„Das hat mit unserer Liebe nichts zu tun, aber ich kann nicht mehr“

Unser Autor wurde verlassen und versucht darüber hinwegzukommen. Folge eins: Die Trennung selbst.
Von anonym*

Illustration: Pia Wermuth

Eine Trennung ist wie der Tod eines geliebten Menschen, sagen die einen. Eine Trennung ist wie ein Wiedergeburt, die anderen. Unserem Autor ist nur eins klar: Seine aktuelle Trennung ist weder das eine noch das andere, sondern einfach das überfordernste Gefühl, das ihm in seinen 25 Lebensjahren widerfahren ist. Also schreibt er darüber. Soll ja angeblich helfen. Und passende Musik gibt es auch dazu.

Jeff Buckley - Hallelujah (Official Video)

Jetzt ist es also tatsächlich passiert. Oder? Ja, doch! Krass... Was??

„Ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich kann nicht mehr streiten. Das hat mit unserer Liebe nichts zu tun, aber ich kann nicht mehr”, schreibt Lisa. So eine Nachricht habe ich noch nie zuvor bekommen, aber sie passt völlig in den Kanon erwartbarer Schlussmach-Sätze. Von „Es liegt nicht an dir, es liegt an mir“ bis hin zu „Du hast etwas Besseres verdient“. Nun also „Das hat mit unserer Liebe nichts zu tun“.

Letzte Worte sind wie der letzte Schnaps um sechs Uhr morgens: Völlig überflüssig, weil du eh schon am Arsch bist, aber ohne kannste auch nicht gehen. Egal wie lang eine Beziehung ist, wie romantisch sie anfing, wie leidenschaftlich die Liebe, wie tragisch sie verläuft, am Ende steht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichlichkeit: eine Floskel. So gesehen, könnte das fast etwas Tröstliches haben. Hat es nicht.

In meiner Brust öffnet sich ein schwarzes Loch, durch das ich vier Stockwerke tief auf die Straße stürze. Was geht denn jetzt ab? War doch klar?! Wieso trifft mich das jetzt so hart? Nach den letzten Wochen und vor allem nach gestern Abend kann mir das doch nicht so die Füße wegziehen. Komplett zusammengesackt sitze ich am Esstisch und starre in den absurd sonnigen Tag. Es blendet richtig, so lächerlich gutes Wetter ist gerade. Eigentlich schwebe ich eher neben mir durch den Raum und betrachte diesen bärtigen Lulatsch mit dem Handy in der Hand.

Sie macht also Schluss per SMS. Naja, hatten wir ja gesagt.

Ich habe nie so ganz verstanden, warum diese Variante so eine schlechte Reputation hat. Bis auf wenige Ausnahmen hat man sich im Falle einer Trennung doch eh schon alles zigtausendmal gesagt, hat sich die unnötigsten Gemeinheiten an den Kopf geknallt, hat mit zittriger Stimme zur großen, finalen Rede angesetzt, nur um dann wenig später zwar mit glasigen Augen, aber immerhin nahtoderfahrungsglücklich nebeneinander in die Kissen zu sinken. Außerdem kann man per Text seine Gedanken einfach besser ordnen und damit der anderen Partei eine faire Chance gewähren, die Nachricht zu verstehen. Soweit zur Theorie.

Eine angedeutete Umarmung, kein Kuss, und jeder ging seines Weges

Und jetzt also trotzdem dieses Loch ohne Boden in mir. Vielleicht, weil es sich in der Realität dann doch ziemlich beschissen anfühlt, so einen Text zu erhalten. Nicht nur, da es das unausweichliche Ende besiegelt, sondern auch, weil es sich einfach übertrieben kalt und unpersönlich anfühlt. Und damit in keinem Fall der gewaltigen Dimension dieses Moments gerecht werden kann.

Als wir gestern durch die beschlagenen Türen der Bar nach draußen in die Kälte getreten sind, haben wir uns nicht mal mehr richtig verabschiedet. Eine angedeutete Umarmung, kein Kuss, und jeder ging seines Weges. Eigentlich wollte sie schon letzte Woche Schluss machen. Wie zwei Schwergewichtsboxer nach zwölf Runden lagen wir an gegenüberliegenden Wänden ihres Zimmers und bestätigten uns, dass wir nicht mehr können. Aber eben nur fast.

Einmal noch alle Lockerheit aufbietend schaute ich in ihre abgekämpften, verweinten Augen und meinte: „Ach komm! Einmal versuchen wir es noch! Beim nächsten unnötigen, großen Streit in nächster Zeit bin ich weg – du musst nichts mehr sagen!“ Puls von 280, während ich auf ihre Antwort wartete. Vielleicht hatte sie es aber auch durchschaut und nur selbst noch nicht genügend Courage aufgebracht. War nur selbst noch nicht so weit. Jetzt ist sie es. Ich nicht.

Selbst, wenn man schon länger an der Beckenkante zum Single-Bereich stand, wird man nun einfach ins kalte Wasser gestoßen

Das ist doch das Schlimmste an einer Trennung. Das Verlassenwerden. Nicht mal aus irgendwelchen Kontrollverlust-Gründen, sondern weil man ganz offensichtlich noch nicht dafür bereit war. Selbst, wenn man schon etwas länger an der Beckenkante zum Single-Bereich stand, wird man nun einfach ins kälteste aller Wasser gestoßen. Und selbst wenn man irgendwann wieder anfängt zu schwimmen: Der Kälteschock führt meistens dazu, dass die andere Person zu diesem Zeitpunkt schon längst wieder geregelte Bahnen zieht. Denn auch das demonstriert das Verlassenwerden: Der/die andere ist schon weiter als man selbst. Wollte nicht noch einmal im stundenlangen Streit nach einer Lösung suchen, wollte dich nicht wenigstens noch einmal küssen und sich dabei denken: „Fuck it!“. Die geliebte Person hat dich aufgegeben, während du noch für sie gekämpft hast. Und irgendwie bin ich da auch noch selbst schuld dran.

Schließlich habe ich den Streit eskalieren lassen, „Ja, aber“ gesagt, als ich auch einfach hätte die Klappe halten könnte. Ich hab sie davonfahren lassen. Ich hab alles falsch gemacht. Aber warum dann jetzt damit aufhören? Also schreibe ich ihr: „Naja, ok. Wir hatten ja eh gesagt, dass wir es über Textnachricht machen sollten.“ Lege das Handy weg. Fange an zu heulen. Falle. Und denke mir dabei: Das einzige, was noch schlimmer ist als letzte Worte, ist jetzt auf ihre Antwort zu warten.

* Unser Autor möchte lieber anonym bleiben. Vermutlich werden es einige Bekannte trotzdem bemerken, aber damit kann er leben. Seine Ex-Freundin auch, wenngleich sie nicht glaubt, dass ihre Trennung jemanden interessiert. Vielleicht hat sie recht.

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