Die Durchhalteparolen sind unglaubwürdig geworden

Warum wir dringend anders über Terror reden sollten.
Kommentar von Max Sprick
Illustration: Katharina Bitzl

England gegen Russland, dieses von schweren Krawallen begleitete EM-Spiel, ist in der 90. Minute, als es knallt. Laut hörbar am Fernseher daheim. Es knallt ähnlich, wie es damals beim Spiel Frankreich gegen Deutschland knallte, als das Geräusch Teil der schrecklichen Anschlagserie war. Der Kommentator stockt kurz. Die Leute, mit denen ich das Spiel gucke, auch. „Fuck! Fuck! Fuck!“, denken wir für einen Moment. Nicht schon wieder. Für eine Sekunde schien die EM-Freude stillzustehen. Für eine Sekunde war die Terrorgefahr vom vergangenen November wieder da. Reflexartig. Und riesengroß. 

Und alles, was wir dagegenhalten können, sind Worte: "Wenn wir uns Hass und Furcht ergeben, gewinnen die Bösen. Wir sind stärker", schrieb am Sonntag jemand auf Twitter, der dafür eine Menge Likes bekam. "Und ich weiß, wenn wir solchem Bösen in der Welt gegenüber stehen, gewinnt immer die Liebe", schrieb ein anderer. Beide Kommentare meinten den Anschlag in Orlando, bei dem ein Attentäter mindestens 49 Menschen in einem Schwulenclub getötet hat.

Ein weiterer realer Anschlag also. In den USA diesmal wieder. Wieder starben viele unschuldige Menschen, weil ein einzelner seinen Hass mit einem halbautomatischen Sturmgewehr ausdrückte. Wieder ist diese Tat unfassbar. Für uns, die wir ganz weit weg sind vom Pulse Club in Orlando, genau wie für die Angehörigen und Überlebenden vor Ort. Und wieder schwebt über all dem die große Frage: Wie reagiert man auf den Terror, dessen Gefahr nach den Anschlägen in Istanbul, Brüssel, Paris, San Bernadino (und immer so weiter) allgegenwärtig scheint? Wie bitte geht das denn: Keine Angst haben?

Mit solchen Sätzen? „Wir werden uns nicht der Angst ergeben oder uns gegen andere richten.“ Stammt von Barack Obama. Eine Aussage, die genau wie die meisten #lovewins-Kommentare auf den ersten Blick nett klingt. Ehrbar. Aber, wenn wir ehrlich sind, doch genau das Gleiche sagt, was nach den Anschlägen in Istanbul, Brüssel, Paris, San Bernadino (und immer so weiter) so geschrieben und gesagt wurde. Und gewirkt hat? Vielleicht. Immerhin bis zur nächsten Bombe. Gestern ging es in Paris weiter. Wiederholung führt zu Abnutzung. Das gilt auch für die Sprache.

Dies soll trotzdem kein Kommentare-Bashing werden. Kein „was labert ihr?“-Verriss. Jeder soll das sagen und schreiben, was ihm oder ihr gerade hilft, Grausamkeiten zu verarbeiten (solange er niemanden damit beleidigt oder diffamiert oder verurteilt – versteht sich …). Und mir fällt ja selbst kein erhellender Trost in dieser fassungslosen Trauer ein. Aber mir scheint, dass wir ihn suchen sollten. Weil wir alle – und mehr noch die Menschen, die von berufswegen Parolen ausgeben – den Terror nur wieder und wieder mit Durchhaltephrasen zukitten. Dass wir uns beruhigen wollen. Und dass das an sich bestimmt für den Moment eine passable Strategie sein mag – aber auf Dauer ein Problem werden kann. Wenn es Realitäten ausblendet. Und die Realität ist doch, dass es immer schwieriger werden wird, ruhig zu bleiben. Keine Angst zu haben.

Die Hoffnungs-Sätze implizieren, dass man dieses eine Ereigniss überstehen muss. Und sie klingen, als sei das ein einmaliger Vorgang. Dabei wird man doch immer wieder neue Ereignisse überstehen müssen. Immer wieder aufs Neue. Sie werden kommen. Niemand braucht so zu tun, als ob das anders wäre. Jeder sollte sich bewusst sein, dass es kommt, dass wir uns immer wieder aufrappeln müssen. Und dass das immer schwerer werden wird. Redet auch so drüber. So wie dieser Journalist des englischen Guardian, der dafür ein gutes Beispiel ist – glaube ich.

