Horror-Date: Der nachtaktive Opernsänger

Jeder hatte schon einmal ein Date, das total danebenging. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von David Würtemberger
Grafik: jetzt

Dating-Situation: Nachtspaziergang in Augsburg

Geschlecht und Alter das Dates: männlich, Mitte 20

Horror-Stufe: 4 von 10  

Als Spätzünder machte ich im Sommer 2009 gerade meine ersten Dating-Erfahrungen. Mein Naivitätslevel lag zu diesem Zeitpunkt ungefähr bei 99 Prozent. Online lernte ich Moritz kennen (Name geändert), der sich am zweiten Tag unseres Chats unbedingt sofort treffen wollte und eine Fahrradtour vorschlug. Es war 23:30 Uhr, aber das störte ihn wenig.

Leider hatte ich kein Fahrrad und wir einigten uns auf einen kleinen Nachtspaziergang. Dabei konnte man sich sowieso besser unterhalten. Ich war etwas von Herzschmerz geplagt und wünschte mir gute Freundschaften. An meiner hintersten Hinrinde klopfte zwar die Vernunft an, aber die konnte mir gestohlen bleiben. Ich wollte Erfahrungen sammeln! Und Freundschaften! Und vielleicht, ganz vielleicht, die große Liebe treffen!

Der Treffpunkt war also um Mitternacht bei mir um die Ecke, denn in der Nähe auf einem Spielplatz machte Moritz immer seine Klimmzüge. Schräg, aber egal. Er kam mit dem Fahrrad angefahren. „Hier, ich habe Kuchen mitgebracht!“, sagte er. Selbiger klemmte auf dem Gepäckträger und sah etwas mitgenommen aus. Wir spazierten los und er sagte: „Es muss schnell gehen. Um ein Uhr habe ich mein nächstes Date!“ Später stellte sich aber heraus, dass er nur zu einem Freund fahren und mit ihm DVDs der britischen Sopranistin Sarah Brightman schauen wollte. Warum ausgerechnet von der? Das sollte ich noch erfahren.

Unterwegs klingelte sein Handy: „Ja, also nein, ich bin gerade nur unterwegs, weil ich heute mein Fahrrad aus der Reparatur geholt habe und jetzt noch ein paar Klimmzüge machen möchte.“ Was man halt so macht um Mitternacht. „David“, sagte er nach dem Gespräch, „das war ein Verehrer, der immer mit mir schlafen will. Ein alter Mann, hat mich mal zum Essen eingeladen. Und er denkt wirklich ununterbrochen an Sex... mit 86 Jahren!“ 

Moritz sagte: „Mit deiner Brille siehst du aus wie ein Käfer“


Moritz fragte mich, ob er denn so aussähe wie auf seinen Bildern. Ich bejahte und fragte: „Äh... und ich?“ „Nein. Nicht so gut.“ Mit einer derartigen Charmeoffensive hatte ich nicht gerechnet und musste lachen. Er erklärte mir, er meine das nicht böse, er sei einfach nur ein ehrlicher Mensch. „Aussehen ist sowieso nicht die entscheidungsgebende Instanz in Sachen Zuneigung.“ Danach erklärte er mir aber: „Du siehst aus wie ein Musterknabe mit den Haaren. Und mit deiner Brille siehst du aus wie ein Käfer.“ „Ein Käfer!?“ „Ein Käfer.“ 

Auf dem Spielplatz erklärte Moritz mir, dass er seine Klimmzüge für einen kräftigen Rücken mache. „Ich bin Opernsänger und da muss man gute Muskeln haben!“ Aha! Darum also DVDs von Sarah Brightman. Ich fragte ihn, ob man beim Singen nicht sehr locker bleiben müsse. „Kommt darauf an, was man ausdrücken möchte! Wenn ich zum Beispiel so etwas singe, dann muss ich viel Spannung haben!“, sagte er in die stockdunkle, städtische Sommernacht hinein – und fing plötzlich an, UNGLAUBLICH LAUT ZU SINGEN. Technisch war das zwar einwandfrei, aber mitten im Wohngebiet mit einer lebenden Tenorsirene zu stehen, war mir doch minimal unangenehm. Ich bettelte ihn an, leise zu sein, aber nein, alles für die Kunst.

Nach seiner Arie machte er mir dann wirklich Klimmzüge vor. Und während er da auf und ab baumelte, erzählte er: „Ich war heute im Solarium! Und habe mich mit Babyöl eingerieben!“ Damals hatte ich keine Ahnung, was Moritz mir sagen wollte. Heute, fast zehn Jahre später, muss ich lachen über die Grenzenlosigkeit seiner Plumpheit und meiner Naivität.

Plötzlich ließ er die Stange los und stellte sich ganz nah vor mich: „Wie siehst du ohne Brille aus?“ Bevor ich antworten konnte, nahm er sie mir ab. „Ahh schon viel besser!“ So langsam merkte ich, worauf das hier hinauslaufen sollte. „Übrigens, hast du Muskeln???“, fragte er. Ich, Körpertyp Lauch, sollte meine Ärmchen zum Abtasten anspannen und ihm dann auch noch einen Klimmzug vormachen. Aus Angst, er würde die nächste Arie anstimmen, überwand ich all meine Grundschultraumata und hängte mich an die Stange. „Ich helfe dir!“, sagte Moritz und tat das, indem er mich am Hintern nach oben schob. Selten kam ich mir so grazil und sexy vor.

Zum Abschied grabschte er mir beherzt an den Arsch


Kurz vor dem Kollaps setzte ich mich auf eine Bank und plötzlich wurden seine Augen groß: „David, ist das ein normales Treffen… oder ein romantisches Date? Wenn das ein romantisches Date ist, dann mache ich das“ – er hopste elfengleich auf meinen Schoß – „und gebe dir das“ – und schob mir eins von zwei Atemfrisch-Bonbons in den Mund. Ich war wie paralysiert.

Doch dann: „Ach David, ich bin noch traurig, weil ich so verliebt bin in meinen Exfreund.“ Der wohne auf Sardinien und habe ihn vor ein paar Wochen sieben Tage in Deutschland besucht. Es sei wunderschön und romantisch gewesen, auch wenn sie keine gemeinsame Sprache gesprochen hätten. Die Woche darauf sei Moritz dann mit ihm nach Sardinien gekommen und da wäre es irgendwie nur noch komisch gewesen. Deshalb habe er dann nach zwei Wochen Beziehung Schluss gemacht. „Also jetzt bin ich noch ein wenig traurig, aber in zwei Wochen ist das fertig.“


Moritz wusste von mir, dass auch ich noch einem Mann hinterherhing. Darum wollte ich doch genau wissen, wie er die Dauer seines Liebeskummers so genau abschätzen könne. „Das ist so, weil mein chinesisches Sternzeichen Affe ist. Die verlieben sich schnell, aber das geht genauso schnell wieder rum.“ Ich bin übrigens Büffel.

Dann musste Moritz aber auch echt los, sein Freund und Sarah Brightman warteten. Auf dem Rückweg fragte er mich, warum ich denn eigentlich noch in meinen Ex verliebt sei: „Ist es, weil er im Bett gefurzt hat?“ Bitte WAS!? „Ich fand das so toll, dass mein Exfreund im Schlaf gefurzt hat. Das hat ihn so menschlich gemacht.“


Zum Schluss erklärte mir Moritz noch: „David, ich bin nicht so easygoing und habe keinen Sex mit allen möglichen Leuten.“ Zum Abschied grabschte er mir beherzt an den Arsch und drückte mir einen Kuss auf den Hals. Dann verschwand Moritz in die Nacht. Mit Sarah Brightman und seinem Knautschkuchen.

Bis heute kann ich mich nicht entscheiden, ob mich dieses Date extrem belustigt oder extrem fasziniert hat. 

Ein paar Tage später schrieb mir Moritz: „Hallo David, wann sehen wir uns wieder, müsste dringend mal ficken!“ Vermutlich waren seine zwei Wochen um. Ein echter Affe eben. Wir haben uns nie wiedergesehen.

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