Der langatmige Abschied

[object Object]

Illustration: Daniela Rudolf

Was ist das Problem?

Der Abschied ist gut gemeint, in den meisten Fällen aber einfach nur nervig. Denn während der eine sich kurz und bündig mit einem „Tschüss“ verabschieden will, fällt dem anderen noch etwas ein, was er unbedingt noch loswerden will. Vom Genesungswunsch an den kranken Postboten bis zum Kompliment für den drei Wochen alten Haarschnitt; kein Thema ist zu unwichtig, zu weit hergeholt, um ein neues Gespräch anzufangen. Sollten die Themen dann doch irgendwann ausgehen, bedienen sich Praktizierende dieses Abschiedes eines ganz gewieften Tricks: Sie benutzen einfach in neue Gespräche einleitende Abschiedsworte wie „Soooo“ oder „Also dann“. Unbemerkt fällt dem Opfer darauf ein intuitives „Ja“ oder eine andere akzeptierende Reaktion heraus, worauf sich der Täter stürzt, wie ein Löwe auf ein lahmes Zebra. Die dadurch aus Versehen signalisierte Empfangsbereitschaft für die Nichtigkeiten des Gegenübers öffnet die Büchse der Pandorra: Man findet sich immer wieder in einem neuen Gespräch wieder, obwohl man längst gehen wollte.

Wer verabschiedet sich so?

Hier gibt es zwei Kategorien: In Kategorie A findet man Menschen, die sich gerne reden hören. Mit dem Aufgreifen von Themen aus vorangegangenen Gesprächen wollen sie demonstrieren, dass sie aufmerksam zugehört haben. Ihr Gegenüber interessiert sie eigentlich nicht, nach Auffassung der Kategorie-A-Menschen hat der andere bei der Verabschiedung einfach aufmerksam bis zum letzten Grußwort zu lauschen.

In der Kategorie B sind Menschen, die nicht gerne allein sind. Also versuchen sie den Moment des Alleinseins so lange, wie es geht, hinauszuzögern. Außerdem ist diesen Menschen sehr wichtig, was andere von ihnen denken. Sie fühlen sich dazu verpflichtet, alle Menschen, die ihr Gegenüber möglicherweise kennt, in den Abschied miteinzubeziehen. Es könnte ja nachher jemand sauer sein, weil man nicht an ihn gedacht hat.

Diesen Satz hörst du sehr wahrscheinlich bei diesem Abschied:

„Mensch, es fällt mir gerade nicht ein, hab's gleich, warte mal kurz“ oder „Das kannste eigentlich keinem erzählen, haha!“

Wie damit umgehen?

Eigentlich verpönt, aber hier lebensnotwendig: ins Wort fallen. Kleine Notlügen wie der Bus, der gleich wegfährt oder ein dringender Termin sind realistische Beispiele dafür. Und unbedingt während des Sprechens bereits in Bewegung setzen. Man kann natürlich auch anders signalisieren, dass man jetzt wirklich los muss: an der Jacke rumfuchteln, Busticket rausholen, mit dem Haustürschlüssel spielen. Die Faustregel lautet aber: je hartnäckiger das Gegenüber, desto offensichtlicher die Geste.

Wie auf gar keinen Fall damit umgehen?

Zu lange zuhören. Im schlimmsten Fall sogar noch  nachfragen.

Die Bussi-Bussi-Verabschiedung

[object Object]

Illustration: Daniela Rudolf

Was ist das Problem?

Beim Bussi-Bussi „küsst“ man den anderen zum Abschied auf die Wangen. Genauer gesagt, man drückt eine Wange an die des anderen oder deutet es an und küsst in die Luft. Das Ganze garniert man mit der emotionalen Echtheit eines Karl Lagerfelds. Für Unerfahrene birgt das Küsschen links, Küsschen rechts viele Gefahren, weil man nie so richtig weiß, wie viele Küsschen richtig sind. Das führt dazu, dass man beim zu frühen Aufhören in die peinliche Situation kommt, noch am Gesicht des anderen ziehen zu müssen, um den Abschied richtig zu beenden. Eine weitere Gefahrenquelle ist, dass man zu nah am Gesicht des anderen vorbeischrammt und ihn anderswo berührt, als auf den Wangen. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich von gefallenen High -Society-Engeln, deren Lippen beim Busserl auf dem Ohr oder gar auf dem Mund des anderen landeten. Echte Berührungen sind beim Bussi-Bussi jedoch strengstens verboten und können zum sofortigen Ausschluss aus der Gemeinschaft führen. Der Bussi-Bussi-Abschied gehört zu den kompliziertesten Abschieden, weil er die Leichtfüßigkeit einer Libelle vorspielt und die tatsächliche Leichtfüßigkeit eines Major Payne besitzt.

Wer verabschiedet sich so?

In arabischen Ländern und anderen Orten mit französischem oder südeuropäischem Einfluss, ist Bussi-Bussi eine weitestgehend normale Verabschiedung. Im Rest der Welt verabschieden sich Feingeister und solche, die es mal werden wollen so. In Deutschland ist dieser Abschied besonders im Süden sehr beliebt.

Diesen Satz hörst du sehr wahrscheinlich bei diesem Abschied:

„Long time no see, Darling!“

Wie damit umgehen?

Wenn man das Bussi-Bussi-Einmaleins nicht beherrscht, ist es ratsam, sich tatsächlich ein bisschen vom Gegenüber leiten zu lassen. Das heißt nicht, dass man starr auf die Interaktion des anderen wartet, sondern genau beobachtet, ob das Gegenüber zum erneuten Bussi geben ansetzt, oder nicht. Hier ist sehr viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Wie auf gar keinen Fall damit umgehen?

Absolutes No-Go: richtige Küsschen verteilen. Zu viel Körperkontakt würde den Bussi-Bussi-Ausübenden vollkommen aus der Bahn werfen, schließlich ist er echte Nähe nicht gewohnt.

Der Fistbump

[object Object]

Illustration: Daniela Rudolf

Was ist das Problem?

Das kurze, aufeinander Klatschen zweier Fäuste war einst gelebte Coolness. Bis Barack Obama dabei fotografiert wurde, wie er einen Hausmeister fistbumpt. Seitdem ist der Fistbump zum Lieblingswerkzeug nicht altern wollender Chefs geworden. Er ist uncool geworden, wie alles schlagartig uncool wird, wenn die eigenen Eltern es für sich entdecken (siehe Facebook).

Wer verabschiedet sich so?

Theoretisch kann sich jeder so verabschieden, allerdings verschiebt sich die Konnotation mit der entsprechenden Bevölkerungsgruppe: Normalsterbliche verwenden einen Fistbump ironisch, der coole Referendar, der Chef oder das 13-jährige Skate Kid jedoch nicht. Sie wollen mit dieser Art der Verabschiedung tatsächlich Street Credibility demonstrieren. Dabei sind sie so street wie ein Bausparvertrag.

Diesen Satz hörst du sehr wahrscheinlich bei diesem Abschied:

„Dass du heute so schön mitgemacht hast, fand ich richtig tight! Props dafür.“

Wie damit umgehen?

Eine gute Miene aufsetzen und mitmachen.

Wie auf gar keinen Fall damit umgehen?

Den Fistbump ablehnen, indem man keine Faust ballt. Das wäre unnötig unhöflich, schließlich ist dieser Abschied ja eigentlich nett gemeint.

Der Klopfer auf den Tisch

[object Object]

Illustration: Daniela Rudolf

Was ist das Problem?

Zwei beherzte Klopfer auf den Tisch – mehr ist für diesen Abschied nicht nötig. Kein Tisch in der Nähe? Macht nix, man kann auch auf etwas anderes klopfen, wichtig ist, dass es Geräusche macht.

Leider kann der Klopfer in einer lauten Umgebung ziemlich leicht untergehen. Das führt dazu, dass Leute, die es nicht mitbekommen haben, den Gehenden im Nachhinein zu Unrecht bezichtigen, ohne ein Grußwort abgehauen zu sein. Menschen, die diese Form des Abschiedes wählen, machen es sich außerdem ein bisschen einfach, weil sie die ganzen zwischenmenschlichen Interaktionen beim Abschied durch das Klopfen einfach überspringen.

Wer verabschiedet sich so?

Dort, wo Menschen auch zum Schützenfest oder Stammtisch gehen. Der Anwender braucht keinen Schnickschnack in seinem Leben, er liebt das einfache, direkte. Seine Welt ist übersichtlich.

Diesen Satz hörst du sehr wahrscheinlich bei diesem Abschied:

„Tschüss, nä!“ oder „Ich mach dann mal so“ (klopft auf den Tisch).

Wie damit umgehen?

Ein kurzes Nicken oder ein kurzes „Tschüss!“ reichen in diesem Fall bereits völlig aus. Wer diesen Abschied wählt, erwartet keine großen Reden.

Wie auf gar keinen Fall damit umgehen?

Zurückklopfen! In einer Runde unvermittelt auf den Tisch klopfen heißt unmissverständlich „Ich gehe jetzt“ oder noch schlimmer: „Ich halte eine Rede!“

Der polnische Abgang


[object Object]

Illustration: Daniela Rudolf

Was ist das Problem?

Beim polnischen Abgang haut man so schnell und leise ab wie gute Neujahrsvorsätze. Niemand kriegt etwas von dem Verschwinden mit. Einige nennen diese Form des Abschieds genial, andere sagen, dass er äußerst unhöflich ist. Der Abgänger macht es sich durch diesen Abschied sehr leicht, weil er sich Diskussionen – „Bleib doch noch ein bisschen!“ – direkt erspart.

Wer verabschiedet sich so?

Nicht selten gelten Menschen, die diese Variante des Abschiedes wählen, als faul oder soziopathisch. Paradoxerweise sind viele von ihnen jedoch sehr sensibel. Weil sie wissen, dass sie sich nur schwer gegen ihre Mitmenschen durchsetzen können, verabschieden sie sich einfach gar nicht. Bei sehr großen Runden kann der polnische Abgang allerdings auch als neutrale Variante des Abschiedes gewertet werden: Um niemanden zu bevorzugen oder zu benachteiligen, sagt man einfach keinem Tschüss. Der polnische Abgang existiert auch als französischer, irischer oder englischer Abgang und hat dementsprechend nichts mit einer polnischen Unhöflichkeit zu tun.

Diesen Satz hörst du sehr wahrscheinlich bei diesem Abschied:

Keinen.

Wie damit umgehen?

Akzeptieren und übernehmen. Wenn man den polnischen Abgang lang genug praktiziert hat, gewöhnen sich Mitmenschen daran.

Wie auf gar keinen Fall damit umgehen?

Den Menschen suchen oder hinterhertelefonieren. Wenn er weg ist, ist er weg.

Mehr Typologien: