Wann ist das Leben am besten? Beziehungsweise: Ist es überhaupt irgendwann am besten?

Wann ist das Leben am besten? Beziehungsweise: Ist es überhaupt irgendwann am besten?

Illustration: Daniela Rudolf

Um die Steuererklärung zu meistern, muss man lesen, rechnen und – am allerwichtigsten – telefonieren können. Zumindest ich. Denn spätestens auf der zweiten Seite bin ich kurz davor, an einem Wutanfall zu ersticken. Und dann gibt's nur noch eine Lösung: Ich muss wieder zum Kind werden. Ich muss meine Mutter anrufen.

Als Kind dachte ich, das Erwachsenendasein sei etwas, auf das man sich freuen könne. Bis der Berg an Verantwortung vor mir auftauchte. Mit jedem Jahr wächst dieser Geröllhaufen und lässt mich sisyphosmäßig aufseufzen. Fast wünsche ich mir, mich wieder an den Rockzipfel meiner Eltern klammern dürfen – aber nur fast. Denn das Erwachsenenalter hat ja auch seine guten Seiten: vor allem die Entscheidungsfreiheit und Selbständigkeit. Aber das fällt einem erst wieder ein, wenn man unter die elterlichen Fittiche genommen und entmündigt wird. Wenn die einen behandeln, als wäre man noch zwölf.

Ein ewiges Hin und Her also. Eine ewiges Schwanken zwischen dem Sichlosreißenwollen und dem Sichanlehnenwollen. Ich frage mich, ob das irgendwann aufhört. Ob man irgendwann ankommt im perfekten Alter, wo nichts schwankt, sondern alles ausgewogen ist. Oder war die sorgenfreie Kindheit etwa schon das perfekte Alter, und ich habe es nur nicht gemerkt? Oder kommt es erst, wenn ich meine Altersvorsorge ausgezahlt bekomme?

Im Peter-Pan-Stadium meines Daseins war ich davon überzeugt, dass es nichts Schöneres gibt, als den ganzen Tag zu spielen. Aber das Erwachsenenalter schien dennoch verlockend zu sein: Etwa dann, wenn mir der Gameboy weggenommen wurde, weil meine Augen so glasig waren wie das rechteckige Ding in meiner Hand. Die Kindheit war cool. Aber nur bis zu dem Punkt, ab dem die Befehlsgewalt der Erwachsenen mich die Grenzen meiner Freiheit spüren ließ.

Nach der Kindheit kommen ein paar grausame Jahre: In der Pubertät ist nichts schön. Unkontrollierbare Talgdrüsen, zunehmende Unfähigkeit im Umgang mit dem anderen Geschlecht. "Du kannst nicht immer 17 sein" lautet der Titel eines alten Schlagers und rückblickend auf diesen Lebensabschnitt muss ich sagen: Gott sei Dank. Aber dann, nach durchgestandener Hölle, kommt da nicht das beste Alter? Wenn man die Zahnspange am Eingang zur Volljährigkeit abgibt und einem der volle Freiheits-Fahrtwind durch die fettfreien Haare streicht?  

"Hab ich mir auch geiler vorgestellt, 18 zu sein."

Nein. Auch die 18 weist nicht zu ignorierende Defizite auf. Denn eigentlich hat man ja alles schon vor der erlangten Volljährigkeit illegal ausprobiert. Und der Diskussionskiller im Elternhaus lautete bei uns nach wie vor: Nicht, solange du noch deine Füße unter meinen Tisch stellst! Ätzend. Überhaupt: Man darf zwar endlich Autofahren – aber auch die anderen mit ihren Wodka-Bull-Fahnen nach Hause kutschieren. Der Satz, der zu dieser Zeit in meinem Freundeskreis wohl am häufigsten fiel, war: "Hab ich mir auch irgendwie geiler vorgestellt, 18 zu sein."

Dann die Hoffnung auf das Studentenleben. Die Zeit, nachdem man die Schulpflicht abgeschüttelt hat. In seine erste eigene Wohnung zieht. Und man nicht mehr befürchten muss, elterlichen Alarm auszulösen, weil man im Vollrausch gegen die Kommode knallt. 

Aber so richtig frei von Nachteilen ist das auch nicht. Schließlich tauchen ab da die banalen Alltagsverantwortungen auf: Krankenversicherung abschließen, Kühlschrank auffüllen und eben Steuererklärung bezwingen. Der Druck, irgendwann irgendwo anzukommen, wird auch immer stärker, je älter man wird. Und die lästigste aller Fragen ist vor allem gen Ende der universitären Laufbahn schwer zu ignorieren: Was, zum Teufel, will ich mit dem Rest meines Lebens eigentlich anstellen?! 

Umfragen zeigen: Erst als Rentner wird man wieder glücklicher

 

Je älter man wird, desto gravierender werden die Konsequenzen, die unsere Entscheidungen nach sich ziehen. In Deutschland ist man im Schnitt 24,4 Jahre alt, wenn man die Uni hinter sich lässt und sich einen Platz in der Arbeitswelt sucht. Mit Anfang 30 liegt man laut Statistik im Durchschnitt, was das Heiraten betrifft, darauf folgt dann bald das erste Kind. Diese Entwicklung zeigt: Mit der steigenden Anzahl von Kerzen auf unseren Geburtstagstorten nehmen auch die Verantwortung und der Druck zu, sich mit Bedacht zu entscheiden. Wenn dann etwas schief geht – wenn man mit seiner Berufswahl kreuzunglücklich ist etwa und keine andere Möglichkeit greifbar scheint – ist man wohl weit davon entfernt, das aktuelle Alter als den perfekten Lebensabschnitt anzusehen. Und man wünscht sich zurück in die Jahre voll jugendlichem Leichtsinn. 

 

Und genau da liegt das Problem: Es ist unsere Wahrnehmung, die uns Situationen oftmals schrecklicher erscheinen lässt, als sie eigentlich sind. Dem "World Happiness Report 2015" zufolge sind wir Europäer vor dem 20. Lebensjahr am glücklichsten. Dann nimmt die Kurve ab, bis wir 30 werden und hält sich auf diesem Niveau bis zum Rentenalter. Erst ab da empfinden wir wieder mehr Glück. Laut Sozialforschern liegt das daran, dass sich mit zunehmendem Alter die Prioritäten verändern. Die Wissenschaftler haben herausgefunden: Erst, wenn man alt und grau ist, erkennt man, dass man doch eigentlich ganz zufrieden sein kann. Weil man gelernt hat, auch die schlechten Seiten seines Lebens zu akzeptieren. Und sich nicht über Sachen aufzuregen braucht, die man eh nicht ändern kann. So wie die Steuererklärung. 

 

In seiner gegenwärtigen Situation die Vorteile zu erkennen und diese stärker zu gewichten als die Nachteile, macht eine Suche nach dem perfekten Alter überflüssig. Denn wenn uns das jetzt schon gelingt und nicht erst im Rentenalter, dann braucht man sich nicht seine Kindheit zurück wünschen oder auf eine bessere Zukunft hoffen. Egal, wie viele Fehlentscheidungen, Rückentwicklungssehnsüchte und Steuererklärungen noch vor uns liegen mögen – man sollte begreifen, dass das perfekte Alter eine Frage der Perspektive ist. Und die Sichtweise auf unser gegenwärtiges Leben, die steuern wir ja selbst.