Jungs, woher der Hass auf die Frauenquote?

Selbst die Feministen unter euch scheinen ein Problem damit zu haben.
Von Charlotte Haunhorst und Quentin Lichtblau

Bildrechte: Männer Ähm, Helior / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

Meistens haben wir ja das Gefühl, dass wir ganz vernünftig mit euch reden können. Ein Großteil von euch hat verstanden, dass Frauen mehr sind als wandelnde Brüste und eine Vagina, aus der man maximal häufig Kinder rauspressen sollte. Die wenigsten von euch behaupten, Frauen sollten nicht wählen dürfen, gehörten hinter den Herd oder seien gar dümmer als Männer. 28,1 Prozent der deutschen Männer bezeichneten sich 2017 sogar als Feminist. Das sind zwar noch zu wenige, aber ich würde behaupten, die Mehrzahl der Jungs, mit denen ich so täglich zu tun habe, zählt dazu.

Umso mehr erstaunt es mich, dass es auch unter euch modernen, linksliberalen Männern ein Thema gibt, bei dem ihr von einer auf die anderen Sekunde eine massive Wesensveränderung durchlebt. Ich spreche von der Frauenquote - die macht viele von euch nämlich urplötzlich zu FDP- oder gar AfD-Sympathisanten.  Und oft, wenn ich mit euch über dieses Thema spreche, bekomme ich sehr starke Zweifel, ob ihr das mit den dummen Frauen, die primär Kinder werfen und sonst die Klappe halten sollen, insgeheim nicht doch viel stärker verinnerlicht habt, als wir Mädchen so denken. Bei diesem Thema fallen nämlich auf einmal Argumente von euch wie:

  • „Eine Frauenquote befördert unfähige Frauen in Führungspositionen – das muss verhindert werden!“ (Unfähige Männer werden doch derzeit auch befördert, warum nicht Frauen?)
  • „Eine Frauenquote widerspricht dem Leistungsprinzip“ (Tut es das nicht auch, wenn qualifizierte Frauen aufgrund ihrer Vagina einen guten Job nicht bekommen?)
  • „Erst kommt die Frauenquote und dann eine Quote für objektophile Linkshänder und jede andere Minderheit“ (Muhahaha, guter Witz, aber mal seriously – Frauen sind mit 50 Prozent Anteil in der Gesellschaft einfach keine Minderheit?)

Tatsächlich bin ich eigentlich bereit, mit euch auch auf dieser Ebene zu diskutieren. Denn: Ich finde es völlig okay gegen eine Quote zu sein. Man darf auch Frauenfußball langweilig finden und Feinstaub besser als ein Tempolimit, das ist Meinungsfreiheit, Baby. Mich stört nur die Art, wie ihr über das Thema Frauenquote sprecht. Nämlich nur in Extremen. Entweder werdet ihr schockierend emotional und dabei irrational, was man ja sonst so gern uns Frauen vorwirft.

Wovor habt ihr Angst, wenn wir über eine Quote diskutieren?

Für das Thema gibt es dann von euch nur totalen Hass, die Frauenquote ist mindestens der Untergang des Abendlandes, wenn nicht sogar der ganzen Welt, kein Mann bekommt mehr einen Job und wenn, dann nur einen, in dem er die Stiefel einer Frau ablecken muss.

Und das kommt dann von Männern, die man bis eben eigentlich noch für total pro Gleichberechtigung hielt. Klar, manchmal trifft man auch das Gegenteil, den unterwürfigen Unterstützer, der sich für seine männlichen Privilegien geißelt – aber wirklich sehr selten. Und was eben völlig ausbleibt, ist das Achselzucken – egal ist euch das Thema nie.

Was mich zu der ganz billig küchenpsychologischen Frage führt, bei der ich euch ganz tief in die Augen schaue: Jungs, woher kommt auf einmal diese Emotionalität? Wovor habt ihr Angst, wenn wir über eine Quote diskutieren? Sind diese Ängste für euch real? Seht ihr euch wirklich als Opfer? Oder werten wir eure krassen Reaktionen bei dem Thema völlig falsch und eigentlich seid ihr total cool mit der Quote?

Also Jungs, erzählt doch mal: Woher der Hass auf die Frauenquote?

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

zur Beantwortung eurer Frage muss ich hier eigentlich ganz schnell vom „Wir“ aufs „Ich“ springen, denn die Frage „Woher der Hass auf die Frauenquote?” stellvertretend für alle Männer zu beantworten, erscheint mir ziemlich unmöglich. Aber gut, ich versuche es und will hier mal voranstellen, dass ich die im Folgenden beschriebenen Positionen selbst nicht alle teile.

Da wäre zunächst einmal die Annahme, dass die „modernen, linksliberalen Männer” in eurem Umfeld ja prinzipiell total feministisch sind. Surprise: Sind sie nicht. Oder noch nicht. Glaube ich zumindest. Jedenfalls nicht bei den „harten” Themen wie Beruf, Karriere und der Vorstellung eines erfolgreichen Lebens. Werte finden wir oft nur gut, so lange wir sie anderen vorhalten können, sie unser eigenes Verhalten aber nicht infrage stellen.

Und gerade das Berufsleben ist eben tendenziell ziemlich wertbefreit: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Arbeitswelt radikal entsolidarisiert worden. Wir haben gelernt, dass man sich durchbeißen muss, um erfolgreich zu sein, mit ausgefahrenen Ellbogen, kühl, berechnend, skrupellos, hochstaplerisch.

„Gesetze für Unternehmen? Das ist doch der erste Schritt in den Stalinismus“

Außerdem wurde uns beigebracht, dass wir als Individuen etwas ganz Besonderes sind: Mit außergewöhnlichen Talenten ausgestattet, einzigartig, besser als alle anderen. Wir müssen unsere Fähigkeiten nur mit maximalem Ehrgeiz einsetzen und die Leute über uns dazu bringen, uns zu (be)fördern. Gewerkschaft, was war das nochmal? Betriebsrat? Irgendwie eine nette Sache, aber hat irgendwer Zeit für sowas? Zusammenhalt der MitarbeiterInnen innerhalb eines Unternehmens? Von mir aus, aber nicht auf Kosten des Workflow. Nach oben geht es im Berufsleben nicht mit, sondern gegen die Kollegen. Und Kolleginnen.

In diese vorherrschende Denke platzt nun die Frauenquote. Und genau hier zeigt sich, dass das Wort „linksliberal“ eben manchmal auch ein bisschen paradox ist: Ich bin ja schon irgendwie links, aber hey – nicht zu krass bitte! Bisschen netter zur Freundin sein und feministische Werbung abfeiern – schön und gut. Dieser Gillette-Spot war echt total wow! Aber Gesetze für Unternehmen? Das ist der erste Schritt in den Stalinismus, geht viel zu weit, wird schon von selbst besser, es denken ja bestimmt bald alle so toll progressiv wie wir.

Der erste Grund für die Abneigung gegenüber der Frauenquote ist also quasi ein ideologischer: Eingriffe in die Wirtschaft sind doof, weil das Gegenteil von liberal. Die unsichtbare Hand kriegt das schon hin, Anreize statt Vorschriften... und so weiter, ihr kennt das.

Der zweite Grund entsteht aus der gleichen Denke, es geht aber mehr um unsere eigenen Ängste. Wie schon erwähnt ist der Arbeitsplatz kein Ort für Zusammenhalt, sondern für Einzelkämpfer. Mit Maßnahmen wie der Quote dämmert uns, dass zur Schaffung einer gleichberechtigten Arbeitswelt wohl auch ein paar von uns auf der Strecke bleiben werden – verglichen mit dem, was uns die Männer in den Chefetagen als perfekte Karriere vorgelebt haben.

„Wie misst man bitte 'Qualifikation', zum Beispiel in kreativen Berufen?“

Wenn Frauen künftig stärker mit uns um Stellen konkurrieren, bedeutet das für viele Männer einen subjektiven Nachteil: Wir haben mit einer Konkurrenz zu kämpfen, die es vorher schlicht nicht gab. Dass es den wenigsten Unternehmen an fähigen Frauen mangelt, ist uns bewusst, aber steigert unsere Angst eher.

Wenn da steht, dass Frauen nur „bei gleicher Qualifikation“ bevorzugt werden, ist das dann nicht eher ein Lippenbekenntnis? Wie misst man bitte „Qualifikation“, zum Beispiel in kreativen Berufen? Könnte hier eine übereifrige Personalpolitik dazu führen, dass irgendeine mitteltalentierte Frau mir den Job vor der Nase wegschnappt? Auf der Suche nach Erklärungen für Misserfolge ist die Quote ein dankbarer Sündenbock.

Ich glaube, dass viele Männer sich deswegen insgeheim ärgern, dass gerade sie in eine Zeit hineingeboren sind, in denen sie sich hinterfragen und Privilegien abgeben müssen. Dass sich das auf lange Sicht positiv auf Gesellschaft und Arbeitswelt auswirken könnte, ist in dieser Weltsicht erst mal egal. Viele verarbeiten dieses Unbehagen in Hass und Panik vor den kastrierenden „Feminazis“. Andere sind da konstruktiver und stellen Fragen – und das sollte, wie du ja selbst sagst, möglich und erwünscht sein. Nicht jede Gegenrede muss man unter „Hass“ einsortieren.

Besser wäre es stattdessen, nicht nur über das vermeintliche Allheilmittel Quote selbst, sondern auch darüber hinaus zu diskutieren, wie Gleichberechtigung und Arbeit in Zukunft zusammengehen könnten – und wie alle davon profitieren.  Es fehlt in der Debatte noch an positiven Aussichten für Männer. Ein Leben in unterwürfiger Selbstgeißelung (von der du ja auch etwas irritiert sprichst) ist nicht gerade die attraktivste Utopie. Wie wäre es denn zum Beispiel, wenn wir dank Gleichberechtigung alle weniger arbeiten müssten?

Eure Jungs

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