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Na Jungs? Bock?

Illustration: Daniela Rudolf / Foto: Unsplash

Liebe Jungs,  

heute dringen wir mal in eure intimste Intimsphäre ein – tut uns auch leid, aber da müsst ihr jetzt durch. Es geht um Sexspielzeug. Genauer gesagt: euer Sexspielzeug.


Unser Umgang mit Sextoys hat eine rasante Entwicklung hingelegt, allerdings nur in einem Teilbereich: wenn es um Sextoys für Frauen geht. Nicht nur werden Vibratoren heute völlig ungeniert auf riesigen Plakatwänden beworben, nicht nur sehen Sex-Shops aus wie Apple-Stores – auch die Technik hat extreme Fortschritte gemacht. 

Noch vor gar nicht so langer Zeit gab es meines Wissens genau einen „Massagestab“ für den „Nacken“, der den Frauen beim „Entspannen“ geholfen hat, wie sie im verdruckst formulierten Text im Otto-Katalog nachlesen konnten. Heute dagegen gibt es unzählige Modelle für jedes Bedürfnis. Und selbst wenn wir keines dieser Modelle besitzen, wissen wir Frauen mittlerweile bis ins Detail, wie ein „Rabbit“, ein „Womanizer“, oder der berühmt-berüchtigte „Magic Wand Hitachi“ aussieht – und welche Vorteile das jeweilige Gerät gegenüber dem anderen hat.

Ich höre vom Thema „Sextoys für Männer“ nur in Zusammenhang mit Witzen über „Fernfahrermuschis“

Es scheint, als habe dieser Bereich eine umfassende Enttabuisierung erlebt. Und das ist ja durchaus grundsätzlich positiv, denn es ist zu begrüßen, wenn wir nicht mehr so verdruckst um unsere Bedürfnisse herumreden, sondern sie bedienen.  

Was uns hingegen nirgends begegnet, weder auf Plakatwänden, noch im privaten Austausch, sind Berichte über neue Entwicklungen auf dem Markt der Sextoys für Männer. Dieses Thema scheint weiterhin mit einem Tabu belegt zu sein. Ich selbst erlebe das Thema „Sextoys für Männer“ nur im Zusammenhang mit blöden Witzen über „Fernfahrermuschis“, Masturbationshilfen für einsame Männer. Gefühlt dünsten Männer-Sextoys weiterhin den bedürftigen 1980er-Jahre-Muff der Sexshops alter Schule aus, wo noch ausschließlich Männer mit Trenchcoat ein- und ausgingen.

Kann das denn sein? Gibt es wirklich keinen Fortschritt bei eurem Umgang mit Sextoys für Männer? Und wenn ja, warum nicht? Schämt ihr euch, wenn ihr diese Form der Unterstützung benützt, um zu kommen? Oder hat diese Zurückhaltung andere Gründe?

Die Jungsantwort:

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Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

Da habt ihr einen Treffer gelandet. Ein total entspannter Umgang mit Sextoys ist in der Männerwelt in etwa so oft zu finden, wie offen homosexuelle Fußballer in der Bundesliga. Hilfsmittel zur männlichen Selbstbefriedigung sind unter Jungs definitiv ein Tabuthema. Da reden wir nicht drüber. Das ist einigermaßen erstaunlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass zumindest die herkömmliche, hilfsmittelfreie männliche Masturbation keinen allzu sündigen Beigeschmack mehr hat in der Gesellschaft. Dass Jungs Pornos schauen und onanieren? Ja mei, weiß jeder, schockt niemanden mehr, ist halt so. Aber Analplugs? Prostata-Vibratoren? Dinge mit Namen wie „Robotic Mouth“? Hilfe!

Auch wenn einige Männer im Verborgenen Sextoys benutzen – Herstellerfirmen von Masturbatoren berichten zum Beispiel seit Jahren von Umsatzsteigerungen – ist der Besitz eines Spielzeug bei uns weit davon entfernt, selbstverständlich zu sein.

Never change a winning team und so

Das liegt nicht daran, dass wir generell mehrheitlich ein Problem mit Sexspielzeug haben. Viele Jungs haben schon mal ein Sexspielzeug mit ihrer Freundin oder Sex-Partnerin benutzt. Nur geht es dabei so gut wie immer um die Stimulation der Frau. Ist auch logisch: Männer kommen beim Sex so gut wie immer zum Orgasmus, Frauen nicht. Und: Männer kommen oft schneller, und dann brauchts eben noch etwas, damit alle Beteiligten glücklich werden.

