Wieso Kinder migrierter Eltern sich oft schuldig fühlen

Zwei junge Menschen erzählen, wie die Migrationserfahrung die Beziehung zu ihren Eltern beeinflusst.
Von Franziska Setare Koohestani
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Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

„Wir erzählen es dir, wenn du volljährig bist“ – mehr bekam Sia nicht zu hören, nachdem er seine Eltern gefragt hatte: Was ist damals in Iran passiert? Warum genau seid ihr nach Deutschland gekommen? Sias Eltern schwiegen darüber, vertrösteten ihn mit Versprechen. Als er volljährig wurde, fragte er erneut. „Wir erzählen es dir, wenn du 21 bist – volljährig in den USA“, antworteten seine Eltern nun. Weil er sie nicht bedrängen wollte, akzeptierte er das. Mit 21 konfrontierte er sie wieder. „Wir erzählen es dir, wenn du 25 bist – dann ist dein präfrontaler Cortex im Gehirn voll ausgebildet“, hieß es dann. Heute ist Sia 24. Er war ein Kleinkind, als seine Eltern von Iran nach Deutschland kamen. Warum, das kann Sia bis heute nur vermuten. Er kennt nur Bruchstücke von politischen Auseinandersetzungen, von Krieg und Revolution. Dabei haben Sias Eltern immer offen kommuniziert, von klein auf mit ihm über alles Mögliche debattiert, wie mit einem Erwachsenen. Allein die Gründe für die Migration sind ein Tabu. Und das macht ihm zu schaffen. Sia liebt seine Eltern. Gleichzeitig hat er das Gefühl, ihnen etwas schuldig zu sein – für das, was sie durch die Migration auf sich genommen haben. 

Kinder migrierter Eltern leben oft in dem Wissen, dass ihre Eltern viel aufgegeben haben

In Deutschland hat rund jede vierte Person einen Migrationshintergrund. Aber die Migrationserfahrungen sind vielfältig. „Die zugewanderte Familie gibt es nicht“, heißt es in einem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen (2016). Faktoren, die bei der Unterscheidung eine Rolle spielen, sind zum Beispiel: der Zeitpunkt der Migration, der legale Status, die Bildung und der Beruf der Eltern, vorhandene Netzwerke, der kulturelle, sprachliche, ethische und religiöse Hintergrund. Doch betroffene Familien eint die einschneidende Erfahrung der Migration selbst, die sie nachhaltig prägen. Insbesondere, wenn Traumata durch Kriegs- und Fluchterlebnisse damit verbunden sind. Denn diese können sich auch auf die nachfolgenden Generationen auswirken – transgenerationale Weitergabe von Traumata heißt das in der Psychologie. Kinder migrierter Eltern leben oft in dem Wissen, dass ihre Eltern viel aufgegeben haben, um sich und ihnen ein ‚besseres Leben‘ zu ermöglichen. Damit sind Gefühle wie Dankbarkeit und Liebe verbunden, aber auch: Schuldgefühle. Und die wirken sich auf die Beziehung aus.

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Das spürt nicht nur Sia, sondern auch Le, 25. Ihre Eltern sind aus Vietnam nach Deutschland migriert, sie selbst ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. „Ich bin sozial und kulturell anders geprägt“, sagt sie, „Dadurch hat es sich im Laufe der Jahre so entwickelt, dass ich meinen Eltern viel verheimliche.“ Denn Les Werte und Lebensvorstellungen unterscheiden sich so stark von denen ihrer Eltern, dass sie Angst vor den Konsequenzen hat, wenn sie offen kommuniziert. „Ich habe ihnen zum Beispiel verheimlicht, dass ich einen Freund hatte, der nicht vietnamesisch-stämmig war. Daran, wie sie über andere Familien sprechen, sehe ich, dass sie das eher ablehnen und sich einen Vietnamesen für mich wünschen würden“, sagt Le. Sie weiß, dass ihre Eltern als Kinder in Vietnam Krieg erlebt haben, und ihr Vater hungern musste. Doch auch darüber sprechen ihre Eltern kaum: „Es kann sein, dass sie es verdrängen, weil es so schmerzhaft ist.“ Stattdessen spricht Le mit ihren Eltern meistens über Essen, über gutes Essen – über vietnamesisches Essen.

„Ich darf jetzt nicht versagen, weil er so viel geopfert hat“

Weil Le das Verheimlichen belastet, möchte sie etwas ändern: Sie ist Studentin an der Hochschule für Fernsehen und Film in München und dreht gerade gemeinsam mit zwei Kommilitoninnen einen Dokumentarfilm über die Beziehung zu den eigenen Eltern. Vor der Kamera möchte sie ihren Eltern all die Fragen stellen, die bisher tabu waren – möchte endlich verstehen, wer sie wirklich sind. „Der Film ist der Versuch einer Annäherung“, erklärt Le. Und sie möchte damit auch anderen Kindern migrierter Eltern zeigen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind. Les Eltern wünschen sich, dass sie in Zukunft zurück in das kleine, deutsche Dorf zieht, in dem ihre Eltern noch wohnen, obwohl es dort kaum andere Vietnames*innen, kaum andere People of Color gibt. Aber das möchte Le nicht. Sie liebt die Vielfalt des Stadtlebens, das Dorf findet sie öde. Ihre Eltern wünschen sich auch, dass sie jung heiratet, am besten einen Vietnamesen, und Kinder bekommt. Auch das entspricht nicht unbedingt ihren eigenen Vorstellungen. 

Schuldgefühle empfindet Le vor allem ihrem Vater gegenüber. Denn von ihm weiß sie, dass er – im Gegensatz zu ihr – immer ganz genau das getan hat, was seine Eltern von ihm verlangten: gut in der Schule sein und einen Job im Ausland finden zum Beispiel. „Das beeinflusst mich, weil ich mir dann denke: ‚Ich darf jetzt nicht versagen, weil er so viel geopfert hat.‘ Aber wir Kinder gehen einen viel individuelleren Weg und versuchen, die Gedanken der Eltern nicht einfach unkritisch zu übernehmen.“ Einmal hat ihr Vater zu Le gesagt, dass er das undankbar findet. Aber nicht nur das belastet sie, sondern auch zu sehen, wie aufopferungsvoll ihr Vater sich immer noch verhält: „Ich denke, der Wunsch, etwas Stabiles aufzubauen, hängt bei meinem Vater stark damit zusammen, dass er aus sehr ärmlichen Verhältnissen kommt. Bis heute ist er sehr sparsam, obwohl er inzwischen genug Geld verdient und sich auch mal was gönnen könnte. Für die Kinder gibt er gerne Geld aus, bei sich selbst spart er. Das macht mich traurig, weil er so zurücksteckt.“

„Wenn ich später keine finanziellen Ressourcen habe, würden meine Eltern im Prekariat landen“

Ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit stellt auch Sia bei seinen Eltern fest. Er führt das sowohl auf die Migration, als auch auf deren Kriegserfahrung zurück: „Familien, die seit drei Generationen in Deutschland leben, hatten drei Generationen Zeit, sich dort etwas aufzubauen“, erklärt Sia. Bei ihm ist das anders: „Meine Eltern haben acht Jahre Krieg erlebt. Ich bin die erste Generation, die in Frieden aufwächst. Wenn du die Verwurzelung nicht hast, ist das Bedürfnis nach Sicherheit viel tiefer.“ Zu spüren bekam Sia das schon früh. Er erinnert sich, wie seine Mutter immer wieder zu ihm sagte: „Du musst gut in der Schule sein, denn du bist hier nicht zu Hause“. Für Sia bedeutet das heute: „Du hast hier keine Chance, außer du leistest etwas“. Was das mit ihm gemacht hat? Er hat den Rat seiner Mutter verinnerlicht – mit ein bisschen Rebellion. „Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Arzt oder Architekt werde. Jetzt studiere ich Pharmazie. Mehr Rebellion ging nicht.“ Sia erklärt die Wahl seines Studiums aber auch mit einem materiellen Schuldempfinden seinen Eltern gegenüber. Denn der Beruf, den er sich aussucht, möchte er mit Leidenschaft machen. Weil man das, was man mit Leidenschaft macht, lange durchhält. So kann er in Zukunft für die Gesundheit und den Lebensstandard seiner Eltern sorgen: „Wenn ich später keine finanziellen Ressourcen habe, würden meine Eltern im Prekariat landen“, erklärt er.

Umgekehrt möchte Sia aber auf keinen Fall von seinen Eltern finanziell unterstützt werden

Umgekehrt möchte Sia aber auf keinen Fall von seinen Eltern finanziell unterstützt werden. „Eher würde ich mich verschulden“, sagt er. Als Sia noch ein Kind war, haben seine Eltern ihm eine Geige gekauft – für 1200 Euro. Aus seiner Sicht eine völlig absurde Anschaffung, schließlich hatten sie kaum Geld dafür, konnten nur wenig arbeiten. Was das mit seinem Verhältnis zu der Geige gemacht hat? „Ich habe auf jeden Fall fleißig geübt.“ Schuldig fühlt er sich dafür aber im Grunde bis heute. Sia möchte unabhängig sein, weil er merkt: „Je besser man selbstständig voran kommt, desto eher rückt das Schuldgefühl in den Hintergrund.“

Eigentlich klingt Schuld für Sia zu negativ, um die liebevolle Beziehung zu seinen Eltern zu beschreiben. Trotzdem fühlt er, dass er ihnen etwas schuldig ist – eine Art Bringschuld. Und er hat Angst, zu scheitern. Wären Sias Eltern in Iran geblieben, wäre seine Mama Bauingenieurin und sein Papa Übersetzer geworden. Das haben sie aufgegeben, „auch, um mir einen besseren Bildungsstatus zu ermöglichen”, so Sia. Da ist er sich sicher, auch wenn er noch nicht weiß, was genau seine Eltern dazu bewogen hat, nach Deutschland zu kommen. „Ich warte einfach darauf, dass ich 25 werde – und dann sollen sie es mir gefälligst erzählen“, sagt er und lacht.

*Um die Identität der Eltern von Sia und Le zu schützen, werden keine Details zum Zeitpunkt der Migration und deren derzeitigen Lebensumständen genannt.

(Dieser Text ist in inhaltlicher Zusammenarbeit mit Die Frage entstanden, einem Format von funk.)

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