Was machen wir, wenn unsere Eltern alt werden?

David, Nadine und Johannes erzählen, welche Schwierigkeiten sie bei der Pflege ihrer Mütter erleben.
Von Anna Sophia Merwald

Fotos: privat Bearbeitung: jetzt

David: „Mir fehlt einfach ein Stück Kindheit“

David Ibrahimi ist inzwischen 30 Jahre alt und pflegt seine Mutter schon lange. Sie leidet seit seiner Kindheit unter Rheuma, Depressionen und Herzinsuffizienz. Diese Krankheiten haben sich im Alter noch verstärkt. David wohnt nur fünf Minuten von ihr entfernt.

Foto: privat

„Eigentlich habe ich schon mein ganzes Leben lang gemerkt, dass meine Mutter krank ist. Ich kenne sie gar nicht so richtig gesund. Dass sie so angreifbar und schwach ist, ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, als meine Oma gestorben ist. Da war ich erst sieben oder acht Jahre alt und sie hatte einen ziemlichen Zusammenbruch. Das hat meine Rolle verändert: Ich war nicht mehr nur der kleine Junge, der beschützt wird, sondern musste sie auch beschützen. Als Kind habe ich mich hilflos gefühlt und war ein bisschen wütend. Ich habe mich gefragt: ‚Wieso kann denn meine Mutter nicht stark sein und auf mich aufpassen?‘

Mir fehlt einfach ein Stück Kindheit: Meine Mutter war lange arbeitslos durch die Erkrankungen. Ich habe nicht immer etwas zu essen gehabt als Kind und so erfahren, was Hunger bedeutet. Meine Mutter hat vieles schleifen lassen, das gehörte vielleicht auch zu ihrer depressiven Episode. Damals musste ich schon helfen, ihr zum Beispiel PET-Flaschen öffnen, wenn die fest zu waren oder sie mal stützen. Das war ein bisschen wie bei einer Oma. Und rheumatische Erkrankungen sieht man ja auch nicht, deshalb war es für mich schwer, das zu verstehen. Ich konnte mir als Kind nicht erklären, wieso ich keine ‚normale‘ Mutter habe wie alle anderen. Da ging ein Stück weit der Respekt verloren, den man eigentlich vor seinen Eltern hat.

„Inzwischen habe ich gelernt, mir immerhin am Wochenende Zeit für mich zu nehmen“

Mir war aber klar, dass sie das nicht mit Absicht macht und ich darauf

Rücksicht nehmen muss. Ich wusste: Ich muss mich mein ganzes Leben lang um sie kümmern. Das habe ich aber ein bisschen von mir weggeschoben, bis sie richtig Hilfe brauchte, auch nicht mehr alleine

Treppen steigen konnte. Das fing an, als ich 22 war. Da habe ich mich

gefragt: ‚Warum muss das denn so früh losgehen? Warum kann ich mich denn nicht noch ein bisschen auf mein Leben konzentrieren?‘ Damals war ich mitten in meiner Ausbildung zum Ergotherapeuten. Während die anderen am Wochenende Spaß hatten, habe ich Ausreden vorgeschoben, warum ich nicht mitgehen kann. Ich musste mir damals schon anhören: ‚Du machst zu viel, lass dich doch nicht so ausnutzen!‘ Zweieinhalb bis drei Stunden täglich kümmere ich mich um sie. Neben der Selbstständigkeit, bei der ich zwölf Stunden arbeiten muss, ist das schon einiges.

Ich bin sehr gestresst, mein Körper hat auch seine Wehwehchen, aber ich achte auf mich. Inzwischen habe ich gelernt, mir immerhin am Wochenende Zeit für mich zu nehmen. Ich mache Kampfsport und würde gerne Wettbewerbe bestreiten, aber das geht zurzeit nicht. Ich wünsche mir eigentlich jeden Tag, dass mal jemand anderes die Pflege übernimmt und ich einfach mal bei ihr zu Besuch sein kann. Ich bin schon neidisch auf andere Menschen, die sich keine Sorgen machen müssen, aber ich lasse mich von diesem Gefühl nicht beherrschen. Manchmal saß ich aber schon nach einem Arbeitstag auf der Couch und habe gar nichts mehr geschafft. Da habe ich schon mal daran gedacht, mit der Arbeit aufzuhören. Aber dieser Gedanke ist natürlich mit Vernunft wieder verschwunden.