Damit bin ich aber auch schon bei einem der Hauptgründe angelangt, warum Sextoys bei uns keine große Rolle spielen: Wir sind, was Orgasmen angeht, im Vergleich zu euch nun mal relativ einfach gestrickt. Die meisten von uns sind ganz glücklich mit den Höhepunkten, die sie beim Sex und bei der Selbstbefriedigung so hinkriegen. Wir wissen, dass unsere Hände da ziemlich verlässliche Partner sind. Da wissen wir, woran wir sind, und uns fehlt die Vorstellungskraft, dass ein Sexspielzeug uns nennenswerte Verbesserungen verschaffen könnte. Warum also was ändern? Never change a winning team und so.

Zu diesem Fehlen einer grundsätzlichen Motivation kommen zwei weitere Komponenten: der Ruf von Männer-Sextoys und ein paar praktische Abtörner. Um die zu erklären, muss man unterteilen in Sextoys für vorne und Sextoys für hinten.

 

Das Penis-in-irgendwas-Künstliches-Stecken hat ein Image-Problem

Fangen wir vorne an, also bei all den Hilfsmitteln, die den Penis stimulieren sollen. Die haben ein Problem, das ich einfach mal das „Taschenmuschi-Problem“ nennen möchte.

Das Penis-in-irgendwas-Künstliches-Stecken hat ein Image-Problem. Da ist man gedanklich, wie du in deiner Frage sehr richtig geschrieben hast, sehr schnell im Bereich einsamer, bemitleidenswerter Typ. Bei Fernfahrern oder Versager-Teenagern aus Filmen wie American Pie. Taschenmuschi und Co. haftet das Image des letzten Auswegs für sexuell Frustrierte an. Weil in unseren Köpfen verankert ist: Ein echter Kerl vögelt nur eine echte Frau.

Ist ja aber auch eine vertrackte Situation: Wenn die Masturbatoren-Hersteller uns Dinge andrehen wollen, die Sex mit einem echten Menschen möglichst echt simulieren sollen, finden wir das creepy. Ich glaube nicht, dass sehr viele die Vorstellung geil finden, Sex mit einer Gummipuppe zu haben. Andererseits hegen viele von uns Skepsis gegenüber all den technischen Geräten. Ich weiß nicht, wie Hersteller auf die Idee kommen, ein Sexspielzeug wie eine Taschenlampe aussehen zu lassen und sie allen Ernstes auch noch „Fleshlight“ zu nennen. Oder ein Gerät mit dem Peniswitz-Namen „Cobra libre“ zu versehen und sich beim Design an futuristischen E-Auto-Prototypen zu orientieren. Denken die ernsthaft, wir wollen von einem Auto einen geblasen bekommen? Haben die vergessen, dass das Auge nun mal nicht nur mitisst, sondern auch mitmasturbiert?

Ich werfe einfach nur die Stichworte „Reinigung“ und „Hygiene“ in den Raum

Der letzte Abtörner all dieser Vorne-Gerätschaften ist einer, den ich gar nicht groß ausführen will. Ich werfe einfach nur die Stichworte „Reinigung“ und „Hygiene“ in den Raum und schwenke dann gleich weiter zu den Hinten-Sextoys.

Auch da gibt es ein Fantasie-, beziehungsweise Wissensproblem. Viele von uns kennen nur wenige Details über männliche Prostata-Massagen-Orgasmen. Dass da irgendwelche Rückenmark-Nervenstränge in Richtung Penis durch unsere Prostata führen und sie dadurch zu einer hoch erogenen Zone machen, ist vielen unbekannt. Dazu kommt die Vorstellung, dass es etwas Unmännliches ist, irgendwelche Finger oder Gegenstände im Hintern zu haben. Die ist noch ziemlich präsent und verleitet uns nicht gerade dazu, Sextoys auszuprobieren. Und noch weniger, offen darüber zu reden.

Zusammenfassend kommen wir also zu dem Schluss: Wir haben da vermutlich Aufholbedarf. Vielleicht brauchen wir ein Pendant zu euren Dildopartys und Dildo-Feen – wobei da schon die Namensfindung für solche Veranstaltungen und Verkäufer eine ziemliche Herausforderung sein dürfte. Das einfachste wäre vermutlich, ihr helft uns einfach ein bisschen. Ist ja bald Weihnachten... 

Mehr Fragen an die Jungs: