Jungs, warum wollt ihr nichts von „Toxic Masculinity“ hören?

Wir haben nämlich das Gefühl, dass ihr bei dem Begriff sofort in eine Abwehrhaltung geht.
Von Sina Pousset und Niko Kappel

Foto: Photocase Bearbeitung: jetzt

Liebe Jungs,

Was Mannsein heißt, wollte euch ein Rasierklingenhersteller Anfang dieses Jahres in einem Werbespot erklären, der „Toxic Masculinity“ anprangert: Er zeigt Männer als Machos am Grill, die hilflos dreinblicken, während immer mehr #MeToo-Nachrichten aus dem Fernseher rieseln. Dem gegenüber stellte Gillette Bilder von „guten Männern“: den jungen Vater, der mit seiner kleinen Tochter Motivationssprüche aufsagt, den Typen, der bei einem Streit unter Männern schlichtend dazwischen geht. Voilà, Shitstorm: Für den Spot gab es doppelt so viele Daumen runter wie hoch – vor allem von Männern. Vielen war der Inhalt zu plakativ, vor allem schienen euch aber die Worte „Toxic Masculinity“ zu stören.

Dass der Begriff, der ursprünglich aus der Soziologie der frühen 2000er stammt, ein bisschen fies klingt und gerade zum Modewort wird: geschenkt. Dass der Wandel eines Rasiererherstellers zum feministischen Akteur etwas unvermittelt kommt, auch. Aber dass dahinter auch ein reales Problem steckt, nämlich die negativen Auswirkungen von stereotypem Mannsein (Mann gleich hetero, hart, alpha) auf euch und uns, hört ihr scheinbar nicht so gern.

„Toxische Männlichkeit“ ist keine feministische Verschwörungstheorie, sondern ein neuer Begriff für alte Verhaltensmuster

Selbst bei Diskussionen mit all den wunderbaren, schlauen und fortschrittlichen Männern in meinem Freundeskreis folgt auf den Begriff „Toxische Männlichkeit“ immer ein genervtes Seufzen. Digital passiert ähnliches unter Hashtags wie #NotAllMen. Ihr scheint große Angst davor zu haben, in einer negativen Schublade zu landen, einfach nur weil ihr Männer seid.

Dabei stört das Rumgehacke auf eurer kollektiven Boshaftigkeit auch uns gewaltig. Weil es unfair ist, ja. Aber auch, weil ihr dadurch mehr damit beschäftigt seid, für „die Männer“ zu argumentieren als für uns. Eure Genervtheit macht uns traurig. Denn sie verhindert die Gespräche, die wir dringend führen müssten – die, in denen es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungsansätze geht. Wir haben doch alle kapiert, dass es hilft, die Dinge zu benennen, die Sexismus eine Grundlage geben.

„Toxische Männlichkeit“ ist keine feministische Verschwörungstheorie, sondern ein neuer Begriff für alte Verhaltensmuster. Er beschreibt für mich auch eine männliche Herdenmentalität, die dafür sorgt, dass mir eine Gruppe von Männern öfter hinterher ruft als ein einzelner Mann. Dass sich Kollegen in gemischter Runde automatisch mehr mit Geschlechtsgenossen unterhalten, dass Männer sich „unter sich“ anders verhalten – kurz: dass Männlichkeit in der Gruppe unserer Gleichberechtigung im Weg steht. Und diese toxische Form der Männlichkeit hat noch eine ernstzunehmende Konsequenz: Die hohe Depressions- und Suizidrate unter Männern hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass stereotypes Mannsein heißt, keine Gefühle zu zeigen. Das findet ihr doch auch schlimm, oder? Warum seid ihr dann nicht genauso wütend wie wir?

Stört euch, dass wir Männlichkeit an sich anprangern? Müssen wir genauer werden? Oder findet ihr insgeheim einen Teil vom stereotypen Mannsein doch irgendwie gut? Was, wenn wir sagen: Toxisch, also schädlich, ist ein stereotypes Verhalten dann, wenn es uns und andere davon abhält, ihre Identität so zu leben, wie sie es wollen? Theoretisch können demnach auch stereotyp weibliche Attribute toxisch sein: Fürsorge etwa, wenn sie uns davon abhält, unseren Partner nach Elternzeit zu fragen.

Also, liebe Jungs: Findet ihr eure eigene Männlichkeit nun toxisch oder nicht? Und wenn ja: Warum wollt ihr nicht darüber reden?

Verwirrte Grüße

Eure Mädchen

 

Die Jungsantwort:

Liebe Mädchen,

erst einmal ist uns natürlich bewusst, dass der Begriff „Toxic Masculinity“ seine Daseinsberechtigung hat. Schließlich haben euch Angehörige unseres Geschlechts Jahrhunderte lang unterdrückt. Und das wirkt heute noch nach. Stereotypisiertes Mannsein ist ein Problem – für uns genauso wie für euch. Denn „Toxic Masculinity“ heißt für uns, dass wir nicht der Mann sein können, der wir vielleicht sein wollen, weil eben das „giftige“ Bild von Männlichkeit in unseren Köpfen steckt: Wir müssen stark sein, unemotional und von allem einen Plan haben. Für uns, die, wie ihr sie nennt, „guten“ Jungs, ist Männlichkeit dann giftig, wenn sie keine Individualität zulässt. Sich männlich fühlen sollte heißen, sich gut und wohl zu fühlen – nicht als unfehlbares, beherrschendes Alpha-Tier. Festgefahrene Bilder von Männlichkeit bringen niemandem was, sie setzen uns unter Druck und unterdrücken euch.

Ihr habt auch damit recht, dass sich viele Männer in der Gruppe anders verhalten. Und diese von euch beschriebene Herdenmentalität ist auf jeden Fall toxisch. Aber die Herdenmentalität ist ein generelles Problem, kein rein männliches: In einer Gruppe fühlt man sich immer stärker und verhält sich deshalb anders. Auch, um irgendwie „dazuzugehören“. Das geht euch Frauen doch sicher auch so, wenn ihr von Freundinnen umgeben seid.

 

Wir haben dann das Gefühl, dass ihr uns alle unter einen frauenverachtenden Hut steckt

Ihr habt allerdings auch recht, wenn ihr sagt, dass viele von uns genervt sind, wenn sie „Toxic Masculinity“ hören. Denn so ganz ohne Einordnung stellt dieser Begriff Männer schnell unter Generalverdacht – und das stört uns. Auch wenn uns klar sein sollte, dass der Begriff eine bestimmte, eben giftige, Form der Männlichkeit meint und nicht Männlichkeit an sich, beziehen wir ihn doch schnell auf die Tatsache, dass wir nun mal Männer sind. Als wären wir allein dadurch potentiell toxisch. Zumindest einige von uns sind daher wütend auf den Begriff „Toxic Masculinity“. Wir haben dann das Gefühl, dass ihr uns allesamt unter einen frauenverachtenden Hut steckt – und da gefällt es uns gar nicht.

Jetzt kann man natürlich sagen: „Buhu, stellt euch nicht so an, ihr Jungs. Wir Frauen mussten und müssen immer noch deutlich mehr einstecken als ihr.“ Stimmt, sogar zu 100 Prozent. Löst aber das Problem nicht. Dass wir uns angegriffen fühlen, führt nämlich dazu, dass wir nicht über das eigentlich Wichtige sprechen: die Gleichberechtigung von Frau und Mann.

Natürlich ist es bescheuert von uns Jungs, wenn wir uns in dieser wichtigen Debatte an Begrifflichkeiten aufhalten. Denn in so einer Diskussion geht es am Ende auch wieder nur um uns Männer und nicht um euch Frauen. Eins sollten wir daher auf keinen Fall tun: Wegen Streitereien um Begrifflichkeiten nicht mehr über überholte Bilder von Männlichkeit reden. Deshalb sind wir voll bei euch, wenn ihr sagt, dass ihr genauer werden solltet. Wenn ihr „Toxic Masculinity“ nicht als Kampfbegriff gegen Männer generell versteht, dann macht uns das klar, wie in eurer Frage hier. Dann reagieren wir auch nicht so komisch beleidigt. Denn am Ende wollen wir ja alle dasselbe: sein, wer wir sind – und nicht das, was uns überholte Stereotype vorschreiben.

Eure Jungs