Jungs, trinkt ihr so viel Bier, um männlicher zu wirken?

Warum nicht auch mal einen lustigen Cocktail mit Schirmchen?
Von Magdalena Pulz und Niko Kappel

Foto: unsplash/Fabio Alves Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs, 

ihr mögt Bier. Quer durch alle Altersstufen, durch sämtliche Milieus, durch alle Musikgeschmäcker. Die Schlager-Liebhaber schunkeln zu Paul Kuhns „Es gibt kein Bier auf Hawaii, drum bleib ich hier“ und die Punks grölen mit den Kassierern: „Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist.“ Der Hopfensmoothie ist eine Obsession des männlichen Geschlechts, größer noch als Fußball. Eine Liebe, stärker als die zu Bratwürsten. Und das ist mir ein Rätsel. 

Sicher, Bier ist billig, kommt (in allen vernünftigen Regionen Deutschlands) in großen Gläsern und passt zu verschiedenen Gerichten. Dennoch. Dieser ganze Hype um ein Getränk, das bestimmt nicht mies ist, aber geschmacklich doch seine Limitationen hat, verwirrt mich. Und Bier ist ja auch nicht die einzige Option auf dem Markt. Warum nach dem Training nicht mal einen lustigen Cocktail mit Schirmchen bestellen, oder einen Cosmopolitan in der Nachmittagssonne schlürfen? Da fällt einem doch auch nicht gleich der Penis ab.

„Bei Bier, da seid ihr euch immerhin noch einig“

Dennoch scheint Bier für Männer das flüssige Equivalent zu Jeans und T-shirt zu sein: solide, praktisch, unkreativ. Die einfache Antwort auf alles: Feierabend – Bier. Einstieg in eine wilde Nacht – Bier. Mittagessen – Bier. Bergtour – Bier. Dem Opa im Garten helfen – Bier. Es ist der große Gleichmacher, das eine verbindende Element unserer komplexen Gesellschaft. Ihr wisst vielleicht nicht, wo die anderen bei Themen wie Feminismus und Klimakrise stehen: Aber bei Bier, da seid ihr euch immerhin noch einig. 

Während ich mir jetzt einen Bourbon, einen Scotch und ein Bier eingieße, hoffe ich auf eine Antwort: Woher kommt diese Bier-Obsession? Seid ihr einfach zu unkreativ, um euch ein anderes Lieblingsgetränk auszudenken? Oder ist das Leben so schon zu kompliziert, dann sollte wenigstens die Getränkewahl einfach sein? Kommt ihr euch albern vor, wenn ihr einen Aperol Spritz bestellt, und wenn ja, vor wem? Bedeutet Bier für euch Männlichkeit? So unsicher und primitiv könnt ihr doch nicht wirklich sein. Oder seid ihr einfach viel vernünftiger als wir Frauen und wollt keinen Weinkater?

In gespannter Erwartung,

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

Ja, wir mögen Bier! Das Bier, ihr habt Recht, ist wohl der kleinste Nenner bei zwischenmenschlichem Kontakt unter Männern. Selbst, wenn man absolut nichts gemeinsam hat (nicht einmal Fußball!), selbst wenn jedes Gespräch nur anstrengend und die Interessen des Gegenüber noch so konträr sind, – auf ein Bierchen kann man sich doch mit fast allen Männern einigen. Und das funktioniert, weil den meisten von uns Bier einfach gut schmeckt. Das war aber, wie vermutlich bei euch auch, nicht immer so.

Die meisten Jungs haben wohl zum ersten Mal ein Bier getrunken, um cool zu sein. Cool ist Bier für unsere jüngeren Ichs gewesen, weil es vor allem die Älteren trinken. Der große Bruder, Rockstars, Schauspieler oder die älteren Jungs zwei Klassen über uns: Alle Männer, zu denen wir als Jungs aufschauten, tranken Bier und dann wollten wir das halt auch. Natürlich haben wir es dann, obwohl gesetzlich dazu noch nicht befugt, hinter einem Supermarkt und sicher mit einer grauenvolle Sorte Bier, auch mal probiert. Und natürlich hat es ziemlich scheiße geschmeckt.

„Bier ist einfach und deshalb mögen wir es“

Bier muss man sich schön trinken. So wie Café, Wein oder Rharbarber-Schorle. Man könnte es ja auch einfach lassen, wenn es einem nicht schmeckt, aber im Gegensatz zur Rharbarber-Schorle, war das nicht so einfach. Weil wir ja cool sein wollten. Denn wie Bier für uns heute einer der kleinsten Nenner für zwischenmenschlichen Kontakt ist, so war es in unserer Jugend einer der kleinsten erkennbaren Nenner für Männlichkeit. Jungs, die schon viel Bier trinken konnten, fanden alle cool. Jungs, die kein Bier trinken wollten, wurden mit homophoben Beleidigungen beschimpft, die ich wirklich nicht nochmal wiedergeben möchte.

Also ja: Bier hieß für uns früher vor allem Erwachsensein und Männlichkeit. Heute ist das ein bisschen anders. Über etliche Abende in stinkigen Kellern mit klebrigen Kaktus-Feige-Bier-Mixen, haben wir uns reingetrunken in die Bars und langsam angenähert an die Halbe, wie sie heute vor uns steht. Mittlerweile mögen wir Bier. Dieser Satz aus eurer Frage trifft es ziemlich gut: “Das Leben ist so kompliziert, da sollte wenigstens die Getränkewahl einfach sein.” Bier ist einfach und deshalb mögen wir es. Es passt, wie ihr schon sagtet, zu fast jedem Essen und zu jeder Lebenssituation. Man kann mit Bier entspannen, feiern, bei Opa Rasen mähen und wandern gehen. Und das ist doch cool, oder? Zumindest dann, wenn wir gecheckt haben, dass Bier zu trinken nicht gleich Männlichkeit bedeutet.

Denn auch, wenn viele Jungs Bier geil finden, wäre da eine Sache noch wichtig: Wir alle sollten verdammt nochmal das trinken, worauf wir gerade Lust haben. Geschlechterklischees sind beschissen und müssen überwunden werden. Weg mit den Männer- oder Frauengetränken. Ein Typ soll sich gefälligst einen Hugo nach dem anderen reinknallen dürfen und eine Frau sollte, wenn sie dazu Lust hat, nach der fünften Halben den Krug auf den Tisch hauen und kräftig rülpsen. Und wenn irgendjemand das nicht passt, dann sollten wir gefälligst ausrasten und diesen jemand als das bezeichnen, was er oder sie ist: Ein Depp, der auch im Jahr 2019 noch nicht weiß, dass unser Geschlecht scheißegal ist, wenn es darum geht, was wir gerne trinken möchten.

Eure Jungs

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