„Welch herrliches Klischee ich doch gerade abgebe“

Unser Autor wurde verlassen und versucht darüber hinwegzukommen. Folge zwei: der erste Rausch danach.
Von anonym*

Illustration: Pia Wermuth

Eine Trennung ist wie der Tod eines geliebten Menschen, sagen die einen. Eine Trennung ist wie ein Wiedergeburt, die anderen. Unserem Autor ist nur eins klar: Seine aktuelle Trennung ist weder das eine noch das andere, sondern einfach das überfordernste Gefühl, das ihm in seinen 25 Lebensjahren widerfahren ist. Also schreibt er darüber. Soll ja angeblich helfen. 

„Peter, mach mir mal zehn Wodka!“

„Alter, was ist denn diesmal passiert?“

Wenn ein Barkeeper so auf dein Anliegen reagiert, bedeutet das meistens nichts Gutes. Insbesondere, wenn man wie ich selbst regelmäßig in dem Laden arbeitet. Peter stellt jedenfalls auf mein wortloses Kopfschütteln hin zehn kleine Gläser auf den hölzernen Tresen – er muss erst noch ein paar spülen, so schlecht sind wir hier auf Menschen mit meinem Frustlevel vorbereitet – und füllt sie mit klarer Flüssigkeit. Der erste brennt härter als gedacht, löst aber auch den Kloß in meinem Hals:

„Ganz ehrlich, es ist besser so.“

„Also ist es jetzt endgültig aus?”

„Ja.“

Offenbar trifft Peter meine Enthüllung nicht besonders überraschend. Was an meinem oftmals recht offensichtlich hinter der Theke zur Schau gestellten Leid liegen könnte. Leider verliere ich die Kontrolle über jegliche Faser meiner Mimik, sobald sich meine Laune auch nur im Entferntesten auf die dunkle Seite schlägt. Außerdem sind in zwei Jahren Beziehung natürlich einige Dramen vor den Augen unserer Freunde ausgetragen worden.

Fünf Schnaps und viele Plattitüden später:

„Endlich kann ich mein komplettes Trinkerpotential mal richtig ausspielen.” Mit dem Brustton der Überzeugung, jetzt gleich etwas sehr Tiefenphilosophisches zu sagen, schiebe ich noch hinterher: „Die Traurigkeit brennt eine Tiefe in meine Leber, die kein Alkohol dieser Welt…“

Das nächste woran ich mich erinnern kann, ist die Strecke von meinem Wohnzimmer zu meinem Badezimmer – auf allen Vieren zurückgelegt und mir trotzdem ständig den Kopf stoßend. Als ich im Flur gegen die Wand schramme, bemerke ich am – nur teilweise besorgt klingenden – Gegröle von der Couch, dass ich nicht allein bin. Vor meinem Fernseher sitzen Kalle, Monaco und Phil. Genau die Formation, die man in solchen Momenten um sich haben will. Die sich über dich lustig macht, im letzten Moment aber doch rettend einschreiten wird. Noch ist dieser Moment offenbar nicht gekommen. Oder er war schon da und ich habe es einfach nicht mitbekommen.

Momentan zocken sie jedenfalls Mario Kart, während ich mir auf dem Klo den bisherigen Abend durch den Kopf gehen lasse. Richtig klar sind die Erinnerungen nicht, zum Glück wissen meine Freunde mehr: Offenbar habe ich auch noch die fünf restlichen Shots gekippt und bin dann in die kleine Kneipe bei mir um die Ecke umgezogen. Kein Ende zu finden ist ja symptomatisch für mich.

Es geht einem ja schon nach einem grundlosen Suff nicht gut, da braucht es dann nicht auch noch die Schwere einer frischen Trennung 

Dort muss ich angefangen haben zu randalieren, was wiederum der Moment war, in dem die Jungs eingeschritten sind. Und so stehen wir jetzt alle auf meinem viel zu kleinen Balkon und starren in den Nachthimmel oder auf die Stummel in unseren Händen. Eigentlich sollte ich jetzt aufhören mit dem Trinken. EIGENTLICH. Denn zum einen fange ich schon wieder an, mich wegen der Trennung richtig mies zu fühlen und zum anderen gibt es noch eine zweite Kneipe bei mir um die Ecke.

Fünf Tage später wache ich irgendwann nachmittags mit einem kumulierten Kater auf und weiß – wie bereits fünf Tage zuvor – dass der Eskapismus ins Glas nicht hilfreich ist. Oder zumindest nur kurzfristig.

Langfristig helfen der Rausch und seine Folgen gar nicht. Es geht einem ja schon nach einem grundlosen Suff nicht gut, da braucht es dann nicht auch noch die Schwere einer frischen Trennung. Genau diese trifft mich nun volle Breitseite. Der Alkohol hat alles durcheinander gespült, aber nicht wie gedacht. Erinnerungen, die ich zwar vielleicht nicht gänzlich vergessen wollte, jedoch mindestens für einen Abend verdrängen, weil sie mich an lächerlich glückliche Zeiten erinnern, sind nun noch präsenter. Andere Szenen, die weder besonders gut, noch besonders schlecht konnotiert waren, sind einen Schritt weiter weggerückt. Und es gibt eine neue Erinnerung, die ich überhaupt nicht gebraucht hätte und die sich auch mit allen Weinschorlen dieser Welt nicht ausradieren lässt.

Ich danke dem Gott, an den ich nicht glaube, dafür, dass er sie rechtzeitig das Handy hat weglegen lassen

Da ich nicht immer meine besten Freunde um mich habe, hielt ich es gestern Nacht um fünf für eine gute Idee, Lisa zu schreiben. Und da sie aus Gründen, die ich vielleicht gar nicht so genau wissen will, noch wach war und mir geantwortet hat, hielt ich es auch für ausgesprochen klug, in ein Taxi zu steigen und mich vor ihrer Haustür absetzen zu lassen. Ich danke dem Gott, an den ich nicht glaube, dafür, dass er sie rechtzeitig das Handy hat weglegen lassen und mich nach der Taxifahrt nüchterner ausgespuckt hat. Das Taxi war logischerweise schon wieder weg, als ich erkannte, dass das insgesamt alles keine gute Idee ist. Und so konnte ich bei einem schönen, morgendlichen Spaziergang noch weiter ausnüchtern. Sonst hätte ich wahrscheinlich auch noch angefangen, durch ihr offenes Fenster hoch zu jaulen.

Um diese Bilder für ein paar Stunden wegzuschieben, will ich eigentlich nur weiterschlafen, kann aber nicht mehr. Mein Körper verlangt nach Spezi und fettigem Essen. Danach geht es zurück ins Loch – begleitet nur von Warren Zevon und Leonard Cohen. Welch herrliches Klischee eines verzogenen, weißen, mitteleuropäischen Jünglings ohne wirkliche Probleme ich doch gerade abgebe.

Genauso klischeemäßig stehe ich am nächsten Morgen auf, wasche mir die Burgerreste aus dem Bart und fange mit der Selbstoptimierung an. Gesundes Ernährung und Sport. Einen Salat traue ich meinem momentan doch sehr gereizten Magen noch nicht zu, aber laufen sollte funktionieren. Und während bei hartem Hip-Hop und Sonnenschein der Wodka aus meinen Poren auf den Asphalt tropft, merke ich mal wieder, dass auch für Trennungen die Klischees zutreffen: Es hilft lediglich Zeit – und weitermachen.

Warren Zevon - My Shit's Fucked Up

* Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Vermutlich werden es einige Bekannte trotzdem bemerken, aber damit kann er leben. Seine Ex-Freundin auch, wenngleich sie nicht glaubt, dass ihre Trennung jemanden interessiert. Vielleicht hat sie recht.

  • teilen
  • schließen