Meinetwegen auch wie Jan Böhmermann: "Wer Menschen mit Bomben töten will, dem wird das immer gelingen", hat der nach den Brüssel-Anschlägen gesagt. Einer der wenigen unironischen Sätze des Über-Satirikers, der das Problem so eiskalt auf den Punkt bringt. Bomben kann man durch "Gewehre", "Messer" oder "Pistolen" ersetzen, die Aussage ist dieselbe. Wenn einer will, wird er immer einen Weg finden, andere zu töten. Und je öfter es passiert, desto wahrscheinlicher wird es doch, dass er oder sie damit irgendeinen Weg in unsere Köpfe finden.

 

Das macht Angst. Immer noch und angesichts weiterer Anschläge auch immer mehr. Man kann zwar behaupten, sich ihr nicht hinzugeben, aber unterbewusst ist sie doch da. Bei großen Menschengruppen, an denen ich am Hauptbahnhof vorbeilaufe und denke: "Wenn ich ein geisteskranker Amokläufer wäre, würde ich es in dieser Gruppe tun." Oder im Fußballstadion, wenn irgendwo wieder ein krass lauter Böller hochgeht. Oder wenn am Flughafen wieder mal ein Bereich gesperrt wird, weil irgendwer seinen Trolli hat rumstehen lassen. Angst vor der Angst? Vielleicht auch das. 

Ein sich selbst verstärkender Vorgang? Auch gut möglich. Wer sich verkriecht, steigert seine Angst, lässt sie größer werden. Und noch schwerer zu überwinden. Psychologen sagen, das subtile Angstgefühl halte eine Zeit lang an, vergehe aber meist nach etwa vier Wochen wieder. Insofern sind die Parolen natürlich auch sinnvoll. Wenn sie dafür sorgen, dass die Ängste uns nicht lähmen. Irgendwie vier Wochen überbrücken.

 

Aber was hilft's, wenn eine Millisekunde, wenn ein Knall im Stadion die Gefahr sofort wieder bewusst macht? Und wenn die Anschläge, zumindest gefühlt, in immer schnellerer Taktung kommen. Wir können nichts dagegen tun, das ist die schreckliche Erkenntnis daraus. Wir wissen das. Aber reden tun wir noch anders. Und reden ist in diesem Kampf um unsere Köpfe doch alles, was wir haben. Reden ist hier vermutlich wirklich handeln. Und handeln, ohne wenigstens mögliche Realitäten anzuerkennen, ist doch gefährlich. Oder?

 

Aber für mich fühlt sich gerade so an, als blendeten die Parolen von der Freiheit und der Liebe, die siegen werden, Aspekte aus, die für einen echten Diskurs so unendlich wichtig wären. Es fühlt sich an, als seien sie inzwischen abgegriffen und stumpf.

 

Natürlich ist es ein hochgradig erstrebenswertes, wichtiges Ideal, keine Angst zu haben. Aber es ist auch eines, das sich immer mehr nach Utopie anfühlt. Nach dem Unerreichbaren. Nach etwas, das unendliche Kräfte braucht. Wir müssen diese Kräfte aufbringen. Keine Diskussion. Aber um sie aufzubringen, reichen die paar Liebe-Freiheit-alles-wird-gut-Phrasen vielleicht bald nicht mehr. Zumindest die nicht, die wir gerade hören. Vielleicht braucht es nur noch mal ein frischeres Vokabular? Vielleicht braucht es aber auch einfach neue Inhalte. Nach den Anschlägen von Brüssel schrieben wir: Vielleicht brauchen wir dafür noch ein paar mehr Hofnarren wie Böhmermann.

 

Vielleicht hatten wir damit aber auch nicht recht. Vielleicht braucht es nämlich tatsächlich einfach Politiker, die mehr bringen als Durchhalteparolen. Die klarer sagen, wie schwer das realistisch alles wird: Nach dem Ideal der Angsfreiheit zu streben. Immer wieder. Auch wenn es wieder knallt. Für eine Millisekunde. Oder in echt. In den USA oder in Frankreich. Oder in Deutschland.

 

Barack Obamas Ansprache nach dem Orlando-Attentat war seine insgesamt 15. nach Massen-Morden. „Wir werden uns nicht der Angst ergeben oder uns gegen andere richten“, hat der noch-Präsident gesagt. Ein Statement vager Hoffnung. Gut gemeint. Aber trägt es noch weit genug? Der nächste Knall wird es zeigen. Oder der danach?