Unsere Rollenverteilung hat sich bei mir schon in der Kindheit geändert. Aber ich bin jetzt noch ein bisschen mehr in die Rolle eines Pflegers gerutscht. Ich dachte nie, dass ich ihr mal beim Haarekämmen, Waschen oder Kochen helfen muss. Um ihre Briefe und Rechnungen kümmere ich mich schon lange. Meine Mutter anzuziehen, ist zwar keine normale Tätigkeit als Sohn, aber inzwischen auch keine große Hürde mehr für mich. In unserer Beziehung gibt es immer diese Abhängigkeit. Meine Mutter hat auch psychische Probleme, deshalb sagt sie manchmal: ‚Ach, keiner kümmert sich um mich.‘ Früher hätte ich das noch als Stoß vor den Kopf empfunden, jetzt weiß ich, dass sie einfach viel alleine ist. Dann tut sie mir eher leid.“

 

Nadine: „Oh Gott, ist das unfair!“

Nadines Mutter hat Alzheimer. Diese Diagnose traf die 35-Jährige mit einem großen „Wumms“, erzählt sie. Inzwischen lebt ihre Mutter in einem Pflegeheim. Nadine besucht sie dort mehrmals in der Woche und muss sich parallel noch um ihre zwei kleinen Kinder kümmern.

Foto: privat

„Bei meiner Mutter verlief die Krankheit schleichend. 2016 hat es langsam angefangen, da ist sie noch Auto gefahren und hat sogar mein Kind betreut. Mein Freund und ich haben im Juli kirchlich geheiratet, aber da hat meine Mutter ihn schon nicht mehr erkannt. Ein Jahr später hat sie sich auf dem Weg zu mir verfahren. Als die Polizei ihr Handy geortet hat, war sie schon 45 Minuten von uns entfernt. Das war der Moment, in dem ich wusste, es ist ernst.

Anfang 2018 hat ein Neurologe schließlich Alzheimer diagnostiziert. Als der Arzt das gesagt hat, dachte ich mir nur ‚Scheiße, wirklich scheiße! Ich bin 34 Jahre alt und meine Mutter wird plemplem, aber immerhin habe ich den Papa noch‘. Ich habe immer wieder gegrübelt, schlecht geschlafen, schlecht gegessen. Mein Vater ist dann kurze Zeit später in ihrem gemeinsamen Italienurlaub gestorben. Innerhalb weniger Monate habe ich meinen Vater und quasi auch meine Mutter verloren. Da habe ich gedacht: ‚Oh Gott ist das unfair, manche haben ihre Eltern mit 50 noch.‘ Der Zustand meiner Mutter hat sich dann so verschlechtert, dass sie nichts mehr gegessen oder getrunken hat und schließlich in die Geronto-Psychiatrie musste. Als sie da rauskam, habe ich zuerst an eine 24-Stunden-Pflege gedacht. Und dann überlegt, sie bei mir einziehen zu lassen. Ich wusste aber auch, dass ich das nicht schaffe mit meinen Kindern. Da Mama eine Weglauftendenz hat, ist sie jetzt auf einer beschützenden Station.

„Mama war schon immer eine gepflegte Frau und das soll sie auch bleiben“

Ich bin in drei Minuten bei ihr. Drei bis vier Mal pro Woche besuche ich sie. Ich würde gerne öfter, aber das schaffe ich nicht. Auf der Station sehe ich selten Besuch, viele schieben alte Menschen dorthin ab. Meine Mama lässt sich vom Pflegepersonal nicht die Haare waschen, deshalb mache ich das. Solange meine Mutter noch aufstehen kann, färbe ich ihr die Haare. Ihr gefällt das, sie bedankt sich auch dafür. Die meisten Frauen im Heim haben rappelkurze Haare, da merkt man, dass sich die Angehörigen nicht um sie kümmern. Mama war schon immer eine gepflegte Frau und das soll sie auch bleiben.

Inzwischen ist meine Mutter inkontinent und beinahe wie mein drittes Kind, dem ich alles erklären muss. Sie ist mir aber nicht peinlich. Ich möchte auch, dass sie bei der Kommunion meines Sohnes dabei ist. Manchmal bin ich selber erstaunt über meine innere Stärke. Ich glaube, viele Menschen wissen nicht zu schätzen, dass sie ihre Eltern noch haben. Meine nächste Angst ist nur, was ich mache, wenn Mama irgendwann nicht mehr aus dem Bett kommt. Kurz vor Weihnachten hat sie mich das erste Mal nicht mehr erkannt. Da hat mein neunjähriger Sohn meine Hand gestreichelt und zu ihr gesagt: ‚Oma, das ist die Nadine, deine Tochter. Umarm sie doch mal.‘ Solange ich noch mit ihr lachen kann, sie ihr Essen genießt, weiß ich, dass ich alles richtig mache.

Meine Arbeit im Büro einer Spedition schaffe ich nur, weil ich mich dort sehr wohlfühle und indem ich die Zähne zusammenbeiße. Immer weiterarbeiten und wenn ich mich zerreißen muss - so war meine Mutter auch. Ich kann entweder nur schlafen oder ich werde gar nicht müde, weil ich noch so unter Strom stehe. Aber ich mache das solange sie lebt, sonst hätte ich das Gefühl, ich lasse sie im Stich.“

 

Johannes: „Meine Mutter sagt oft, dass ohne sie alles besser wäre“

Als die Mutter von Johannes Müller an Parkinson erkrankt, ist er gerade mal 21. Eigentlich zu jung, um sich Gedanken um Plätze in Pflegeheimen zu machen oder wer das Ganze bezahlen soll. Jetzt, mit 28, ist das nicht leichter geworden, aber unumgänglich.

