Böhmermanns Interview ist eine Enttäuschung

Fast nur halbgare Zoten statt klarer Haltung. Schade.
Ein Kommentar von Max Sprick

Jan Böhmermann hat, wenn auch unabsichtlich, den Schah-Paragrafen gekippt.

Foto: Ben Knabe/dpa

Streng genommen schweigt Jan Böhmermann immer noch. Er hat zwar der Zeit ein Interview gegeben, es sind seine ersten öffentlichen Aussagen, seit er Anfang April mit dem Schmähgedicht auf Recep Erdogan dafür sorgte, dass ganz Deutschland über ihn spricht. Aber: Böhmermann meldet sich aus seinem temporären Medien-Exil nur schriftlich. "Aus Bequemlichkeit", schreibt er. Und weil er der Erste sein wolle, der in einem Zeit-Interview Emojis unterbringt - "😉".

Durch seine schriftliche Beantwortung enzieht sich der Super-Satiriker den zu erwartenden strengen Nachfragen der Interviewer Moritz von Uslar und Matthias Kalle. Stattdessen kann er seine Antworten wohl überlegen. So weit, so bequem.

"Jetzt redet Jan Böhmermann zum ersten Mal nach der Affäre", verkündete die Zeit am Dienstagmorgen trotzdem. Zu recht folgten dieser Ankündigung etliche Medienberichte. Dass Böhmermann die Kanzlerin scharf kritisiere, war da zu lesen. Und dass Böhmermann sich mit Ai Wei Wei vergleiche.

Und nun, da man das ganze Interview lesen kann? Weiß man trotzdem nicht so richtig, was Böhmermann sagen will. Weil er eigentlich nichts sagt. Klar, einerseits gibt er einen fast berührenden Einblick in sein Gefühlsleben. Aber das "fast" muss man eben sehr betonen: "Als Privatperson waren die letzten Wochen für mich und mein Umfeld (...), ohne da näher ins Detail gehen zu wollen, ein wenig turbulent." Die fehlende Rückendeckung von Angela Merkel habe "dramatische und ganz reale Konsequenzen" für ihn und seine Familie gehabt. Andererseits mimt Böhmermann schon zwei Antworten danach den trotzigen Jungen, den seine Freundin gerade abserviert hat: Gestern Abend habe er sich noch mit seinem Kumpel Erdogan ("wir folgen uns gegenseitig bei Twitter") über die Kanzlerin "beömmelt 😂😂😂😂 ‘Bewusst verletzend’, haha, da muss man erstmal drauf kommen. 😂😂😂😂". 

Dann wirft Böhmermann die Aussage der Kanzlerin zurück: als bewusst verletzend empfinde er nämlich "das apfelgrüne Kostümoberteil sowie das lilafarbene Samtsakko der Bundeskanzlerin." 0815-Zoten über die Kanzlerinnen-Garderobe? Wenig.

Und das, das muss man wohl betonen, sagen wir hier als Fans. Als große Fans womöglich sogar, die, nun, was eigentlich erwartet haben? Eine Entschuldigung? Einen Gegenangriff? Einen weiteren genialen satirischen Winkelzug? Die große Seelenschau oder die ganz nüchterne Analyse?

Wahrscheinlich können wir unsere Erwartungen so wenig konkret formulieren, weil wir vor allem auf eines gehofft haben: eine gute Idee. Irgendwas, das uns überrascht. Stattdessen gab es aber eben in der Hauptsache gut abgehangene Ironie. Wieder. Dabei wäre da doch mehr gegangen!

Ob er von irgendwem besonders enttäuscht war in den vergangenen Wochen?  "Vom Lieferservice von Rewe." Auf die Frage, worüber überhaupt man noch Witze machen kann, wenn schon Beatrix von Storch für die Freiheit der Satire kämpft, antwortet Böhmermann: "Ich denke die Zeit ist reif für bissige Satirenummern über die vielen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Vielleicht noch mit so einer frechen Berliner Schnauze vorgetragen. Kennste? Kennste?" Mario Barth also. Frech!

