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Haben Männer immer noch ein Problem damit, wenn ihre Partnerinnen ihnen wegjoggen oder vielleicht mehr heben können? 

Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Jungs,



wenn es um Sport geht, sind wir rein physisch gesehen erst mal im Nachteil: Wir sind im Schnitt zierlicher und leichter als ihr, haben kürzere Arme und Beine, unser Herz ist kleiner und unsere Lungen fassen weniger Luft. Ihr produziert viel mehr Testosteron. Das Hormon hilft euch, Muskeln aufzubauen, während unser Körper von Natur aus eher dazu neigt, Fettdepots anzulegen. Deswegen habt ihr oft mehr Kraft, es fällt euch leichter, schnell zu rennen oder weit zu springen.

Das war schon in der Schule Thema, als für euch bei den Bundesjugendspielen andere Bewertungsmaßstäbe galten als für uns. Wir durften für die gleiche Punktzahl ein bisschen langsamer laufen. Im Spitzensport ist das auch so: Egal ob beim Werfen, Schwimmen oder Gewichtheben – Männer müssen meist höhere Anforderungen erfüllen, um einen Titel zu gewinnen. Einfach, weil dabei mit dem männlichen Körper überhaupt erst bessere Ergebnisse zu erzielen sind.

Eine Freundin von mir war früher oft mit ihrem Freund joggen. Am Anfang hatte sie Angst, dass er ihr davonrennt. Dann merkte sie: Die Kondition der beiden war etwa auf dem gleichen Level. Im letzten Jahr begann sie auch alleine zu trainieren. Wenn die beiden heute ab und zu zusammen eine Runde drehen, ist er wesentlich schneller außer Atem. Er findet das nicht so gut. Sie schon.

Deswegen, liebe Jungs: Stört es euch, wenn Frauen sportlicher sind als ihr? Vor allem Frauen, mit denen ihr euch direkt vergleichen könnt, zum Beispiel eure Freundin? Es geht hier nicht um riesige Muskelberge. Aber wie findet ihr das, wenn eure Freundin im Sportkurs mehr Liegestütze hinbekommt als ihr? Wenn sie euch beim Joggen davonläuft? Oder sich unter ihrem T-Shirt ein Sixpack abzeichnet, es bei euch dagegen eher Richtung Wampe geht?

Fühlt ihr euch dann irgendwie unmännlich, weil die Natur das doch anders geplant hat? Kränkt euch das? Stachelt euch das an? Oder ist euch das ziemlich egal?

Eure Mädchen

Jungs-Antwort

Liebe Mädchen,

natürlich gibt es das gesellschaftlich weiterhin vorherrschende Bild des starken, bzw. eben in diesem Fall, stärkeren Mannes. Und klar, gewissermaßen hat das auch einen Effekt auf uns, manche setzt es nach wie vor unter Druck. Aber der ist – zumindest in meiner Wahrnehmung – dankenswerterweise eher begrenzt. Wenn die eigene Freundin einen beim Wett-Liegestütze-Machen schlägt, kann das schon mal einen gewissen Motivationskick geben. Aber: Beschämt unter Tränen davonjoggen wird der Großteil von uns deswegen nicht. Hoffe ich zumindest.

Wir sind deshalb ziemlich überrascht, von euch das meist eher von Altherrenseite vorgebrachte Argument zu hören, dass die Natur irgendwelche Dinge für die jeweiligen Geschlechter „geplant“ hätte. Denn die Entwicklung des menschlichen Körpers im Laufe der Jahrtausende ist schließlich nicht starr und „geplant“, sondern flexibel. Es folgt ein kleiner Mansplaining-Exkurs, aber gut, ihr habt ja auch gefragt:

Unser Kraftvorsprung erklärt sich zuerst mal an einer Konstante, die relativ unflexibel ist: Im Gegensatz zu eurem stellt sich unser Körper nicht irgendwann auf Reproduktion ein. Soll heißen: Wo biologische Frauen in der Pubertät Fettgewebe aufbauen, bekommen Männer Muskeln. Eine Frau, die ein Kind austragen oder ernähren muss, hat sehr wenig von nährstoffarmen Muskelbergen. Unser „Kraftvorsprung“ resultiert also zu einem großen Teil aus der Tatsache, dass wir keine Kinder kriegen müssen, was – mal so nebenbei – so ziemlich die anspruchsvollste Aufgabe ist, die ein menschlicher Körper stemmen kann.

Ob wir stark sind, oder nicht, ist heute rein überlebenstechnisch egal

Die Körperkraft der Frau war aber auch schon einmal größer: Laut neuen Erkenntnissen waren Frauen zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit wesentlich stärker als heute. Auch stärker als der heutige Durchschnittsmann – weil sie damals einfach noch mehr körperliche Arbeit leisten mussten. Und auch die männlichen Kräfte variierten je nach dem, wie viel der Mann zum Überleben brauchte.

Ob wir stark sind, oder nicht, ist heute ja aber rein überlebenstechnisch egal, zumindest, wenn wir nicht in einer der letzten verbliebenen Branchen arbeiten, in der Muskelkraft noch nicht durch Maschinen ersetzt wurde. Natürlich kann jeder so viel pumpen gehen, wie er mag, wenn er sich dadurch männlicher, besser, gesünder oder sonstwas fühlt. Aber die nach körperlicher Kraft sortierte Aufgabenteilung wird früher oder später nunmal hinfällig sein. Und – surprise – das ist eine gute Nachricht!

Wie gesagt: Natürlich halten viele am Idealbild des stärkeren, männlichen Geschlechts fest, und zwar bestimmt nicht nur Männer. Und vielleicht würden sich manche von uns lieber bei der Jagd von einem Mammut zertreten lassen, als in der heutigen, für Männer ach so komplizierten Zeit von einer Frau physisch übertrumpft zu werden.

Aber rein anpassungsmäßig ist eine solche Denke unsinnig. Deswegen sollten wir uns davon auch nicht von irgendeiner Natur oder steinzeitlichen Idealen unter Druck setzen lassen, auch und gerade nicht durch die Vorstellung einer stärkeren Frau.

Später Joggen?

Eure Jungs

Mädchenfragen gibt es jetzt auch zum Anhören: