„Die Leute haben gedacht, ich mache einen Roadtrip mit meinem Enkel“

Carlos ist 93, Torben 20. Trotzdem sind sie Freunde – und zusammen 5000 Kilometer weit gereist. An die Orte, an denen Carlos die Nachkriegszeit verbracht hat.
Interview von Lina Wölfel
carlos torben cover

Foto: Privat

Carlos, der eigentlich Karl-Heinz heißt, ist 93 Jahre alt, hat keine Kinder und lebt seit dem Tod seiner Frau alleine in seinem Haus in Emmerich am Niederrhein. Weil er schlecht sieht und weder lesen, noch fernsehen möglich ist, verbrachte er den Großteil seiner Zeit allein in seinem Garten. Bis sein Nachbar Torben vor vier Jahren anfing, regelmäßig bei ihm Rasen zu mähen. Torben ist heute 20, Auszubildender bei der Allianz und inzwischen nicht nur Carlos’ Nachbar, sondern auch sein guter Freund.

Weihnachten 2019 schenkte Carlos Torben dann eine Reise. Er wollte ihm zeigen, wo er während und nach dem zweiten Weltkrieg gewohnt und gearbeitet hat. Torben stimmte zu und so fuhren die beiden im August dieses Jahres drei Wochen lang mehr als 5000 Kilometer durch Europa. Auf Instagram teilte Torben nun Bilder dieser Reise unter dem Hashtag #EuropaMitCarlos, daraufhin bekamen die beiden viel Zuspruch. Hier erzählen sie, was sie dabei gemeinsam erlebt haben und was ihre Freundschaft ausmacht.

jetzt: Viele Medien haben über eure Reise berichtet. Was glaubt ihr, finden die Leute so besonders daran, dass ein junger Mensch mit einem älteren Menschen in den Urlaub fährt?

Torben: Tja, an sich sollte das gar nichts Besonderes sein. Zumindest nicht besonderer als eine Reise, die ich mit irgendwem sonst mache. In unserer Gesellschaft werden ältere Menschen aber viel zu oft zur Seite geschoben, eine Freundschaft wie unsere kommt selten vor. Da ist es einfach interessant ein Gegenbeispiel zu haben, das Hoffnung gibt, auch im Alter noch was zu erleben. Außerdem sehnen sich wahrscheinlich viele während der Pandemie nach schönen Nachrichten. 

„Ich habe durch die Freundschaft mit Carlos viel gelernt“

Warum hältst du es für wichtig, dass wir uns mehr mit älteren Menschen beschäftigen?

Torben: Es wird oft vergessen, dass wir jetzt noch die Chance haben mit Zeitzeug*innen über den zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit zu reden. Ich habe durch die Freundschaft mit Carlos viel gelernt. Zum Beispiel, dass Soldaten, die aus Kriegsgefangenschaft heim kamen in ein Entlassungslager mussten, um sich offiziell vom Dienst abzumelden. 

Wie unterscheidet sich eure Freundschaft sonst noch von anderen Freundschaften mit Gleichaltrigen?

Carlos: Da gibt’s keinen Unterschied. Das kommt drauf an, wie man sich versteht, wie der eine auf den Anderen zugeht!

Torben: Es ist schon einmalig, weil man logischerweise andere Sachen macht, über anderes redet als mit den Kumpels. Inzwischen schau ich beispielsweise jeden Tag nach dem rechten, schaue dass Carlos alles da hat oder fahre mit ihm zusammen einkaufen. Carlos ist mein Ruhepol. Den kann nichts aus der Ruhe bringen. Das hilft im Alltag. Sich mal nicht über jeden Scheiß sofort aufzuregen. 

Wie und warum seid ihr so weit gereist? 

Carlos: Ach, ich wollte mal wieder was Neues erleben. Beziehungsweise in meinem Fall ja was Altes nochmal erleben. 

Torben: Und ich hab ihn dafür durch Europa gefahren. 

Wo wart ihr überall?

Carlos: Erzähl du mal, Torben, du weißt das besser!

Torben: Wir sind von Emmerich am Niederrhein losgefahren durch die Niederlande und Belgien bis nach Versailles. Von da aus an den Nordatlantik und dann nach Bordeaux. Am Atlantik entlang an die Grenze von Spanien. Wir waren dann fünf Tage im Baskenland. Von da aus weiter über Frankreich, Toulouse, ans Mittelmeer über Marseille nach Monaco. Von Monaco an der Mittelmeerküste nach Mailand in Italien, hoch zum Bodensee nach Bregenz. Schließlich über Stuttgart, Göttingen, Hamburg, Bremerhaven, Köln wieder zurück. 

Carlos, was verbindest du mit den Orten? 

