meine an diesem Morgen mindestens fragile Laune aber nicht besser. Denn erstens zeichnete es trotz aller Ironie ein Bild davon, wie doch relativ viele Menschen die Ehe sahen – und wie diese Menschen uns also in Zukunft sehen würden: als spießig, sesshaft und mehr oder weniger keusch.   

Unsere Freunde taten so, als hätten Tina und ich uns die Sache mit der Hochzeit gar nicht selbst ausgedacht

Zweitens ist es mit solchen ironischen Geschenken wie mit dem Kosenamen „Schatz“: Das erste Mal, dass man den Partner „Schatz“ nennt, ist es ein lustig gemeintes Zitat. Beim zweiten Mal gehört man schon der Gruppe an, über die man sich beim ersten Mal lustig gemacht hat. Ehepaare, die Witze über „Wifey“ und „Hubby“ machten, würden sich sicher schon sehr bald in solche verwandeln. Und wenn unsere Freunde dazu bestimmt waren, der Spießigkeit anheim zu fallen, dann wir doch vermutlich auch, oder?  

Das andere Geschenk – von in der Mehrheit ledigen, modernen Hamburger Frauen – bestand aus Piccolos, einer Schachtel Kippen und einem Mundspray. Auf der Karte stand: „Oh great. Another wedding.“  

Dieses Geschenk setzte mir zwar weniger zu, vor allem, weil ich an diesem Morgen – obwohl ich vor längerer Zeit mit dem Rauchen aufgehört hatte – tatsächlich Lust auf eine Zigarette verspürte.

Gleichzeitig war dieses Päckchen eigentlich noch schlimmer als das erste, handelte es sich dabei doch um ein (wiederum ironisch gemeintes) Erste-Hilfe-Paket, das uns wahrscheinlich helfen sollte, diesen spießigen Tag auf rock’n’rollige Art und Weise zu überstehen. Die Absenderinnen distanzierten sich damit nicht nur von einer besonders spießigen Art Ehe, wie es die Schlafanzüge-Verschenker getan hatten, sondern vom Akt des Heiratens insgesamt. Sie taten so, als hätten Tina und ich uns die Sache mit der Hochzeit gar nicht selbst ausgedacht, müssten da jetzt aber leider durch (und könnten uns dank des Geschenks wenigstens betrunken und mit Kippe im Mundwinkel das Ja-Wort geben).  

Beiden Geschenke kommentierten unsere Hochzeit ironisch und distanziert. Und mehr noch: Sie luden uns dazu ein, unsere Hochzeit ebenfalls ironisch zu betrachten. Als wäre das Heiraten an sich etwas Peinliches, Schamvolles, das nur erträglich gemacht werden kann, indem man dabei über sich lachte.  

Die Ehe ist jenseits aller Anführungszeichen

Aber so gern ich über uns gelacht hätte: Man kann nicht ironisch heiraten. Der ganze Kern des Heiratens – dieser altmodische, aus der Zeit gefallene Wunsch nach „für immer“ – ist uncool, unzeitgemäß, trieft vor Gefühligkeit. Das muss man akzeptieren oder man kann es gleich lassen. 

Ich erkannte das wohl selbst erst in diesem Moment, als ich – Schlafanzüge, Sekt und Kippen vor mir ausgebreitet wie ein dm-Haul – auf dem Bett saß, in dem wir in nicht mal 16 Stunden unsere Hochzeitsnacht begehen sollten: dass ich im Begriff war etwas zu tun, von dem ich mich nicht cool distanzieren konnte. Das ging vielleicht mit meiner Herkunft (Haha, „Eimsbüttel-Schwabe“), meiner Ausbildung („Ich bin vielleicht Doktor, aber Sie können die Kleider anbehalten“) oder meinem Job („Werbe-Heini“, LOL). Aber zum Heiraten hatte mich niemand gezwungen und das passiert auch nicht einfach so, da schlittern Leute wie wir heutzutage nicht mehr rein. Die Ehe ist jenseits aller Anführungszeichen. 

Unsere Verwandten – allesamt älter als der Freundeskreis – wussten das. Ihre Geschenke, die wir am Abend desselben Tages auspacken sollten, waren nicht deshalb kitschig, weil unsere Verwandten keinen Geschmack hatten. Sondern weil diese distanzlose Gefühligkeit, die Kitsch so häufig ausmacht, die einzig ehrlich Art und Weise ist, mit dem Heiraten umzugehen. Ehrlicher jedenfalls als das unsichere Augenzwinkern unserer Freunde (und übrigens auch unser eigenes – denn wir haben solche Geschenke natürlich auch schon gemacht).

Ich stopfte die Schlafanzüge in ihre Verpackung zurück und dann vergrub ich sie unter einigen Deko-Kissen, um sie bloß nicht mehr sehen zu müssen. Mit den Zigaretten liebäugelte ich noch eine Weile. Aber was für einen Eindruck hätte das auf Tina gemacht, wenn ich jetzt auf den Balkon gegangen wäre? Ich im Wind mit Kippe im Mund – das hätte nicht nach Rock’n’Roll ausgesehen, nicht cool. Sondern nur nach kalten Füßen.

Weitere Folgen der Hochzeitskolumne:

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