Foto: privat

„Ich war gerade mit dem Abi fertig und frisch ausgezogen, da hat meine Mutter Parkinson bekommen. Damals wollte ich eigentlich nur möglichst weit weg von zu Hause, weil wir gerade Stress hatten. Als sie dann die Diagnose bekam, war die Entfernung natürlich ziemlich scheiße. Ich bin aber nicht wieder daheim eingezogen. In den letzten Jahren ist die Krankheit dann immer stärker geworden. Besonders schlimm sind die Osteoporose, die sie noch bekommen hat, und die Nebenwirkungen ihrer Medikamente. Ich habe damals ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass die Krankheit so rapide verläuft. Weil meine Mutter alleinerziehend ist, war ich schon immer der Große in der Familie. Ich hatte viel Verantwortung gegenüber meinen kleineren Zwillingsbrüdern. Die beiden unterstützen mich zum Glück auch jetzt. Ich mache gerade die ganzen Behördengespräche und sie kümmern sich direkt vor Ort um unsere

Mutter. Zum Beispiel räumen sie ihre Wohnung aus.

Im Moment ist sie bei einer Freundin untergekommen. Die hat sich die

ganze Pflege aber auch etwas leichter vorgestellt. Da muss sie wahrscheinlich Ende Mai wieder raus. Spätestens dann müssen wir endlich einen Platz im Pflegeheim für sie gefunden haben. Wir suchen jetzt schon seit Januar nach einem passenden.

Meine vier Brüder und ich sind alle nicht in der Lage, unsere Mutter

aufzunehmen. Natürlich würde es schon irgendwie gehen, aber dazu

müssten wir unsere eigenen Leben ein Stück weit aufgeben. Und das will natürlich keiner von uns. Wir haben teilweise schon eigene Familien, studieren oder arbeiten. Meine Mutter ist auch erst 61 Jahre alt, deshalb ist es schwierig, ein Heim zu finden, in dem der Rest nicht schon um die 90 ist. Mit den vielen Anträgen habe ich kein großes Problem, aber die sind einfach so umfangreich, dass man viele Nachweise erbringen muss. Da würde es durchaus helfen, wenn die Behörden untereinander besser kommunizieren würden. Was ich auch furchtbar finde, ist, dass 2019 digital oder telefonisch kaum etwas möglich ist. Bei der Rentenversicherung für meine Mutter konnte ich alles nur postalisch einreichen. Bei beglaubigten Dokumenten verstehe ich das ja, aber wenn man immerhin einen Teil davon online machen könnte, wäre vieles für mich leichter.

„Ich will ja nicht selber zum Pflegefall werden durch einen Burnout“

Ich mache berufsbegleitend meinen Master, bin also gehaltsmäßig kein Student mehr. Trotzdem hat die Frage der Finanzierung des Pflegeheims für meine Mutter ein großes Streitpotenzial innerhalb der Familie. Sie hat jetzt Pflegegrad drei und da bekommen wir 1300 Euro monatlich für die Pflege. Bei einem Pflegeplatz hier in Baden-Württemberg müssen wir einen Eigenanteil von 1600 bis 2500 Euro pro Monat zahlen – je nach Pflegeheim. Meine Mutter kriegt nur eine Rente von 800 Euro und alles, was da übrigbleibt, muss das Sozialamt übernehmen. Ich finde es natürlich gut, dass es dieses System gibt, aber das Amt holt es sich am Ende wieder von den unterhaltspflichtigen Personen zurück, was in diesem Fall wir Kinder sind. Mein ältester Bruder findet jetzt, dass wir den Eigenanteil gleichmäßig unter uns aufteilen sollten. Das finde ich aber etwas unverhältnismäßg, weil er in seinem Beruf deutlich mehr Geld verdient als wir Jüngeren.

Die Suche nach dem Pflegeplatz ist total zermürbend, ich fürchte mich vor dem Gedanken, dass wir gar nichts finden. Wenn es wirklich hart auf hart kommt, würde ich meine Mutter schon bei mir aufnehmen, aber das wahrscheinlich vom Kopf her und körperlich nicht lange durchhalten. Ich will ja nicht selber zum Pflegefall werden durch einen Burnout.

Ich weiß, dass ich stolz auf mich sein kann: Ich habe es neben dem ganzen Stress zum Teamleiter einer Softwareentwicklungsfirma geschafft. Meine Mutter hat uns ihr Leben gewidmet, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Aber ich merke auch, dass es nicht so weitergehen kann. Ich frage mich manchmal, wie es wäre, wenn meine Mutter nicht mehr leben würde. Ob es dann einfacher für alle wäre? Und natürlich wäre es das, aber das ist schon ein sehr trauriger Gedanke. Vor allem, weil meine Mutter auch oft sagt, dass ohne sie alles besser wäre.“

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