Carlos: Da war ich im und nach dem Krieg, ich war nämlich nach Kriegsende 20 Jahre unterwegs. Ich wollte nun gerne sehen, wie es dort jetzt aussieht. Kurz nach dem Krieg sah es nämlich nicht so schön da aus. In Frankreich war ich nach dem zweiten Weltkrieg bei einem Weinbauern. Die brauchten uns junge Männer für die Lese, deren Männer waren ja in Deutschland gefallen oder in Gefangenschaft. Später wurde ich dann für ein Minensuch-Kommando nach Südfrankreich versetzt und bin von dort aus über die Pyrenäen ins Baskenland geflohen.  Da war ich erstmal in einem Lager und anschließend als Untermieter bei verschiedenen Familien. Auch in Spanien fehlten die Arbeitskräfte deshalb konnte ich selber als Dreher (Anmerkung der Redaktion: Heute heißt der Beruf Zerspanungsmechaniker) arbeiten und Geld verdienen. Und in Bregenz, da lag ich am Ende des Krieges im Lazarett. Ich hatte mehrere Phosphorverbrennungen an Händen und Füßen und einen Streifschuss an der Halsschlagader. 

Das klingt nach weniger schönen Erinnerungen. War es schmerzhaft an diese Orte zurückzukehren? 

Carlos: Es war vor allem schön. Überall wo wir hingekommen sind, sind wir gut aufgenommen worden. Die wollten uns teils gar nicht wieder gehen lassen. (lacht) Ich finde es schlimmer, jetzt wieder hier zu sein. Ich könnte sofort wieder los. 

Wie sah ein typischer Tag während eurer Reise aus? 

Torben: Wir sind tagsüber meistens Auto gefahren und haben eigentlich nur zum Essen angehalten. Wenn wir abends im Hotel angekommen sind, haben wir uns, wenn es für Carlos noch ging, die Stadt angeschaut oder irgendwo gesessen und uns mit Leuten unterhalten. 

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Torben und Carlos waren unter anderem in Monaco.

Foto: Privat
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und in mehreren Städten in Frankreich. Hier sieht man die beiden in Tolouse.

Foto: Privat
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Sie liefen dabei zwar viel herum – aber Sitzpausen braucht ein 93-jähriger Mann eben auch manchmal.

Foto: Privat

Was dachten die Leute, die ihr getroffen habt, über euch als Reisepartner? 

Carlos: Die Leute haben gedacht, ich mach einen Roadtrip mit meinem Enkel.

Torben: Als wir gesagt haben, dass wir nicht miteinander verwandt sind, haben sie verdutzt geschaut. Dann wurde schnell gefragt, ob es nicht mit Corona zu gefährlich wäre. 

„Es war einfach wichtig, diese Reise rechtzeitig zu machen“

Berechtigter Punkt. War es das nicht auch? 

Carlos: Gefährlich war das nicht. Ich meine, ich sterbe eh früher oder später. 

Torben: Es war schon Thema, wir haben das nicht auf die leichte Schulter genommen. Die ortsspezifische Sicherheitsmaßnahmen, wie Masken aufsetzen und Hände desinfizieren, haben wir natürlich eingehalten. Aber wer weiß, ob Carlos im nächsten Sommer noch so fit gewesen wäre. Es war einfach wichtig, diese Reise rechtzeitig zu machen. 

Welche besonderen Herausforderungen gab es für euch? 

Carlos: Ich kann nicht mehr so gut gucken. Aber Torben schon. Das passt ganz gut. Deshalb musste er mich auch rumkutschieren. 

Torben: Carlos ist echt noch ziemlich fit. Er hat auch keine besonderen Rituale wie Essenszeiten. Klar, wir sind keinen Marathon gelaufen, aber schon viel zu Fuß. Für mich war vor allem das Autofahren schon anstrengend. Und die Planung unterwegs, zu schauen, wie man die Route legt, wo man ein Hotel braucht – man muss ja grade auch flexibel bleiben, weil man nie einschätzen kann, wie sich die Corona-Situation verändern wird. 

  

Torben, warum hast du eure Reise auf Instagram geteilt? 

Torben: Ich wollte das erst gar nicht. Meine Freund*innen haben dann aber ständig gefragt, wie’s uns geht und wo wir gerade sind. Da war’s einfacher hin und wieder einen Post zu schreiben, den alle lesen können. 

Reise Reporter hat über euch berichtet, genauso die BILD-Zeitung und SWR3. Wie ist das für euch, jetzt zu Medienfiguren zu werden?

Carlos: Da haben wir halt gar nicht mit gerechnet. Wir wollten ja nur ne Spazierfahrt machen. Aber ich find’s gut, jetzt so viel zu tun zu haben und mich mit vielen verschiedenen Leuten zu unterhalten.

Torben: Es ist eine Bestätigung dafür, dass es richtig war, diese Reise anzutreten. Ich hoffe, dass wir da ein Vorbild sein können und andere ermutigen, sich auch mehr mit den Menschen in ihrer Umgebung auseinanderzusetzen.

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