„Auch Männer können Bier ausschenken“

Was bedeutet Mannsein im Jahr 2020? Das fragen wir Cornelius Golembiewski, 27, Vorsitzender der Jungen Union in Thüringen.
Protokoll von Caroline S. Bingenheimer
maennerkolumne cornelius sz

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

„Groß, stark und mächtig“ – in dieses Bild muss heute kein Mann mehr passen. Aber was kommt stattdessen? Das haben wir uns für diese Männerkolumne von alten und jungen, bekannten und ganz normalen Männern erzählen lassen. Folge 6: Cornelius Golembiewski, 27, ist Vorsitzender der Jungen Union Thüringen. Mit 16 war er noch in der Grünen Jugend aktiv. Da er das „Schottern“ von Castor-Transporten (also Steinen aus dem Gleisbett entfernen) als ein weniger zielführendes politisches Mittel ansah, wechselte er in die Schüler Union. Cornelius ist in Jena aufgewachsen, hat dort Medizin studiert und schreibt zurzeit seine Doktorarbeit.

Was bedeutet für dich Männlichkeit?

„Ich persönlich verbinde Männlichkeit nicht primär mit irgendwelchen Charaktereigenschaften. So etwas ist für mich nichts geschlechtsspezifisches. Deswegen empfinde ich als Einzelperson zum Glück keinen Druck, besonders männlich zu sein oder bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen.

Das geht leider nicht allen so. Viele fühlen sich immer noch in Rollenbilder gedrängt. Es würde mich freuen, wenn dieses Gefühl in Zukunft immer weniger Menschen hätten. Es soll sich zum Beispiel jeder so anziehen, wie er will oder den Hobbies seiner Wahl nachgehen. Damit meine ich jetzt nicht nur Männer, sondern alle Geschlechter. Frauen zum Beispiel sind wahrscheinlich oft noch wesentlich mehr gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt als Männer.

In vielen Lebensbereichen fällt noch ein starker Unterschied in der Verteilung zwischen den Geschlechtern auf. Gerade in der Politik gibt es zu wenig Frauen. Ich wünsche mir in allen Parteien mehr Frauen und das am besten auf allen Ebenen. Vom Kreisverband einer Jungen Union über die Landesparlamente bis hin zum Bundestag, überall sollte es mehr weibliche Politikerinnen geben.

Wie stehst du zu #metoo?

Ich finde, dass diese gesellschaftliche Bewegung zu viel Gutem geführt hat. Dadurch wurde etwa die Debatte um geschlechtsspezifische Rollenbilder, um Sexismus und den Gender Pay Gap beschleunigt. Sensibilisierung, Verständnis und Solidarität wurden ausgelöst.

Wir sollten jedoch auch vorsichtig sein. Einige Leute fühlen sich von #metoo schnell vor den Kopf gestoßen und schalten dann auf ‚Durchzug‘ ohne sich mit den Hintergründen zu beschäftigen. Eine Gesellschaft ist ein komplexes System aus vielen Bedürfnissen, Wertefundamenten und Generationen. In diesem System sind Veränderungen immer ein langsamer Prozess, wenn man alle mitnehmen möchte. Das braucht Zeit.

Ich finde gut, dass es mehr Kommunikation zwischen den Geschlechtern gibt. Rollenbilder werden hinterfragt. Auch Themen wie Victim blaming sind so in der Gesellschaft angekommen, das ist wichtig. Da entsteht endlich Solidarität.

Als Mediziner erlebe ich in meinem Beruf immer noch viel Sexismus. Vor allem in der Chirurgie sind extreme Rollenbilder vorhanden. Im OP gibt es beispielsweise ein Gerät, mit dem Blut abgesaugt wird. Ich habe erlebt, wie zu einer Kollegin gesagt wurde ‚Mach du das mal, saugen kannst du ja hoffentlich.‘ In Krankenhäusern herrschen noch sehr hierarchische Strukturen und ein enormes Machtgefälle. Das ist ein Riesenproblem. Zum Beispiel kommt es vor, dass eine Ärztin einen Einjahresvertrag, ein Arzt hingegen einen Zweijahresvertrag bekommt. Die Kliniken wollen verhindern, dass eine Schwangerschaft in den Beschäftigungszeitraum fällt. 

Im Studium, den Famulaturen oder dem PJ habe ich bis jetzt noch keine Vorteile als Mann verspürt. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das mit dem Einstieg in das Berufsleben leider ändert. Vor allem im Bezug auf die Familienplanung spürt man Unterschiede. Die Infrastruktur von Dienstplänen, die Stellenplanungen und auch die persönliche Einstellung von vielen Chefs erschweren immer noch die Vereinbarkeit von Schwangerschaft und Arztsein.

Ist heute alles besser?

Vieles ist besser, aber ich habe die Erwartung, dass es noch besser wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich eine Menge verändert, Sexismus, Gender Pay Gap und vieles mehr existiert aber immer noch. Gerade in der Politik fehlt da oft die Offenheit. Es gibt immer noch Situationen, in denen sich die Leute über vermeintlich ‚weibliche‘ Attribute lustig machen. Bei einer Parteiveranstaltung im ländlichen Raum wollte ich beim Oktoberfest nach dem Bierfassanstich beim Ausschank mithelfen. Ein Mitarbeiter meinte zu mir, dass sei eine Aufgabe für die Mädels, nicht für mich. 

Sowas ist ein No Go. Die Situation war leider ziemlich hektisch und die Frauen haben dann ausgeschenkt. Im Anschluss habe ich mit ihnen gesprochen. Gesagt, dass sie sich nicht auf ihr Äußeres reduzieren sollen und auch Männer Bier ausschenken können. Das konnten sie nur teilweise nachvollziehen und fanden es eher lustig. Das zeigt, dass sich Dinge in den Köpfen der Menschen nur langsam ändern, sowohl bei Frauen als auch bei Männern. 

Ich glaube allerdings, dass sowohl in der Politik als auch in der Medizin gerade vieles im Umbruch ist. Aktuell sind 70 Prozent der Medizin-Erstis weiblich. Momentan prallen noch zwei Generationen aufeinander. So langsam durchmischen sich diese Generationen aber, das verändert vieles.

Auch in der CDU tut sich einiges, es gibt jüngere Politiker mit Vorbildfunktion – beispielsweise Jens Spahn. Momentan sind zwar alle Kanzlerkandidaten der CDU männlich, aber ich glaube, dass man die Qualität eines so kleinen Bewerberfeldes nicht anhand des Geschlechts beurteilen sollte. Zudem haben wir seit 15 Jahren eine weibliche Bundeskanzlerin und seit letztem Jahr eine weibliche CDU Politikerin als Präsidentin der Europäischen Kommission.“

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