Wie Freunde und Familie auf eine offene Beziehung reagieren

Unsere Autorin musste erst lernen, wie sie mit wem über ihr Liebesleben sprechen kann.
Von Katja Lewina

Illustration: Julia Schubert

„So krass, offene Beziehung funktioniert wirklich!“ Nachdem mein Mann und ich vor fünf Jahren unser Beziehungsexperiment gestartet und unsere monogame Beziehung geöffnet hatten, rannte ich für ein paar Monate volleuphorisiert durch die Stadt. Alle meine Freunde sollten es wissen. Nur wollten die meisten meine Freude nicht so recht teilen. „Was stimmt denn nicht bei euch?“, fragten besorgte Stimmen. „Haltet ihr eh nicht lange durch“, wussten manche. „Das ist der Anfang vom Ende“, prophezeiten andere. Am häufigsten aber fiel mit Abstand der Satz: „Also, ich könnte das ja nicht.“

Ich kapierte erstmal gar nichts. Wie oft erzählten wir einander von den großartigen neuen Dingen und Erkenntnissen in unserem Leben – Jobs, Lieben, Lebensweisheiten, Schuhen meinetwegen … – und freuten uns für einander, statt uns gegenseitig „Also, ich könnte das ja nicht“ vor den Latz zu knallen? Warum also schlug mir jetzt so viel Skepsis entgegen? Die Antwort lieferte eine Freundin, die zwar keine Ahnung von offenen Beziehungen hatte, aber mochte, wie ich seitdem aufblühte: „Das stellt alles in Frage, was die in ihren Beziehungen machen. Ist deren Thema, nicht deins.“ Auf Dinge, die einem fremd sind, mit Abwehr zu reagieren, ist schließlich die einfachste Lösung.

Leider erwies sich mein Vater als sehr neugierig

Und noch etwas war merkwürdig: Während viele weibliche Freunde augenblicklich dazu übergingen, das Konzept der Monogamie zu verteidigen und mich beim Zusammentreffen mit ihren Partnern keine Sekunde mehr aus den Augen ließen, bekamen die Augen meiner männlichen Freunde und Bekannten so einen merkwürdigen Glanz, wenn sie von dem Thema hörten. Für die einen war ich nun potentielle Konkurrenz, für die anderen potentielle Sexpartnerin – beides hatte ich nicht beabsichtigt.

Mich jedenfalls nervte das alles so sehr, dass ich bald dazu überging, nur noch mit ausgewählten Freunden über Beziehungsthemen zu sprechen und das Thema „offene Beziehung“ nur noch dann auf den Tisch zu bringen, wenn es wirklich nicht mehr anders ging. Wenn eine neue Bekannte mich mit einem anderen Typen sieht und hinterher nachfragt, ob mein Mann und ich denn nun getrennt seien, zum Beispiel. Oder wenn jemand aus meinem Umfeld zufällig einen meiner Texte gelesen und dann festgestellt hat, dass er – Überraschung! – die Autorin ja kennt.

Die ganze Aufregung liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück. In unserem Bekanntenkreis hat sich seitdem viel getan, der Blick auf uns hat sich verändert. Manche Paare haben sich getrennt, manche es irgendwann tatsächlich mehr oder weniger erfolgreich mit der freien Liebe probiert. Und auch die, die nach wie vor monogam leben, sehen mit weniger Härte auf unsere Beziehung. Das liegt zum einen daran, dass wir immer noch ein Paar sind. Zum anderen aber auch daran, dass das Thema in den vergangenen Jahren medial so präsent war, dass es seine Exotik verloren hat.

So ehrlich mein Mann und ich aber in unserem direkten Umfeld mit unserer Beziehung umgehen, so schwer fällt es uns teilweise, mit unseren jeweiligen Eltern darüber zu reden. Vor allem, weil die über ganz Deutschland verstreut sind, kommen wir selten in die Verlegenheit, irgendetwas erklären zu müssen.

Nur die Familie meines Mannes weiß von nichts

Meine Mutter, zu der ich ein sehr enges Verhältnis habe, wusste als einziges Elternteil ziemlich schnell Bescheid. Natürlich machte sie sich anfangs Sorgen um unsere Beziehung. Und immer, wenn jemand von uns mit einem Date unterwegs war, tat ihr derjenige, der zu Hause geblieben war, schrecklich leid. Inzwischen aber kennt sie sogar meinen Freund und findet uns alle zusammen zwar seltsam, aber irgendwie auch knuffig.

Mein Vater wiederum kam erst vor zwei Jahren darauf, was wir da so machen. Ursprünglich hatte ich mir sogar meinen Künstlernamen extra seinetwegen zugelegt — schließlich ist er schrecklich konservativ und die sexuellen Eskapaden seiner Tochter sind sicher das Letzte, was er lesen möchte. So war zumindest mein damaliger Gedanke. Leider erwies sich mein Vater am Ende doch als sehr neugierig und luchste meinem Bruder den Namen ab, unter dem ich schreibe. Seitdem macht er zwar immer wieder seine Witzchen über unseren Lebensstil, freut sich aber auch, dass man von so einem Mumpitz leben kann.

Nur die Familie meines Mannes weiß von nichts — glauben wir zumindest.

Für uns ist das fürs Erste okay. Sollte aber aus irgendwelchen Gründen doch mal die Sprache darauf kommen, fühlen wir uns inzwischen sicher genug, um souverän darauf reagieren zu können.

Schließlich sind wir fünf Jahre später immer noch zusammen — und so viel glücklicher als wir es vorher waren. Da ist es schon fast egal, was andere dazu sagen.

Ihr wollt eine offene Beziehung, habt aber Angst vor der Reaktion eures Umfelds?

So könnt ihr damit umgehen:

  • Obacht! So lange ihr noch nicht wisst, wie es wohl so laufen wird, kann es klüger sein, mit eurer Idee nicht gleich überall hausieren zu gehen. Damit ihr euch am Ende nicht aus tausend Kehlen „Ich hab’s doch gleich gesagt“ anhören müsst. Je sicherer ihr euch seid, desto besser könnt ihr mit Abwertung umgehen.
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  • Unterscheidet Sorge von Abwertung. Wenn euch nahestehende Menschen Angst haben, dass die offene Beziehung euch nicht guttun könnte, dann prophezeien sie weder gleich das Ende noch beziehen sie das, was ihr macht, auf sich. Sie sagen „Ich mache mir Sorgen um dich“ und schaffen es trotzdem, sich mit euch zu freuen. Das sind die Guten, haltet euch an die. Die „Also, für mich wär das ja nichts“-Sager könnt ihr hingegen ruhig links liegen lassen – was dieses Thema angeht jedenfalls.
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  • Wenn andere euch für eure Beziehung runtermachen, dann denkt daran: Das ist nicht euer Problem, sondern das der anderen. Erklären nützt dann auch nicht mehr viel. Spart euch die Mühe – und knutscht stattdessen lieber ein bisschen rum.
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