Warum es auch in Freundschaften Liebeskummer gibt

Auch eine Beziehung zu Freund:innen ist geprägt von Liebe und Vertrauen – sie zerbrechen zu sehen, tut weh.
Foto: unsplash; Collage: jetzt

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„Wir haben uns getrennt“, schluchzte meine Freundin am anderen Ende des Telefons. Ihre allererste Beziehung war nach mehreren Jahren in die Brüche gegangen. Unmittelbar nach ihrem Anruf lief ich los, um sie schnellstmöglich in die Arme zu schließen. Wir gingen zu mir und tranken am Mittag den vom Vorabend übrig gebliebenen Rotwein – das klassische Liebeskummer-Programm.

Menschen, die unter Trennungsschmerz leiden, dürfen so viel Eis löffeln und schnulzige Teenie-Filme gucken wie sie wollen. Das ist nunmal so. Sie werden bekocht, mit Dingen, die sie sowieso nicht runterkriegen und schrauben ihre Müllproduktion durch vollgerotzte Taschentücher auf das Zehnfache hoch. Denn Liebeskummer tut weh – das weiß jede:r. Eigentlich dachte ich immer, ich hätte noch nie eine Trennung durchlebt. Noch nie habe ich mich diesem Herzschmerz so hingegeben wie meine Freundin es damals tat – und gleichzeitig versucht, diesen mit Schoko-Eis und Rotwein zu lindern. Aber heißt das auch, dass ich noch kein Break-up hinter mir habe?

Mittlerweile weiß ich: nicht so ganz. Auch ich habe schon eine herzzerreißende Trennung erlebt. Nur war es keine Liebesbeziehung, sondern eine Freundinnenschaft, von der ich mich löste. Und das war extrem schmerzhaft. Hätte es mir geholfen, wenn ich auch diese Trennung wie eine Liebes-Trennung behandelt hätte? Und wäre mir das wiederum leichter gefallen, wenn wir öfter darüber reden würden, dass es neben Liebeskummer auch Freund:innenkummer geben kann? Ich glaube: ja.

„Lucia war für mich wie eine Schwester“

Lucia, die eigentlich anders heißt, und ich kannten uns seit der dritten Klasse. Ich war eine ihrer ersten Freundinnen, nachdem sie aus dem Ausland nach Deutschland gekommen war. An ihrem ersten Tag an der neuen Schule ging ich zu ihr und sagte: „Hallo, ich bin Sheila Dierks, wollen wir Freunde sein?“. Seitdem waren wir mehr als zehn Jahre  lang unzertrennlich. Mit Lucia trank ich mein erstes Bier, das wir heimlich von ihrem Vater aus dem Schuppen stibitzten. Wir fuhren gemeinsam das erste Mal alleine in den Urlaub und schließlich zogen wir auch zusammen in eine WG. Lucia war für mich wie eine Schwester, ihre Familie war auch meine, ich nannte ihre Mutter „Mummy“. Noch während wir zusammen wohnten, lernte Lucia dann ihren ersten festen Freund kennen. Es ging ganz schnell, von einen auf den anderen Tag waren die beiden ein Paar – ein Anfang, der unser Ende bedeutete. Denn Lucia verbrachte von nun an die meiste Zeit mit ihrem Freund, sie zogen gemeinsam in eine andere Stadt. Sie hatte einen neuen Mittelpunkt in ihrem Leben, in dem ich keinen Platz mehr fand. 

Das zu erkennen tat weh. Plötzlich war da eine riesige Lücke in meinem Leben. Eine Lücke, die zuvor ein Mensch gefüllt hatte, dem ich mich voll und ganz anvertraut hatte. Zu versuchen, diese Lücke krampfhaft aufzufüllen, schmerzte. Es kostete mich Tränen und viel Zeit, in der ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie wir wieder zueinander finden könnten – um dann langsam erkennen, dass das wohl nie wieder der Fall sein wird. Ich wartete auf Nachrichten von ihr, die nicht kamen. 

Irgendwann hörte ich auf zu warten. Das war für mich sehr befreiend und gleichzeitig traurig, da ich damit auch aufgab. Ich gab meine Hoffnungen und damit auch unsere Freundschaft auf. Und ließ eine jahrelange Beziehung los – zu einer sehr engen Freundin.  

Ich hatte mich getrennt.  

Dass ich in dieser Situation weder von einer guten Freundin aus dem Bett gepult werden musste, um mal wieder die Sonne in real life zu sehen, noch alte Fotos durchging, auf denen „noch alles gut war“, um mich daraufhin wehleidig in eine Heul-Attacke zu stürzen, hatte zwei Gründe: Erstens wusste ich nicht, dass es Freundschaftskummer gibt, der in dieser Situation erlaubt ist. Zweitens, fast noch wichtiger: Mein Umwelt wusste es auch nicht. Nach dem Motto: „Es war ja nur eine gute Freundin, kann ja nicht so schlimm sein“.

Dabei sind Freundschaften auch aus wissenschaftlicher Sicht mindestens genauso wichtige Bindungen wie romantische Beziehungen. „Freundschaften können genauso stark, leidenschaftlich, intenstiv, dauerhaft, tief und intim sein wie Liebesbeziehungen“
, erklärt etwa der  Psychoanalytiker Saverio Tomasella in einem Interview. Und dennoch sind es oft explizit Trennungen von Liebesbeziehungen, die als emotionaler Ausnahmezustand dargestellt werden. Kein Wunder: Wenn man romantische Beziehungen Freundschaften gesellschaftlich oftmals als  emotional überlegen ansieht und Liebe ohne Sex häufig nicht ernst nimmt, fällt es auch nicht leicht, eine freundschaftliche Trennung als gleichwertig mit einer romantischen anzuerkennen. Auch ich habe dafür ganze zwei Jahre gebraucht.

„Liebeskummer kann heilend sein“

Ich glaube, meine eingangs erwähnte Freundin hatte nach der Trennung von ihrem ersten Freund auch deshalb so großen Herzschmerz, weil sie das, was passiert war, benennen konnte: eine Trennung. Und auch für das, was sie danach empfunden hat, hatte sie einen Namen: Liebeskummer. Zu wissen, dass es in dieser Situation erlaubt – wenn nicht sogar vorgesehen – ist, so richtig zu heulen und zu leiden, tat bestimmt auf eine Art ziemlich gut. 

Ich hätte mir gerne früher erlaubt, ebenfalls Trennungsschmerz zu empfinden – doch das habe ich mir lange selbst verwehrt. Eben das Benennen – von dem, was passiert war – als Trennung und meines Schmerzes war sehr befreiend: Ich hatte großen Freundschaftskummer. 

Manchmal wünschte ich, ich hätte das Pflaster einfach schnell abgerissen, anstatt es zögerlich abzupulen und dabei ein paar Härchen mit rauszureißen. Hätte es die Option gegeben, all meine Gefühle zu bündeln und als einen „Ich mach Schluss“-Moment zu verpacken, um mich daraufhin in richtig fettem Freundschaftskummer zu suhlen, hätte es wahrscheinlich nur ganz kurz wehgetan.  

Gäbe es mehr Filme, in denen jemand so richtig leidet, sich verlassen fühlt und verzweifelt ist, weil eine Freundschaft aufgegeben wurde, wäre das anders. Oder mehr Bücher, in denen von diesem Herzschmerz und dieser großen, klaffenden Lücke geschrieben wird, die auch eine fehlende beste Freundin auslösen kann. Und insgesamt mehr Menschen, die verstehen, dass eine Trennung von einer guten Freundin richtig doll weh tun kann. Die eine:n dann auch umsorgen und bekochen. Dann hätte ich all das wahrscheinlich viel früher als Trennung erkennen und diese akzeptieren können, dann hätte ich früher gewusst: Freundschaftskummer kann und darf sich genauso furchtbar anfühlen wie die romantische Version dieses Schmerzes.

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