Geht man in ranzige Eckkneipen, um sich selbst besser zu fühlen?

Unsere Autor*innen sehen das sehr unterschiedlich.
Von Berit Dießelkämper und Raphael Weiss

Illustration: Federico Delfrati

Berit findet Eckkneipen nicht cool oder kultig, sondern einfach nur anstrengend: 

Ich hatte mal einen guten Freund, der bekam regelmäßig Besuch von „zu Hause“. Die Freunde von ihm sahen alle sehr gleich aus, unterschieden sich nur in ihrer Größe und waren wohl das, was man als „Hipster“ bezeichnen würde. Fester Programmpunkt dieser Aufenthalte war ohne Ausnahme jedes Mal ein Abend in der alten Eckkneipe in unserem Viertel. Von dem Freund als „mega Lokalkolorit, total authentisch“ angepriesen, ging ich einmal mit. Das lief dann so: Wir gingen rein, es war stickig, dunkel und voll – so weit, so normal –, aber alle, die dort bereits saßen, starrten uns an. Sie wussten, was mir bis dahin nicht klar gewesen war: Wir gehörten dort nicht hin. Der Kellner ignorierte uns erst sehr lange und stellte dann jedem von uns ein lokales Bier hin – wir hatten keines davon bestellt, aber ganz offensichtlich lief das hier so. Wir hatten mit den Jacken auch unseren Status als autonome Personen abgelegt.

„Eckkneipen sind die Festung der Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Menschen“

Zu essen gab es Fleisch, aber ansonsten nicht viel. Das „Gemüse“ dazu war ein Haufen Zwiebeln – und spätestens dann war auch klar: Die anfängliche Hoffnung, diese Kneipe könnte als Flirt-Sprungbrett dienen, jemanden zum Abschleppen bereitstellen oder eventuell auch nur ein wenig Knutschen ermöglichen, hatte sich erledigt. Schade. Und während in meinem Kopf ein Shitstorm losbrach („Frechheit“, „Sevicewüste-Deutschland“, „Anzeige ist raus“) feierten die Anderen das Ganze total ab. Es fielen Wörter wie „kultig“, „urig“, „legendär“ und bei Gelegenheit sogar ein ehrfurchtsvolles „eine Institution“.

Und das verstehe ich einfach nicht. Was ist an der runtergerockten Eckkneipe so toll? Dort, wo alles, was an den Wänden hängt, auf und unter dem Tresen klebt, nicht nur eine ästhetische Herausforderung, sondern auch gesundheitlich besorgniserregend ist? Warum lässt man sich freiwillig schlecht behandeln und findet das dann auch noch so richtig gut? An einem Ort, an dem nichts passiert. Keine Musik, kein Tanz, keine Flirtoptionen. Noch schlimmer als die Kneipe an sich ist eigentlich nur das Abgekulte der Menschen, die dort tagein, tagaus hocken. Das ist ein bisschen wie Katastrophentourismus oder eben das Assi-TV der „Ne, also ich hab ja gar keinen Fernseher mehr“-Generation.

„Der Besuch ist ein kurzer Moment der Selbstinventur: Bei mir alles okay, keine Panik“

Und da vermute ich auch den wahren Grund des Eckkneipen-Hypes unter jungen Menschen. Der Besuch dort ist wie eine Abschreckungsexkursionen. Ein kurzer Moment der Selbstinventur: Bei mir ist alles okay, keine Panik, alles halb so wild. Semesterbeitragsstatus? Leihfristende? Bafög-Rückzahlungen? Nein, HIER sitzen die wirklichen Probleme. Hier würde es hingehen, wenn du das mit dem Trainingsplan wieder einbrechen lässt, den Dauerauftrag nicht einrichtest und die Teppichfransen nicht bürstest.

Nun könnte man sich generell ja auch darüber freuen, dass Eckkneipen gerade bei jungen, hippen Menschen wieder in sind. Wegen des Traditionserhalts, oder der sozialen Durchmischung – ein Beitrag zur Völkerverständigung sozusagen, damit die Gesellschaft, wie es ja andauern heißt, sich nicht noch mehr spaltet. Das wird allerdings nichts, solange diese Kneipen auch die Orte sind, an denen immer noch so richtig über alles, was nicht Lokalkolorit ist, gelästert wird – die letzte Festung der Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Menschen. Und ganz abgesehen davon: Sollte es einem wirklich mal nach schlechtem Service in stickiger Umgebung mit viel Pöbelei gelüsten, dann kann man auch eine Fernreise mit der Bahn unternehmen.

