trennen jetzt
Illustration: Lucia Götz

Es gibt diese gesellschaftliche Norm, die besagt: Wer mit jemandem Schluss macht, der muss den Anstand besitzen, es dem Anderen auch ins Gesicht zu sagen. Der muss sich dem Leid und der Verletzung, die er dem Anderen damit antut, persönlich stellen und gefälligst die Verantwortung dafür übernehmen. Die Beziehung soll mit einer letzten Geste der Würdigung und Wertschätzung beendet werden. Ich finde: Diese Norm ist Bullshit.

Was ist das denn für ein kranker Voyeurismus, dem andern das Herz mit beiden Händen heraus zu reißen und ihm dann beim Leiden auch noch zusehen zu wollen? Bei dem man selbst betreten auf Scherben steht, die man doch eigentlich gar nicht beseitigen möchte. Was hat das mit Respekt zu tun? Mit Wertschätzung oder gar Würde? Dann doch lieber per Telefon oder Textnachricht Schluss machen.  

Ich weiß, wovon ich spreche. Ich selbst war schon sowohl in der Position der Schlussmacherin, als auch in der der Verlassenen. Und ich habe beides gehasst. Natürlich, weil es unschöne Situationen waren. Aber auch, weil sie der eigentlichen Phase des Verarbeitens einen völlig unnötig dramatischen Auftakt bereiten.

Wenn man weiß, dass es kriselt und der Andere einen bittet, sich an einem neutralen Ort zu treffen, um nochmals in „Ruhe zu reden“ – dieses Warten fühlt sich stets an wie das Warten auf den Galgen. Weil man ahnt, dass aus „in Ruhe reden“ ein „ich möchte das hier mit uns beenden“ wird. Und da kein Platz mehr für Verhandlungen ist. Was soll man noch verhandeln, wenn der andere seine Entscheidung schon gefällt hat?

Hinzu kommt dabei diese ätzende Ungewissheit, ob sich nicht doch noch alles zum Guten wenden könnte, dabei ahnt man doch, dass das Gespräch als emotionaler Vollschaden enden wird. Warum soll ich den Großmut aufbringen, mir so eine Erniedrigung ins Gesicht sagen zu lassen, von jemandem, der selbst nicht den Großmut besitzt, mich weiter zu lieben?  

 

Es ist nichts Wertschätzendes daran, sich gegen einen Menschen zu entscheiden, der einen liebt

 

Es ist nichts Wertschätzendes daran, sich gegen einen Menschen zu entscheiden, der einen liebt. Es ist nichts Wertschätzendes daran, lieber Single zu sein, als an der Beziehung zu arbeiten. Es ist nichts Wertschätzendes daran, jemand anderem das Herz zu brechen. Warum also soll der Verlassene sich in eine Situation begeben, die vermeintlich die Wertschätzung füreinander zum Ausdruck bringen soll, dabei eigentlich doch nur unwürdig ist?

 

Letztens ist mal wieder eine meiner Beziehungen zu Ende gegangen. Es kriselte schon eine Weile, wir hatten einige größere und kleinere Streits und die Phasen, in denen wir uns wie selbstverständlich gut verstanden, wurden immer kürzer. An einem Tag war es dann mal wieder so weit. Wir stritten, es kam zur Grundsatzdiskussion und der Typ, den ich stolz als meinen Seelenverwandten, besten Freund mit Vorzügen, meine bessere Hälfte – gar als Partner fürs Leben bezeichnet hatte, wählte den feigen Weg. „Ich finde, so macht das keinen Sinn mehr mit uns“, bekam ich zu hören. Und ich hatte keine Lust auf das „Aber man kann doch über alles reden, zu einer richtigen Beziehung gehören Streit und Arbeit, es läuft nicht immer perfekt, du bedeutet mir zu viel, um das hier einfach aufzugeben“-Gebettele. „Wie du meinst“, sagte ich.

 

Kurz darauf folgte der übliche Moment der Verabredung. „Können wir uns heute an einem neutralen Ort treffen?“, fragte er. Hätte ich doch nur abgelehnt. Zwei Tage durfte ich auf dieses ominöse Treffen warten, nur, um mir eine Ansage abzuholen, die mir schon innerlich klar war: dass es aus ist. Ich bin trotzdem mit guten Absichten hingegangen, der andere hat mein Herz stehend K.O. geschlagen und ich blieb irgendwo mitten in der Stadt völlig allein zurück, gerade verlassen und versuchte unter einem Schleier der Tränen den Weg vor mir zu finden.

 

Als ich eine Beziehung beendet habe, hat mein Ex-Freund geheult und sich über den Boden gewälzt, als wäre er zwei Jahre alt

 

Ich will lieber, dass man per WhatsApp oder E-Mail mit mir Schluss macht. Da bin ich zwar vielleicht auch nicht zuhause, wenn mich die Nachricht erreicht. Aber ich befinde mich auch nicht an einem „neutralen Ort“, den ich erst einmal unter den Augen des Schlussmachers, den das überhaupt nichts mehr angeht, verlassen muss. Ich verweigere mich dem Zwang, durch die Öffentlichkeit laufen zu müssen mit dem Gefühl, dass mir ein Schild um den Hals hängt auf dem steht „frisch verlassen“. Ich will nicht vor anderen Leuten mit gedämpfter Stimme durchs Telefon den Sachverhalt meinem ersten Notfallkontakt für solche Fälle zu schildern. Will nicht krampfhaft in der Bahn versuchen müssen, die Tränen zurück zu halten beim Gedanken an das, was mir gerade eben passiert ist. Dann lieber die unpersönliche Variante, bei der ich mich von wo auch immer ich gerade bin schnellstmöglich in mein Bett zurückziehen kann. An den Ort, an dem die Schokolade nur einen Handgriff entfernt ist und der Alkohol nur einen Spaziergang zum Kühlschrank erfordert.

 

Aber auch im umgekehrten Fall ziehe ich das Schlussmachen über Distanz vor. Als ich eine Beziehung beendet habe, hat mein Ex-Freund Rotz und Wasser geheult, geschrien und sich über den Boden gewälzt, als wäre er zwei Jahre alt und wolle im Supermarkt nicht akzeptieren, dass ich ihm kein Kaubonbon kaufen möchte. Ich habe es ertragen, denn er tat mir sehr leid. Aber ich, an seiner Stelle, hätte diesen Schmerz bei all den Malen, zu denen ich abserviert wurde, lieber jemandem vorgetragen, der mich tröstend in den Arm nimmt, statt jemandem, der mich nie wieder in den Arm nehmen möchte.

 

Wenn man die Antwort auf die Frage nach der gemeinsamen Zukunft schon kennt, dann soll man gefälligst auch den Großmut besitzen, sie ohne Umschweife, Spannung und emotionale Bloßstellung zu äußern. Sei es per Telefon, Whatsapp, Facebook oder Mail. Damit erspart man dem anderen Quälereien und gibt ihm die Chance überrascht, verzweifelt, verletzt und traurig zu sein. Und man erstickt jegliche weitere Hoffnung direkt im Keim. Das ist tausendmal fairer als sie nochmal hochkochen zu lassen, bevor man sie dann lächerlich macht und austritt.

 

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