Ein Plädoyer fürs Krankmelden bei Liebeskummer

Weil das eben so ist wie ein fieser Schnupfen.
Von Nadja Schlüter

Fühlt sich mies an? Könnte eine Erkältung sein. Oder halt Liebeskummer.

Foto: time. / photocase / unsplash, Bearbeitung: Daniela Rudolf

Etwas, das man echt nicht kriegen will? Auf das man wirklich null Lust hat? Obwohl man weiß, dass es einen, sofern man ansonsten fit ist, nicht umbringen wird und wieder vorbeigeht? Aber weil man eben auch weiß, dass es, während man es hat, unfassbar nervig ist und man nichts weiter dagegen wird tun können, als es auszuhalten?

Die Antwort lautet natürlich: eine richtig fiese Erkältung. Ein dicker Schnupfen und ein röhrender Husten und tränende Augen und leichtes Fieber. Appetitlosigkeit, Schluckbeschwerden, Gliederschmerzen. So ein Infekt eben, bei dem man sich mühsam auf den Beinen hält, bis jemand sagt: „Nun geh schon heim und ab ins Bett mit dir! Mach dir eine Wärmflasche und einen Tee, schau dir eine nette Serie an und dann: schlaf. Ist ja bald wieder vorbei.“ Und dann macht man genau das, ohne schlechtes Gewissen, ohne sich dafür zu schämen.

Die Antwort lautet aber auch: Liebeskummer. Bei dem man sich auch nur mühsam auf den Beinen hält, sich überhaupt nicht konzentrieren kann, ganz unvermittelt schwächelt und weint. Bei dem man manchmal nicht richtig atmen kann und einfach nicht genug Luft in einen reingeht, um ordnungsgemäß versorgt zu sein. Gleichzeitig hypernervös und völlig gelähmt ist. Aber leider passiert es in diesem Fall viel seltener, dass jemand einem diesen freundlichen Schubser Richtung Bett und Ausruhen gibt. Viel eher schleichen die Menschen um einen herum, um ja nichts falsch zu machen. Und wenn man sich selbst dazu durchringt, sich krank zu melden, weil man eh nichts hinkriegt, dann leidet man zusätzlich zum ganzen Leid auch noch an einem schlechten Gewissen. „Mann, bist du schwach“, denkt man und schämt sich.

Und darum sollten wir alle so einen Liebeskummer behandeln wie einen fiesen Schnupfen. Außenstehende, weil es dann leichter fällt, pragmatisch-zupackend, aber warmherzig zu sagen: „Geh heim! Und sag Bescheid, wenn du was brauchst.“ Was dann nicht bedeutet: „Wir können dich Jammerlappen hier eh nicht gebrauchen“, sondern einfach nur: „Du musst dich schonen, ist doch klar.“ Aber auch wir selbst, wenn wir Liebeskummer haben, weil man das ganze Leiden dann besser aushalten und auskurieren kann. Denn wenn Liebeskummer wie ein Schnupfen ist, dann kann man nichts dafür. Hat nichts falsch gemacht, sondern sich bloß was eingefangen. Dann kann man die Symptome, die Bauchschmerzen und das Kopfweh, die Müdigkeit und Appetitlosigkeit als eine Abwehrreaktion des Körpers verstehen, die einen davor beschützt, von einer äußeren Einwirkung zur Strecke gebracht zu werden. Das emotionale Immunsystem arbeitet wie verrückt, um den Liebeskummervirus niederzuringen. Und dafür muss der Körper eben seine Energie bündeln. Für logisches Denken und sinnvolle Arbeit bleibt da nicht mehr viel übrig.

Wie befreiend es wäre, den Kollegen die Wahrheit schreiben zu können: „Heute schlimmen Liebeskummer“

Man müsste dann nie ein schlechtes Gewissen haben und keine Angst, zu schwach zu sein. Man könnte mit guten Gewissen auch mal einen Tag im Bett liegenbleiben – und müsste bei Krankmeldungen keine Migräne oder Magenverstimmung erfinden. Klar, eigentlich muss man dem Arbeitgeber sowieso nicht sagen, was man hat, wenn man krank daheim bleibt. Aber die meisten schreiben ja doch etwas Konkreteres wie: „Heute schlimme Kopfschmerzen“ in der Mail an die Kollegen. Wie befreiend es wäre, einfach die Wahrheit schreiben zu können, so was wie: „Heute schlimmen Liebeskummer“, ohne sich sorgen zu müssen, dass irgendwer jetzt denkt, man könne sich nicht recht zusammenreißen.

Alle Arbeitgeber dieser Welt sollten das als Grund völlig legitim finden. Alle Liebeskummernden der Welt sollten sich nicht schämen müssen, sondern einfach selbstbewusst sagen können, dass sie gerade leider krank sind. Sicher würde das auch dabei helfen, dass es schneller vorbeigeht. Weil es normaler wäre. Weil es halt einfach mal passiert und jeder da mal durchmuss und danach alles wieder gut ist. Und wer auch immer den Liebeskummer ausgelöst hat: Der- oder diejenige könnte dadurch zu einem kleinen Virus zusammenschrumpfen, den man erfolgreich bekämpft hat.

Eigentlich wäre das leicht umzusetzen. Alle müssten nur ein bisschen pragmatischer, sachlicher, zupackender über Liebeskummer denken und schon wäre es soweit. Nur eines würde dann noch fehlen, für die perfekte Schnupfen-Liebeskummer-Analogie: ein Medikament gegen Liebeskummer. Ein Nasenspray, eine Schmerztablette, ein Saft, der nicht schmeckt, aber lindert. Aber das muss man dann eben mit Freunden und viel Wein kompensieren. Und am nächsten Tag im Bett bleiben. 

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