Wie bezeichnet man Menschen mit Migrationshintergrund richtig?

Es gibt nämlich auch Weiße mit und People of Colour ohne Migrationshintergrund.
Von Franziska Setare Koohestani

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Als mich ein Freund vor Jahren mal fragte, ob ich mich eigentlich als „PoC“ (Person of Colour) identifiziere, hatte ich keine Ahnung, was das bedeutet. Bis dato hatte ich mich  – je nach Situation – ziemlich ungelenk als „Mensch mit Migrationshintergrund“ oder „ein bisschen dunkler“ beschrieben. Eigentlich spürte ich da schon, dass es sich eher um sprachliche Ausweichmanöver handelte als um hinreichende Beschreibungen meiner Person. Damals gab es in Deutschland noch kaum öffentlichkeitswirksame Diskurse darüber, wie man Menschen mit Migrationshintergrund differenziert bezeichnet. Heute ist das etwas anders. 

 Mittlerweile gibt es viele verschiedene Begriffe - und die können manchmal ziemlich Verwirrung stiften. Auch ich frage mich ständig: Sind die Begriffe, die ich verwende, irgendwie problematisch? Wen könnte ich damit verletzen? Das kann teilweise anstrengend sein. Trotzdem sollte man eine solche Reflexion der eigenen Sprache nicht als „lästig“ abtun. Denn sie ist ein wesentlicher Bestandteil davon, wie wir andere Menschen sehen und behandeln. Aber Sprache zeigt nicht nur die Wirklichkeit, sie beeinflusst sie. Mit einer vielfältigeren und präziseren Auswahl an Bezeichnungen für Menschen mit Migrationshintergrund schaffen wir nämlich einen Diskurs über und Sichtbarkeit von verschiedenen Erfahrungen – und werden damit aufmerksamer für Formen von Diskriminierung. Es geht nicht darum, „Sprachpolizei” zu spielen, sondern Empathie gegenüber Mitmenschen zu entwickeln und: sensibler für Ungleichheit zu werden. Das gelingt nicht allein, aber eben auch durch unsere Sprache. „Mensch mit Migrationshintergrund” ist nämlich nicht gleich „Mensch mit Migrationshintergrund”.

Wer sind „People of Colour“ wirklich?

Als ich nach dem Gespräch mit besagtem Freund damals zu recherchieren begann, fand ich heraus, dass die Bezeichnung „People of Colour“ auf die us-amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1960er zurückgeht, die den kolonialistisch geprägten Begriff „coloured“ („farbig“) ablehnte. Wenn jemanden als „farbig“ beschrieben wird, suggeriert das außerdem, es gebe „farblose”, also „normale” Menschen. Weil die bekanntesten Akteur*innen der Bürgerrechtsbewegung Afroamerikaner*innen waren, dachte ich erst, dass die Bezeichnung PoC auch hier in Deutschland eher sogenannte „Afrodeutsche“ betrifft. Später wurde mir klar, dass es bei dem Begriff „People of Colour“ vielmehr um eine übergreifende Bezeichnung für Menschen mit Rassismuserfahrungen geht – also um Zugehörigkeit für „Nicht-Weiße“.

PoC ist eine solidarische und zugleich selbstgewählte Eigenbezeichnung. Deshalb steht im Glossar für diskriminierungssensible Sprache von „Amnesty International“ (in dem Definitionen aus den ausführlichen „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ der Neuen Deutschen Medienmacher*innen verwendet wurden): „Der Begriff markiert eine politische gesellschaftliche Position und versteht sich als emanzipatorisch und solidarisch. Er positioniert sich gegen Spaltungsversuche durch Rassismus und Kulturalisierung sowie gegen diskriminierende Fremdbezeichnungen durch die Weiße Mehrheitsgesellschaft.“ Als PoC bezeichnen sich Nicht-Weiße mit Rassismuserfahrung, also zum Beispiel auch Asiat*innen oder Türk*innen und jene, die sich nicht als Weiß, aber vielleicht auch nicht als Schwarz sehen. Trotzdem fühlen sich damit nicht zwangsläufig Schwarze Personen miteinbezogen. Der Journalist Malcolm Ohanwe zum Beispiel bevorzugt als Alternative zu PoC die Abkürzung BIPoC, also: Black (Schwarze), Indigenous (Indigene, wobei in Deutschland umstritten ist, wer damit gemeint sein könnte) und People of Colour. Er schreibt auf Twitter: „Oft werden PoC & BIPoC synonym verwendet, sodass auch Schwarze bei PoC mitgemeint sein könnten. PoC ist KEIN Synonym für Schwarz. Schwarze sind Schwarz.“ 

Es gibt auch Weiße Menschen mit Migrationshintergrund 

Menschen mit Migrationshintergrund sind aber nicht automatisch auch People of Colour oder BIPoCs. Laut Statistischem Bundesamt hat jemand dann Migrationshintergund, wenn er*sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Es geht also beim Migrationshintergrund eher um die Staatsangehörigkeit und nicht immer konkret um damit einhergehende Rassismuserfahrung. Es gibt nämlich auch Weiße Menschen mit Migrationshintergrund. Und es gibt People of Colour und Schwarze Menschen ohne Migrationshintergrund.

Das hat übrigens auch Bundeskanzlerin Angela Merkel verstanden: Bei der Pressekonferenz des Integrationsgipfels vor ein paar Wochen machte sie darauf aufmerksam, dass ihr Urgroßvater Pole war, sie aber keine*r mehr fragt, ob sie „zu integrieren sei“. Bei der neben ihr sitzenden Sylvie Nantcha, Vorsitzende des African Network of Germany, sei das anders. „Muss jemand in Deutschland, der Schwarz ist, immer beweisen, dass er integriert ist? Oder ist er per se nicht integriert, weil er zu einer Minderheit gehört in der Hautfarbe?“ Schwarze Personen und PoCs erfahren Rassismus also auch ganz unabhängig von Staatsangehörigkeit oder Migrationshintergrund.

Was ist „Rassifizierung“?

Die Rassismuserfahrung ist also ein wichtiger Faktor, der Menschen mit Migrationshintergrund voneinander unterscheidet. Rassismus gilt als Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Herkunft, Sprache und Religion. Menschen werden also sowohl aufgrund kultureller, als auch biologischer, äußerlicher Merkmale bewertet und diskriminiert. Deshalb macht es Sinn, in bestimmten Situationen explizit von „rassifizierten Menschen” zu sprechen statt zum Beispiel von „People of Colour“. „Rassifizierte Menschen“ meint von Rassismus Betroffene und Menschen mit Rassismuserfahrung – mit Betonung auf den Blick von außen.

Ein Beispiel dafür ist der Terroranschlag in Hanau, bei dem Menschen aus rassistischen Motiven getötet wurden. Bei den Opfern handelte es sich um People of Colour und Menschen mit Migrationshintergrund. In diesem Fall von „rassifizierten Menschen“ zu sprechen passt deshalb, weil durch diese Formulierung der Blick von außen hervorgehoben wird –  ein rassistischer Blick. Bei der Rassifizierung geht es also weniger darum, wie du dich selbst siehst, sondern mehr darum, wie du gesehen wirst.

„Ausländer*in“ oder „Migrant*in“ sind keine Synonyme für Menschen mit Migrationshintergrund

Menschen mit Migrationshintergrund sind keine „Migrant*innen“, wenn sie nicht Ausland geboren wurden und später emigrierten. Sie sind auch keine „Ausländer*innen“, weil sie in Deutschland leben und nicht im Ausland und die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Im Glossar der „Neuen deutschen Medienmacher*innen“ wird außerdem darauf hingewiesen, dass die Formulierung „mit xy Wurzeln“ kritisch gesehen wird, „weil damit keine Verortung in Deutschland, sondern vielmehr eine Entwurzelung von Menschen aus Einwandererfamilien mitschwingt“. Alternativ könne man, wenn nötig, die (ehemalige) Nationalität der Eltern nennen.

Wenn man unsicher ist oder nicht weiß, wie sich jemand selbst bezeichnet (als PoC, Schwarz usw.), bietet es sich – wie es der Freund von mir machte – natürlich an, einfach nachzufragen. Sollte das aber nicht gehen, gibt es die Möglichkeit, zunächst den eigenen Blick sprachlich offenzulegen. Mittlerweile wird in rassismuskritischen Diskursen vermehrt davon gesprochen, dass Menschen „als xy gelesen“ und „als xy markiert“ werden: zum Beispiel redet man von „als Schwarz gelesenen” oder „als Asiatisch markierten” Personen. Dadurch wird – ähnlich wie bei der Rassifizierung – deutlich, dass man sich nicht aneignet, wie Menschen tatsächlich sind oder sich identifizieren, sondern es auch eine gesellschaftliche „Lesart” anderer Menschen gibt. So etwas wie eine Art Interpretation aufgrund äußerlicher Merkmale.

Nicht alle, aber einige dieser Begriffe sind neu und können deshalb für viele anfangs überfordernd sein. Deshalb sollte man sie aber nicht gleich ablehnen. Man muss sie schließlich nicht gleich alle auf einmal in den eigenen Wortschatz aufnehmen. Ich persönlich finde, dass man sich ohnehin immer eine grundlegende Frage stellen sollte: In welchem Kontext ist es wirklich notwendig, dass ich benenne, dass jemand Nicht-Weiß ist? Wann ist es sinnvoll und macht auf strukturelle Ungleichheit aufmerksam? Und wann markiert man dabei eher ein verletzendes „Anderssein“? Eine reflektierte Sprache allein reicht nicht aus, um sensibel für Rassismus und Diskriminierung zu werden, aber sie ist trotzdem essentiell. Die Rassismus-Expertin Tupoka Ogette bringt es in ihrem Buch „exit Racism: rassismuskritisch denken lernen” auf den Punkt: „Es gibt keine Sprachpolizei oder Zensur. Du kannst und darfst alles sagen. Aber du musst auch bereit sein (...) Verantwortung für das eigene Sprechen zu übernehmen.”

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