Jungs, warum wisst ihr so wenig über Geschlechtskrankheiten?

Oder tut ihr nur so, als hättet ihr keine Ahnung von HPV und Chlamydien?
Von Laura Hornberger und Maximilian Senff

Foto: Photocase/fotografix82 Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

Geschlechtskrankheiten sind kein schönes Thema, für niemanden. Trotzdem müssen wir uns als Mädchen oft schon vor dem ersten Sex damit auseinandersetzen. Stichworte: Vaginalpilz und Herpes. Es juckt, es brennt – es ist einfach super unangenehm. So unangenehm, dass wir uns zwangsweise darüber informieren müssen, was da los ist – und wie es wieder weggeht. Spätestens bei der ersten Beratung zu der HPV-Impfung lernen wir: Geschlechtskrankheiten können richtig übel enden. Zum Beispiel in Gebärmutterhalskrebs.

Ihr Jungs dagegen habt – so kommt uns das vor – oft wenig Ahnung von dem Thema. Normalerweise rede ich mit potentiellen Partnern gerne über alles, was mit Sex zu tun hat. Bei Geschlechtskrankheiten nervt das aber nur. Denn alles muss ich als Frau genau erklären: „Ja, Pilze und Herpes kommen bei Frauen super oft vor“, „Ja, ich hab heute schon geduscht, daran liegt es nicht“, „Ja, man kann es auch anders kriegen als durch Sex“, „Ja Jungs, ihr könnt euch anstecken. Meistens ist es aber andersrum“, ...

„Wenn du die Pille nimmst, können wir ja auch ohne Kondom Sex haben“

Ich bin es leid. Wisst ihr denn wirklich so wenig über Geschlechtskrankheiten? Wenn ja, was ist der Grund für eure Wissenslücke: schlichtes Desinteresse, solange euch das Thema nicht direkt betrifft? Wisst ihr nicht, dass ein bisschen Aufklärung euch guttun könnte? Es gibt schließlich Geschlechtskrankheiten, die aufgrund fehlender Symptome jahrelang unentdeckt bleiben.

Oft hören wir auch von euch: „Wenn du die Pille nimmst, können wir ja auch ohne Kondom Sex haben.“ Denkt ihr da gar nicht daran, dass ihr euch oder uns so auch anstecken könntet? Was passiert im Ernstfall? Wie findet ihr heraus, dass ihr infiziert seid? Wir Mädchen haben da ja jemanden, der uns untersucht – unseren Frauenarzt oder unsere Frauenärztin. Was meint ihr: Ist das der Grund, weshalb wir im Ernstfall in Whatsapp-Gruppen über die Symptome von Chlamydien, Tripper und HPV-Infektionen diskutieren, während sie für euch nicht mal offline eine Rolle spielen? Oder tun sie das wohl? Sind Geschlechtskrankheiten unter schwulen Jungs vielleicht sogar ein größeres Thema als für uns, weil sie als HIV-Risiko-Gruppe gelten?

Eure Mädchen

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

ihr habt Recht, Geschlechtskrankheiten sind nicht unser Lieblingsthema. Obwohl wir uns sonst mit den Themen um Körperlichkeit und Sexualität ziemlich gut auskennen, fehlt es uns hier irgendwie oft an Basiswissen. Der Vorschlag, auf das Kondom zu verzichten, geht deshalb wohl tatsächlich meistens von uns Jungs aus. Vielleicht hat das mit unserem persönlichen Erleben zu tun. Ihr wisst schon: Mehr Gefühl und so. Zu leichtsinnig sollten wir – und ihr – dabei aber nicht werden. Die steigenden Infiziertenzahlen zeigen: Wir müssen was ändern.

Eins müssen wir aber gleich mal klarstellen: Im Teeniealter, wenn ihr euch gegen HPV impfen lasst, setzen auch wir uns schon mit Geschlechtskrankheiten auseinander. Warzen, Wucherungen und Wunden sind in dem Alter bei uns aber eher ein Thema, wenn es um eklige Handybilder geht. Das ist natürlich nur ein Jungs-Gag, aber wir lernen auch dabei.

Oft sind Krankheitsverläufe bei euch deutlich schlimmer

Aber ihr fragt ja hauptsächlich, was für unser Nichtwissen in punkto Geschlechtskrankheiten – Achtung, Wortwitz – „Ausschlag-gebend“ ist? Bei uns spielen Geschlechtskrankheiten eben tatsächlich lange keine so große Rolle: Für euch gibt es mehr Situationen, in denen ihr euch untenrum mit etwas Unangenehmem anstecken könnt. Zum Beispiel im Schwimmbad: Schleimhäute und so. Oft sind die Krankheitsverläufe bei euch auch deutlich schlimmer. HP-Viren können wir natürlich auch haben, aber sie lösen bei uns nichts vergleichbar Schwerwiegendes aus wie Gebärmutterhalskrebs. Sind wir infiziert, fällt uns das meist nicht mal auf. Im blödesten Fall geben wir die Viren dann wieder an euch weiter. Ein ewiger Kreislauf, wenn keiner etwas dagegen tut.

Ihr geht ab einem gewissen Alter regelmäßig zum Gynäkologen. Spätestens da sollten Geschlechtskrankheiten also auffallen. Wir dagegen sind oft ziemlich ratlos. Dass es keinen Männerarzt gibt, ist echt ein Problem. Die Notwendigkeit, einen Urologen zu besuchen, wird uns oft erst im Alter bewusst – oder eben dann, wenn im Intimbereich irgendetwas nicht so ist wie gewohnt.

Wie ihr aber schon richtig bemerkt, sind nicht alle Jungs hetero. Homosexuelle Jungs zum Beispiel haben oft nochmal ein ganz anderes Bewusstsein für Geschlechtskrankheiten. Sie machen sich viel mehr Gedanken und kennen sich meist genauso gut mit Geschlechtskrankheiten aus wie ihr – wenn nicht sogar besser. Immerhin gelten sie ja selbst als Risikogruppe für HIV. Mit dieser Krankheit kennen wir uns aber tatsächlich fast alle ganz gut aus. Denn jahrelang hingen riesige Plakate mit bunten Kondomen und nach europäischer DIN-Norm gerade gewachsenen Gurken an etlichen Bushaltestellen und Pausenbrotständen im ganzen Land. Die haben auch wir gesehen. Der Fokus lag dabei immer auf HIV-Infektionen. Dass es die gibt, wurde uns und euch also ganz gut eingetrichtert. Und obwohl die Zahl der Infektionen mit Geschlechtskrankheiten steigt, geht die HIV-Rate seit Jahren kontinuierlich zurück.

Dass es genauso wichtig ist, andere Krankheiten zu behandeln, brüllte nur lange Zeit kein Plakat der BZGA mit Neonschrift in die Welt. Das hat die Bundeszentrale inzwischen gemerkt – und fragt auf den Plakaten mittlerweile auch, ob’s denn nicht irgendwo juckt. Vielleicht wird das in ein paar Jahren einen spürbaren Einfluss haben und auch andere Geschlechtskrankheiten in unser kollektives Bewusstsein rücken. Zu wünschen wäre es uns und euch!

Eure Jungs