Männer, sind eure Freundschaften anders als unsere?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Männer, 

ich kannte mal zwei junge Männer, die richtig gute Freunde waren. Mit elf tranken sie zusammen heimlich das erste Bier auf einem Spielplatz, mit 13 schickten sie sich die „krassesten Jackass“-Videos auf ICQ hin und her, und mit 17 hingen sie völlig stoned im Keller der Eltern des einen ab, darüber sinnierend, welche der jungen Frauen aus ihrem Bekanntenkreis die besten Brüste habe. Eine ganz normale Millennial-Hetero-Cis-Männer-Freundschaft eben. Und als die beiden Anfang 20 waren, lernten sie endlich einen neuen Trick: miteinander über ernste Sachen reden. Natürlich nicht nach dem Motto: „Hey, können wir uns treffen, ich bräuchte mal eine starke Schulter zum Ausheulen“, sondern eher im Macker-Tonfall: „Ich wette, mein Tag war beschissener als deiner.“

Ich weiß noch, wie verblüfft ich darüber war, dass es den beiden – nach mehr als zehn Jahren Freundschaft – irgendwann doch noch gelang, miteinander über ihre Gefühle zu sprechen. Über die Arbeit, in der es vielleicht nicht so gut läuft, die Eltern, die zu hohe Erwartungen haben, Zukunfts- und Versagensängste, Liebeskummer. Mit mir hatten die beiden im Einzelgespräch in den Jahren zuvor über all diese Dinge schon oft gesprochen. Nur eben nicht miteinander.

Vielleicht kriege ich aber von außen nur nicht mit, wie verbunden ihr wirklich miteinander seid

Ich dagegen kann mich nicht fünf Minuten mit einer anderen Frau bei einem Bier unterhalten, ohne in den küchenpsychologischen Untiefen unserer Gemütsszustände zu versinken. Und ich will das auch so, finde das sogar richtig super. Nur so lernt man sich schließlich kennen und vertrauen. Was bringen mir Freundschaften mit Menschen, die nicht alles von mir wissen, mich nicht besser kennen als ich mich selbst? So geht Beziehung, dachte ich lange – und was die Jungs da trieben, war nur ein sehr langes, unnötiges Vorspiel, bis sie endlich „wirklich echte“ Freunde wurden.

Natürlich weiß ich heute, dass Männerfreundschaften nicht per se schlechter sind als Frauenfreundschaften. Dass Nähe nicht nur dadurch entstehen kann, dass man miteinander weint, einander liebe Karten schreibt, und sich auf langen Spaziergängen im Zuhören und Nicken übt. Und mir ist auch klar, dass es Männer gibt, die keine Dekade brauchen, um sich voreinander zu öffnen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die meisten jungen Hetero-Cis-Männer nicht solche Emotions-Exhibitionisten sind wie ich und meine Freundinnen. Und dass es sie vielleicht auch manchmal einsam macht, nicht einfach einen Kumpel anrufen zu können, um sich an dessen Schulter auszuheulen. 

Vielleicht kriege ich aber von außen nur einfach nicht mit, wie verbunden ihr wirklich miteinander seid. Oder verstehe etwas total falsch, wenn ich euch und eure Kumpeleien so betrachte. Vielleicht sehnt ihr euch aber auch nur nicht so sehr nach einer oder mehreren gleichgeschlechtlichen Bezugspersonen. Damit ich euch nicht länger wie ein Naturforscherin mit zusammengekniffenen Augen durch irgendwelche Büsche durch beobachten muss, frage ich jetzt einfach direkt: Warum sind eure Freundschaften so, wie sie sind? Wünscht ihr euch mehr oder zumindest engere Freundschaften?

Oder sind eure Freundschaften am Ende gar nicht so anders?

