Jungs, habt ihr Angst, alte weiße Männer zu werden?

Sie gelten für viele inzwischen als Feindbild. Wie fühlt sich das für euch an?
Von Sophie Aschenbrenner und Niko Kappel
jm frage alte weisse maenner

Foto: suschaa / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs, 

ich glaube, wirklich niemand will gerade ein alter weißer Mann sein – zumindest nicht das, wofür der Begriff steht. Der alte weiße Mann ist verkürzt gesagt die Inkarnation des ewig Gestrigen, das erklärte Feindbild vieler Feministinnen. Denn nur wegen seines Geschlechts und seiner Hautfarbe genießt er von Geburt an Privilegien, die andere nicht haben und die er auch nicht teilen möchte. Er steht für ein Patriarchat, das sich an den Bedürfnissen einer einzigen Gruppe orientiert und in dem Frauen, queere Menschen und People of Color weniger Macht haben. Lust, sich das einzugestehen, hat er aber wenig. Prominente Beispiele sind Donald Trump oder Horst Seehofer – Männer, mit denen sich wohl die wenigsten von euch identifizieren.

Man muss dazu natürlich einschieben: Zum alten weißen Mann macht einen vor allem die Einstellung. Es ist möglich, als 80-jähriger Greis für Frauenrechte zu kämpfen – oder mit 23 in jedem Gendersternchen einen Angriff auf unsere Gesellschaft zu sehen. Auch Frauen können zumindest ein kleines bisschen wie alte weiße Männer sein.

Rein von außen betrachtet werdet ihr irgendwann definitiv mal alte weiße Männer sein

Jetzt ist es ja so: Viele von euch Jungs bezeichnen sich selbst als Pro-Feministen und kämpfen zusammen mit uns dafür, dass das Patriarchat irgendwann mal endet. Ich kenne viele Männer, die für Frauen in Führungspositionen sind, sich gegen Sexismus einsetzen und ihre Sprache gendern. Die sich überhaupt nicht mit dem alten weißen Mann und allem, für was er steht, identifizieren. Und gerade ist das für euch ja auch noch einfach, euch zu distanzieren, ihr seid ja noch nicht alt.

Trotzdem werdet ihr, zumindest rein von außen betrachtet, irgendwann definitiv mal alte weiße Männer sein. Und wir fragen uns, wie sich das eigentlich anfühlt. Stresst euch das? Schaut ihr jetzt manchmal noch ein bisschen geschockter auf diesen einen komischen Onkel, der auf Familienfesten die immer gleichen grenzwertigen Sprüche raushaut, und hofft einfach inständig, dass ihr später niemals sowas sagen werdet wie „Lass den obersten Knopf von deiner Bluse ruhig offen, hast doch was herzuzeigen“? Seid ihr euch vielleicht eh ganz sicher, dass ihr niemals so werdet – dass ihr quasi coole alte weiße Männer werdet? Pro-feministische alte weiße Männer? Oder hofft ihr einfach, dass sich in 20 Jahren eh niemand mehr an den Begriff erinnert?  

Erzählt doch bitte mal.

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:  

Liebe Mädchen,

auch wir finden es sehr ermüdend, wenn sich alte weißer Männer in Talkshows angegriffen fühlen, weil sie als alte weiße Männer bezeichnet werden und dann beleidigt sind und das mit Diskriminierung verwechseln. Klar, wenn wir weiß und jung sind, werden wir auch irgendwann weiß und alt sein. Aber die allermeisten von uns haben gecheckt, dass der Begriff des alten weißen Mannes vor allem etwas mit der patriarchalen Einstellung zu tun hat und die Diskriminierungsdebatte darum eine Scheindebatte ist, die vom wahren Problem ablenkt: dem Gender Gap.

Deshalb glaube ich persönlich, dass wir weißen Männer diesen Begriff aushalten müssen. Denn er steht für etwas, was richtig ist und was man beim Namen nennen muss, um es abzuschaffen: den gesellschaftlich dominanten Mann der letzten Jahrhunderte. Trotzdem macht es natürlich was mit uns, dass der alte weiße Mann zum Inbegriff von  Konservatismus und Antifeminismus geworden sind. Denn, wie ihr schon sagt, da ist die Biologie unerbittlich: Wir werden irgendwann, zumindest äußerlich, alte weiße Männer sein. 

Das stresst zumindest diejenigen von uns, die profeministische Ansichten haben. Werden wir die auch noch haben, wenn wir älter sind? Machen wir uns dann noch die Mühe, unsere Sprache zu gendern, oder sind wir irgendwann wir zu bequem dafür? Jetzt sind wir uns noch sehr sicher, dass wir unsere Prinzipien nie ändern werden. Aber wer weiß schon, was in zwanzig Jahren sein wird. Also ja: Wir haben Angst davor, irgendwann auch alte weiße Männer zu werden.

Wir widersprechen älteren Verwandten schneller, wenn sie sich diskriminierend äußern

 

Das Gute ist, dass wir aktiv etwas dagegen tun können. Die Debatte um alte weiße Männer hat uns sensibilisiert. Wir hören genauer hin, wenn jemand einen Witz auf Kosten von Frauen macht und hinterfragen diesen Witz viel mehr als früher. Wir widersprechen älteren Verwandten schneller, wenn sie sich diskriminierend äußern. Und auch uns selbst hinterfragen wir mehr. Muss dieser Spruch wirklich sein? Und wann sollte man als Mann in einer Diskussion auch einfach mal die Klappe halten?

Ich denke, dass der Begriff des alten weißen Mannes für viele junge weiße Männer eine Chance ist. Wir können es besser machen als die jetzige Generation. Wenn wir mal alte weiße Männer sind, dann haben wir hoffentlich unser Leben lang dazu beigetragen, dass dieser Begriff ausgedient hat, indem wir unseren Mund aufgemacht haben, wenn jemand eine Kollegin „ermutigt“ hat, ihre Bluse noch ein Knöpfchen weiter aufzumachen oder wenn eine Frau in einer Führungsposition nicht ernst genommen worden ist, nur weil sie eine Frau ist. Wir sollten von den alten weißen Männern lernen, wie man es nicht macht. Dann hat dieser Begriff seinen Wert erfüllt.

Eure Jungs

 

jm frage alte weisse maenner
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