Jungs, täuscht ihr auch Orgasmen vor?

Und wie macht ihr das?
Aus der jetzt-Redaktion

Illustration: Julia Schubert

Liebe Jungs,

in gefühlt jeder dritten Romantik-Komödie wird irgendwann der Gag vom vorgetäuschten Orgasmus gemacht. Dafür liegt eine Frau beim Sex auf oder unter einem Mann, stöhnt und ruft etwas wie: „Uh, ja schneller, Klausi. Ah, oh, ich kooomme.“ Währenddessen verdreht sie die Augen oder besieht sich gelangweilt ihre Fingernägel. Durch diese übertriebene Mimik und Gestik soll also auch der*dem letzten Zuschauer*in klar werden, dass da mal wieder eine Frau nicht wirklich gekommen ist. 

Dieses Szenario ist natürlich übertrieben, wir spielen nicht ständig Orgasmen vor – und vor allem spielen wir sie nicht so schlecht. Trotzdem hält sich der Mythos von der ewig Orgasmus-fakenden Frau hartnäckig. Und immerhin: 2008 gaben in einer Umfrage tatsächlich 70 Prozent der befragten Frauen zu, schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben. 

Aber was ist eigentlich mit euch Jungs? Warum sehen wir euch nie in Filmen, wie ihr „Uh“, „oh“ und „ah“ schreit und dann aber gar nicht kommt? Jetzt trommelt euch bitte nicht auf die Brust und brüllt, ihr könntet eh immer. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Was wir aber noch nicht genau durchschaut haben, ist, wie ihr in der Regel damit umgeht. 

Steht ihr einfach eher dazu, wenn ihr beim Sex nicht die Zeit eures Lebens habt? Ist es einfacher, den Penis wieder rauszuziehen und zu sagen: „Sorry, es geht einfach nicht“?

„Wäre es euch peinlich, wenn wir euren gefakten Orgasmus als solchen enttarnen würden?“

Diese Situation ist vielen von uns jedenfalls schon mal so oder ähnlich passiert. Das Blöde an der ehrlichen Lösung: Manchmal verletzt sie die Sexpartnerin oder den Sexpartner natürlich auch. Immerhin gibt es das Klischee vom Mann, „der immer kann“, das Gegenüber sucht die Verantwortung also oft bei sich selbst. Das bringt dann Unsicherheit ins gemeinsame Sexleben. Beeinflusst euch das? Habt ihr deshalb auch irgendwann angefangen, eure fehlenden Orgasmen zu überspielen? 

Gehen wir doch mal davon aus, dass auch ihr Orgasmen vortäuscht. Dann gibt’s hier ein Kompliment für euch: Ihr stellt euch dabei ziemlich gut an. Denn besonders oft haben wir euch zugegebenermaßen noch nicht überführt. Dabei stellen wir uns das total schwierig vor, das Ausbleiben eines männlichen Orgasmus zu vertuschen. Immerhin wird euer Kommen normalerweise durch eine Ejakulation sichtbar. Wie überspielt ihr es, wenn das nicht passiert? Wäre es euch peinlich, wenn wir euren gefakten Orgasmus als solchen enttarnen würden? 

Und warum fakt ihr eigentlich Orgasmen? Wir wollen euch dadurch oft Bestätigung geben – wollt ihr uns ebenso vor Selbstzweifeln schützen? Oder macht ihr das nur, damit der Sex schneller vorbei ist, wenn er euch nicht gefällt?

Erklärt doch mal, 

eure Mädchen. 

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

erinnert euch doch mal bitte ganz kurz an euren letzten Geschlechtsverkehr mit einem Mann in der altehrwürdigen Missionarsstellung oder einer anderen, bei der ihr sein Gesicht sehen konntet. Okay, und jetzt versucht mal, euch an den Moment zu erinnern, in dem er gekommen ist. Schwitz, keuch, rein, raus, YES! Habt ihr das Bild vor euch? Ganz nett, oder? Nur: Das war nicht echt. Er hat vorgetäuscht. Er hat die Tat nicht begangen. Schreckschußpistole, Placebospritze, Pustekuchen.

„Bullshit...“, werdet ihr ungläubig murmeln. Aber abgesehen von dem Fall, dass eindeutig identifizierbares Ejakulat (in euch oder eurer unmittelbaren Umgebung) vorliegt – was genau macht euch so sicher? Im Zweifel für den Angeklagten.

Zumindest ist es nicht unwahrscheinlich, dass das so passiert ist. Und so gut wie ausgeschlossen, dass ihr noch nie getäuscht wurdet. Denn Männer täuschen vor. Regelmäßig und gut. Möglicherweise besser als Frauen. Und das hat mehrere Gründe. 

„Bisschen grunzen, bisschen verkrampfen – voilà“

Zum einen ist es verhältnismäßig leicht, einen männlichen Orgasmus vorzutäuschen. Im Wesentlichen muss man sich nur in ein Hybridwesen aus Wildsau und Kaninchen hineinversetzen, das grade eins von diesen Kopfmassagespinnendingern aufgesetzt bekommt. Bisschen grunzen, bisschen verkrampfen – voilà. Dazu kommt, dass das Klischee eben besagt, dass Männer immer kommen, weshalb schauspielerische Schwächen im Zweifelsfall kaum ins Gewicht fallen. Weil ja eh niemand damit rechnet.

Zum anderen ist es bei uns gerade wegen dieses irrigen Volksglaubens an ein einfach gestricktes, easy-to-please Pimmelwesen so essentiell, dass wir glaubhaft vortäuschen. Denn okay, meinetwegen sind manche Männer ein bisschen in ihrer Eitelkeit gekränkt, wenn die Frau nicht kommt. Aber es kommt einer Beleidigung aufs Blut gleich, wenn der Mann bei der Frau nicht kommt. Das ist schlichtweg nicht vorgesehen. Wir gehen jedenfalls davon aus, dass ihr davon ausgeht. Und deshalb, um euch diese (scheinbare) Schmach zu ersparen, können wir eine ziemliche Raffinesse entwickeln beim Vortäuschen. Und dabei gilt: Weniger ist mehr. Während eure Show mit Stöhnen, Miauen und Zittern tatsächlich manchmal unglaubhaft sein kann, reicht bei uns manchmal einfach schon die rausgepresste Ansage: „Ncht bwgn! Ich kmme!!! Ghmmmpf!!!!“.

Da ist dann natürlich noch die Sache mit dem lieben Samen. Aber selbst, wenn ohne Kondom die Nummer mit dem schnell rausziehen, abziehen, unbemerkt wegwerfen oder reinspucken wegfällt – es ist faszinierend, wie flexibel die Wahrnehmung ist. Denn auch wenn da nichts rausgekommen ist und dementsprechend bei euch nichts drin ist: Ihr seid oft einfach trotzdem eher bereit, das entweder zu ignorieren oder zu rationalisieren („Er hat heute wahrscheinlich schon masturbiert und dann kommt da ja nicht mehr viel“), als der Wahrheit ins Auge zu schauen.

„Und ja, enttarnt werden wäre furchtbar“

Warum kommt es überhaupt vor, dass wir nicht kommen? Zum einen, weil die männliche Sexualität und der Penis im Speziellen ganz einfach nicht die ungehobelten Klötze sind, für die sie oft gehalten werden. Sie sind verdammt empfindlich und reagieren auf verschiedene Faktoren, die nichts mit der Attraktivität der Partnerin oder des Partners zu tun haben: Die Konsistenz der Scheidenflüssigkeit, die Beschaffenheit der Vagina, die Dauer und Art der Reibung, die Zeit seit dem letzten Orgasmus, der Grad der Erschöpfung, der Grad der eigenen Betrunkenheit, ist man beschnitten oder nicht, etc. Aber ja, auch wenn das alles passt – wenn man nicht wirklich auf den anderen Menschen steht, hilft nichts. Dazu kommt, dass der Druck zu kommen auf uns eigentlich viel größer ist als auf euch, eben weil es so selbstverständlich scheint. Das kann einen schonmal blockieren.

Und, ob ihr es glaubt oder nicht: Wir wollen tatsächlich meistens, dass ihr echten Spaß habt und halten uns oft dafür extra zurück, bis ihr mit eurem Ding durch seid. Nur kann das ziemlich lange dauern und manchmal ziemlich ruppig von eurer Seite werden (Bitte nicht beim „Cowgirl“ so krass „gegen den Strich“ rutschen! Das tut weh!). Wenn ihr dann fertig seid und wir dann dran wären, ist einfach manchmal schon alles viel zu überreizt und nur noch unangenehm. Dann machen einige von uns halt einfach diese Wildsau-Kaninchen-Nummer, um das zu beenden.

Und ja, enttarnt werden wäre furchtbar. Ich kenne eine Geschichte, bei der ein Freund zwar nicht enttarnt wurde, aber es danach von sich aus zugegeben hat. War fast ein Trennungsgrund.

Also ja, liebe Mädchen, auch wir täuschen vor. Aber wie wär’s hiermit: Wir hören auf, wenn ihr aufhört. Deal?

Eure Jungs

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