Böhmermann ist längst mehr als ein nickliger kleiner Spaßvogel

Was Böhmermann da erzählt, sind größtenteils Witze. Und Witze und Ironie, das ist nunmal fast immer Gegenteile einer echten Antwort. Hier ist es das zumindest auf jeden Fall.

Klar muss man von einem Satiriker erwarten, dass ein durchgehend ernstes Gespräch mit ihm schwer bis unmöglich ist. Böhmermann, und darauf ist er vielleicht sogar zu recht solz, ist inzwischen aber mehr als ein nickliger kleiner Spaßvogel. Er ist eine Staatsaffäre. Eine Figur, die die Popkultur mindestens im vergangenen Jahr mehr geprägt hat, als jeder andere in Deutschland. Und als solche verpasst er mit seinem Interview gleich mehrere Chancen.

 

Er könnte zum Beispiel endlich klarstellen, was es ist, das ihn so erschüttert hat in allem, an das er je geglaubt habe. Die Ansätze dafür sind da: "Ich habe geglaubt, dass es die Aufgabe von Politik ist, für die nötige Freiheit zu sorgen, dass Spaßvögel wie ich in Ruhe und mit Sorgfalt ihren Job machen können. Ich setze inzwischen mehr auf die Justiz als die Politik." Aber er zerschießt ihre Kraft mit Nachschüben wie: Die Bundeskanzlerin hat "mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Wei Wei aus mir gemacht." Oder an anderer Stelle: "(...) und, das Schlimmste, Peter Altmeier ignoriert seit Wochen meine Freundschaftsanfragen bei Facebook". Meta-Strebertum ist das. Immer noch eine Pirouette, immer noch eine Brechung. Böhmermann hat den Drang, die immer noch klügere, noch ironischere Antwort geben zu müssen. Und das ist verteufelt schade!

Wie viel mehr Kraft es hätte, äußerte er sich mal konkret und ehrlich! Vielleicht gar mit einer Entschuldigung bei all jenen Türken, die sich rassistisch beleidigt gefühlt haben – begründet oder nicht. Stattdessen hat er folgende Botschaft für sie: "Das ist der Beweis! Die Deutschen sind dumme Kartoffeln und haben überhaupt kein Gefühl für Satire!"

 

Den Ansatz, ja den Drang beinahe, über die Größe der Debatte reden zu wollen, merkt man Böhmermann an

 

Noch mal: Schade! Böhmermanns Verdienst war es in den vergangenen Wochen, dass genau darüber medial heftig diskutiert wurde. Er ist vom Ulk-Moderator, vom Quatschvogel zu einer Figur geworden, die eine Staatsdebatte ausgelöst und weitergetragen hat. Dessen ist er sich auch bewusst, dazu stilisiert er sich ja auch selbst: "Präsident Erdogan zu beleidigen ist mir zu doof (...) Es ging eher um die Illustration einer Beleidigung, die natürlich auch mit plumpen Klischees und Vorurteilen hantiert (...) Es geht um die Grenzen der Freiheit in Deutschland." Außerdem habe seine Arbeit nur sichtbar gemacht, dass der Flüchtlingsdeal der EU mit der Türkei unter anderem die Bundesregierung in Bedrängnis brachte.

 

Den Ansatz, ja den Drang beinahe, über die Größe der Debatte reden zu wollen, merkt man Böhmermann an. Aber dann revidiert er ällabätschmäßig: "Ich würde die Aktion jetzt mal nicht so hoch hängen. Ich habe einen rumpeligen, aber komplexen Witz gemacht, mehr isses ja nicht."

 

Viel mehr als rumpelig sind seine unkomplexen Witze im Interview leider nicht. Vielleicht hat er mal wieder die ganze Unterhaltung (streng genommen: den Schriftverkehr) als reine Satire verfasst. Eher hat Böhmermann damit aber auch eine Antwort auf die über allem schwebende Frage "Wo sind die Grenzen der Satire?" gegeben.

 

Ihre Grenzen liegen offenbar darin, auch mal über ihren Schatten zu springen und echte, ernsthafte Antworten zu geben.

 

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