Aufhören oder weitermachen?

Muss man sich fragen, wegen Kobe Bryant und Avicii. Vor allem aber fürs eigene Leben.
Von Jakob Biazza
avici bryant
Fotos: AP / AFP

Der beste Basketballer seiner Generation ist einfach kaputtgegangen. Peu à peu zwar, aber dafür umfassend: Archillessehne, Schienbeinkopf, Mittelhandknochen, Rotatorenmanschette. Normale Menschen wissen gar nicht, dass sie die Körperteile haben, die bei Kobe Bryant gerissen, gebrochen oder dauerverstaucht sind.

Manchmal wird seine Schulter einfach taub. Aber auch wenn er sie noch spürt, sind seine Spiele inzwischen fast immer peinlich. Die Dribblings und die Sprünge wirken, als watete er stets durch tiefen Matsch. Dazu hat er inzwischen die schlechteste Wurfquote unter den Topspielern der Liga. Das ist sehr menschlich. Aber eben auch ein besonders garstiger Bruch bei einem Typen, der sich selbst den Spitznamen „Schwarze Mamba“ gegeben hat. Weil die Schlange „bei maximalem Tempo mit 99-prozentiger Treffsicherheit zuschlägt“.

Zumindest im Rückblick, in dem sich das natürlich auch leicht sagt, hätte Bryant sich diese Saison also wohl besser gespart. Leider hat er stattdessen ein Kamerateam angeheuert, das seine angekündigten letzten Spiele begleiten soll. Große Abschiedsinszenierung. Große Doku. Großes Problem. Am 13. April ist sein letzter Auftritt.

Ein anderer Abschied, dem man aktuell zuschauen kann: "Ich wurde erwachsen, während ich als Künstler groß wurde. Ich habe mich besser kennengelernt und realisiert, dass ich mit meinem Leben mehr anstellen will." Avicii schreibt das. Einer der erfolgreichsten DJs der Welt. 26 Jahre alt.

Karriere- und Sinnkrisen noch vor ganz ernsthaftem Bartwuchs also. Das wirkt schnell arg nassforsch. Streberhaft auch. Das mag die Welt da draußen ebenso wenig. „Lieber Avicii, dein Rücktritt ist an Arroganz nicht zu überbieten“, titelte man zum Beispiel bei Focus Online, wo man sich im Prominentebesäfteln inzwischen ja regelmäßig noch vor der Bild findet.

Wir erleben also gerade die beiden Extrempole des Aufhörens. Der eine klammert sich an eine Hoffnung. An ein Bild, wie es doch noch alles sein könnte. Und verpennt dabei den Schlussgong. Der andere läutet ihn lieber selbst und merkt dabei nicht, dass der Kampf doch jetzt erst interessant würde. Oder fürchtet er sich einfach nur genau davor?.

Zu früh oder zu spät jedenfalls. Eigentlich geht so doch das ganze Leben. Zumindest die Teile davon, die man in Würde hinter sich bringen will. Wenn man das denn will.

Denn dann ist doch nichts so wichtig, wie die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Es lohnt sich für jeden, sie sich zu stellen. Was dann wohl auch schon der zentrale Aufruf dieses Textes wäre: Suche ihn! Immer wieder und überall: Ein Hobby weiterpflegen oder es gut sein lassen? Mit einem Menschen Zeit verbringen oder nicht? Eine Diskussion beenden oder noch weitereskalieren? Die Band erhalten oder Solokarriere machen (oder endlich mal arbeiten)? Die Party verlassen oder weitersaufen? Jetzt schon tanken oder an der kommenden Raststätte?

Musst du irgendwas nehmen, damit’s noch Spaß macht?

Es gibt, das sei mit einer Entschuldigung an all jene Leser gesagt, die darauf gehofft haben, keine allgemeingültigen Antworten auf diese Fragen. Es geht schließlich fast überall um sehr subjektive und von der Situation abhängige Abwägungen. Wahrscheinlichkeiten, Erfahrungswerte und ein kleiner Rest Magie spielen in die Antworten mit hinein: Macht mehr Bier den Abend noch besser oder nur den Morgen schlimmer? Macht ein anderes Thema das Gespräch noch aufregender, oder kommt nur mehr von dem zum Vorschein, was ich jetzt schon spüre? Wäre schlafen sinnvoller? Verschwende ich meine Zeit? Bin ich schon zu betrunken? Wie gesagt: Von hier aus alles nicht zu beantworten. Aber manchmal helfen die richtigen Fragen ja tatsächlich. Ein Versuch also. Man könnte zum Beispiel diese hier mal probieren:

  • Musst du irgendwas nehmen, damit's noch Spaß macht?
  • Oder damit's überhaupt noch geht?
  • Denkst du, während du an Ort A bist, öfter als drei Mal in fünf Minuten sehnsüchtig an Ort B?
  • Ist Ort B dein Bett?
  • Das mit den flauschigen Daunen?
  • Sprichst du hauptsächlich über dich selbst, statt anderen Fragen zu stellen?
  • Hast du damit aufgehört, Dinge, die du sammelst, mindestens einmal im Monat herauszuziehen und mit dem glasig entrückten Blick eines Kindes anzuhimmeln?
  • Hast du seit mehr als 30 Minuten nicht mehr ehrlich gelacht?
  • Oder (fast) geweint?
  • Hast du seit mehr als zwei Stunden keinen inspirierenden Gedanken gehabt oder einen, der dich erfreut?
  • Kommt die Wendung „aus Prinzip“ in vielen deiner Begründungen vor?
  • Gehst du regelmäßig parallel im Kopf durch, was du kommende Woche alles erledigen musst?
  • Fragen Menschen dich, was du immer noch hier tust?

Wenn die Antwort irgendwo „Ja“ lautet, ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein Wechsel guttäte. Vielleicht noch mit diesem Gedanken: Ein Kollege hat gerade in einem ganz wunderbaren Text den Mythenforscher Joseph Campbell sinngemäß zitiert. Ein Held sei demnach jemand, der in aller Stille aufbricht, hinaus in die Welt zieht, Prüfungen besteht und nach dem Triumph in die Stille zurückkehrt. „Die Masse erinnert sich an ihn, es ist ein Erinnern, das immer auch eine Erwartung einschließt, eine Hoffnung. Da der Held nach wie vor lebt, könnte er jederzeit zurückkehren, in einer neuen Rolle.“

Das erscheint mir ein sehr hilfreicher Gedanke. Allerdings sei er mit einer Warnung vor einer unbedachten Rückkehr versehen. Oder besser mit einer Anekdote: Vor ein paar Wochen war ein nicht mehr ganz junger Mann auf den Straßen Münchens zu sehen. Er schob ein Fahrrad und er torkelte. Und er verneinte die Frage seiner Begleitung, ob man denn nicht doch noch mal auf die Party zurückkehren solle, von der man offensichtlich kam, mit einem kernigen Satz: „Never double-fuck a party!“ Danach stolperte er vor Lachen über sein Rad und überschlug sich. Auf der Party bekam das niemand mehr mit. Weil er zur rechten Zeit gegangen war! 

Was sicher ist: Es ist der perfekte Zeitpunkt, hier weiterzulesen …

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