Raphael mag Eckkneipen und sagt, dort werde auf niemanden herabgeblickt – sondern viel mehr wieder eingeordnet:

Einfach mal spontan ein Bier trinken. In München. Mit sechs, sieben Leuten. Möglichst in der Innenstadt. An einem Wochenende sind das die Zutaten, aus denen ein gescheiterter Abend gemacht ist. Denn es folgt: ein stundenlanger Irrweg durch das Glockenbachviertel. Jede Bar ist bis in den letzten Winkel vollgepackt mit Leuten, die genau denselben Plan hatten. Sitzplätze kann man eh vergessen. Wenn man Glück hat, findet man irgendwo noch einen Quadratmeter Platz, wo man bei indirektem Neonlicht, irgendwelche krass überteuerten Gimlets trinken und ironisch zu 2010er Indie-Songs mitwippen kann. Unterhalten geht nicht, weil es einfach zu laut ist. Ooooooooder: Man geht in eine Eckkneipe. Denn da ist immer Platz. Für jeden. Egal, wie viele Freunde er mitbringt.

„Du musst dir Vertrauen und Zuneigung verdienen, wie im echten Leben“

Klar, auf den ersten Blick wirkt so eine Kneipe wenig einladend. Verschmierte Fenster, die mit Novoline-Werbung zutapeziert sind, aus der tz ausgeschnittene Mannschaftsaufstellung von 1860 oder dem FC Bayern (niemals von beiden Vereinen), Wände, denen man ansieht, dass sie lange vor dem Rauchverbot zum letzten Mal gestrichen wurden und Köpfe, die zu Wolfgang Petry nicken, unironisch.

Wenn du den Raum betrittst, blickt dir oft ein ordentliche Portion Skepsis entgegen. Du gehörst hier nicht her, sagen argwöhnische Augen – und das tust du auch nicht. Zumindest erstmal. Die Bedienung schaut dich beim Bestellen nicht an, pfeffert dir das Bier hin und du fragst dich, warum jeder Tisch Nüsschen bekommt, nur deiner nicht. Aber das ändert sich. Du musst dir Vertrauen und Zuneigung verdienen, wie im echten Leben. Nachdem du das dritte Mal da warst, schauen dich die Augen weniger skeptisch an, nach dem vierten Mal bekommst du ein Nicken von den Trinker*innen in der Ecke, nach dem fünften Mal ein Lächeln der Bedienung und endlich ein Glas mit staubtrockenen Salzstangen. Du hast es geschafft. Probezeit bestanden. Du bist akzeptiert und von nun an freuen sich die Leute und die Wirt*in tatsächlich, dass du kommst und das ist so viel mehr wert als diese nervige, gespielte Starbucks-Freundlichkeit aus der Szenebar.

Wenn du in die coole Kneipe gehst, wirst du ständig beobachtet, abgecheckt, eingeschätzt. Und selber macht man das gleiche. Wer ist cool, wer nicht, wer hat was richtig weirdes an, wer ist so ein typischer Start-up-Kokser. In der Eckkneipe musst du nicht wirken. Hier kannst du dich auskotzen, laut diskutieren, deinen Liebeskummer wegheulen, vollkommen ungeniert im Selbstmitleid zergehen und dafür bekommst sogar Schnaps aufs Haus, weil man weiß ja, wie es halt manchmal so spielt, das Leben. Hast du schon mal in einer überfüllten Bar in zu teuren Kardamom-Gin-Tonic geheult und in deinem Selbstmitleid gebadet? Sicher nicht.

„Ein Ort, wo der Kurze so brennt, dass er für einen Moment den Schmerz in deinem Herz vergessen lässt“

Und nein: Eckkneipen sind auch kein Ort, wo man hingeht, um sich Leute wie im Assi-TV anzuschauen. Man blickt auf niemanden herab, oder fühlt sich groß, viel mehr wird man wieder eingenordet. Denn es ist jedem vollkommen egal, wie du aussiehst, wie viel du verdienst und mit wem du auf der letzten Party abgehangen hast. Für solche Angeber-Anekdoten bekommst keine Bewunderung, sondern im besten Fall eine pointierte Beleidigung.

Und um jetzt ganz groß zu werden: Die kleine Spelunke an der Ecke ist das letzte Bollwerk gegen die Gentrifizierung. Ein Kleinod, das eine andere Lebensrealität widerspiegelt. Eine Realität, die immer in der Gefahr ist, verdrängt zu werden, weil mit der anderen mehr Geld verdient werden kann. Sie sind ein Ort, wo der Kurze so brennt, dass er für einen Moment den Schmerz in deinem Herz vergessen lässt. Wo man mit leerem Blick in sein Glas schauen oder laut über Politik diskutieren kann. Oder wo man hingeht, wenn man spontan mit Freunden was trinken gehen will.

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