Freundliche Grüße

Eure Frauen

 

Die Antwort:   

Liebe Frauen,

also das mit den Jackass-Videos und bekifft über Brüste brabbeln – pardon, aber das klingt jetzt dann schon eine Winzigkeit nach Klischee. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich glaube schon, dass Männer schon in Buben-Freundschaften durchaus Intimität leisten können. Das nimmt dann vielleicht andere Formen an als bei euch. Selektivere. Wenn man als pubertierender Jung-Mann zum Beispiel verliebt ist, dann überkommt einen vielleicht nicht unbedingt sofort ein Sprechdurchfall, wenn man mit seinem Spezi alleine ist – sondern man wartet erstmal. Man beobachtet sich und die Situation eine zeitlang. Und wenn das Gefühl oder das Begehren oder was auch immer weiter besteht und dringlicher wird, dann wartet man eben auf einen geeigneten Moment – idealerweise, wenn man ein Sleepover macht und das Licht aus ist – und spricht die Sache mit gesenkter Stimme ins Dunkel. 

Dass das auch was von Beichtstuhl oder Psychoanalyse-Sitzung hat – ja, gut, das stimmt wohl. Aber dass Männer von klein auf ein etwas distanziertes Verhältnis zu ihren Gefühlen haben via gesellschaftlicher Geschlechternormen, das müssen wir in dieser Kolumne ja nicht zum x-sten Mal darlegen, oder? Und auch nicht, dass Probleme in sich reinfressen und Intimität vermeiden ungesund ist. 

Aber diese unsere Art, bedächtig mit Informationen über unser Innenleben umzugehen, hat auch Vorteile: Sie vermeidet Inflation. So ein geheimnisvolles Abwarten auf den richtigen Moment, wenn das Licht aus ist, nachdem man den ganzen Tag nur grobschlächtig rumgealbert hat – das gibt dem geteilten Geheimnis doch deutlich mehr Gravitas als ein pausenloser Live-Feed über Gefühle und Gedanken. Unsere intimen Momente sind vielleicht besonderer. Liebevolle Handarbeit statt Massenware. Vielleicht aber auch nicht.

Der Männerfreundschaft muss irgendeine Zweckgemeinschaft vorausgehen

Viel interessanter finde ich, dass sich viele Männer auch als Erwachsene sehr genieren können, wenn es darum geht, neue (männliche) Freunde zu machen. Da herrscht so ein seltsames Stellungskampf-Prinzip: Wer nämlich zuerst eine Avance macht, könnte Gefahr laufen, sich eine Blöße zu geben, Schwäche zu zeigen und Gesicht zu verlieren. Einen Freund zu suchen, zu brauchen, gilt bei uns glaube ich oft nämlich als Zeichen dafür, dass es einen schmachvollen Grund gibt, warum man überhaupt einen braucht. Also dass man entweder ein schwächlicher Sonderling ist, der nie Freunde hatte, oder dass man irgendwelche Hintergedanken hat.  Der Männerfreundschaft muss eigentlich immer irgendeine organisch gewachsene Zweckgemeinschaft vorausgehen – wie jahrelang Kollegen, in einem Verein oder verschwägert zu sein. Es braucht eine institutionelle Legitimierung. So, dass beide sagen können: „Also bitte, einen Freund hab' ich natürlich nicht gesucht, schon gar nicht diesen Döskopp hier, haha, *in die Rippen box*! Das hat sich so ergeben.“

Und das wird mit fortschreitendem Alter immer schwieriger. Und weil deshalb wenige Männer große Lust haben, sich auf den Buddy-Markt zu werfen, bleiben wir oft auch über weite Distanzen unseren Schulfreunden oder Brüdern treu, anstatt uns in der neuen Stadt oder beim neuen Job zum erbärmlichen Freunde-Sucher zu machen. 

Dabei wollen wir manchmal nichts sehnlicher, als in zwei ruhige, kraftvolle Augen zu blicken und ihnen Zugang zu den Untiefen unserer Seele zu gewähren. Und/oder ein Furz-Duett anzustimmen natürlich. 

Über eure Brüste tratschend, 

Eure Männer

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