Die Trump-Katastrophe befriedigt unsere Sensations-Geilheit

Aber wir müssen uns nicht für unsere Lust am Grusel schämen.
Von Mercedes Lauenstein
Foto: franzworks / photocase.de

Meine Theorie ist ja, dass 98 Prozent aller Menschen, die sich gestern über das Wahlergebnis erschrocken haben, das nicht ohne einen heimlichen, lustvollen Grusel getan haben. Wahnsinn: Aufgewacht und nicht Hillary, sondern der Horror-Clown ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika! Es prangte auf den Websiten wie in einem Katastrophenfilmszenario und jagte einem die Endorphine durch den Körper. Den Freunden schrieb man "Fuck", heimlicher Subtext war eher "Wow, aufregend! Jetzt wird's interessant!". Eine Spielart des gleichen verbotenen Unfall-Gaffer-Grusels, mit dem man schon 9/11 verfolgt hat, mit dem man Paris vor einem Jahr verfolgt hat, und neulich erst den Brexit. Moralisch natürlich komplett inakzeptabel. Man schämt sich für dieses Gefühl und empfindet es doch. Was bedeutet das? Schnell googlen: "Lust am Grusel". "Sensationsgeilheit", "Katastrophensehnsucht" etc. 

Sensation seeking: Die heimliche Sehnsucht, in den Abgrund zu fallen

Die Recherche ergibt: Das Phänomen ist viel besprochen und nennt sich „Sensation seeking“. Es ist die Sehnsucht, in den Abgrund zu fallen. Macht man doch schon als Kind: Dinge, die einem lieb sind, über das Brückengeländer halten und weiche Knie kriegen. Die Katze am Schwanz ziehen. Den Elektrozaun anfassen. Sich erschrocken und gleichsam berauscht vorstellen, wie es wäre, wenn die beste Freundin sterben würde.

Psychologen sagen, solcherlei Gedankenspiele gehören zum evolutionsbiologischen Lernprozess. Man sehnt sich danach, Schlimmes zu erleben, um sich selbst in diesem Schlimmen zu erleben und eine Ahnung davon zu bekommen, wie man damit umgehen würde. Das euphorisch-angespannte Durchspielen von Horrorszenarien ist die Hoffnung, sich dadurch innerlich auf das Überleben derselben einzustellen. 

Bei einigen geht dieses Bedürfnis soweit, dass sie Bungee-Jumping betreiben. Endlich mal konkrete Todesangst erleben, ohne dabei wirklich zu sterben! Eine ähnliche Funktion erfüllen Weltuntergangs- oder Horrorfilme, das Feiern von Halloween oder Sadomaso-Spiele beim Sex. 

Diese Vergleiche mögen heikel erscheinen, weil jeder weiß, dass Filme, Halloween, Sexspiele oder Bungee-Jumping eine Art von Fiktion sind, echte Todesfälle, Paris, 9/11 oder Trump es hingegen nicht sind. Sie können einem wirklich wehtun und haben Menschen wirklich wehgetan. Natürlich gruselt man sich vor Tatsachen-Unglücken ganz anders, als vor vorgetäuschten. Und doch spürt man bei echten Unglücken, sofern nicht wirklich direkt selbst betroffen, dieses „Endlich passiert mal was“-Gaffergefühl ganz besonders berauschend in sich. Gerade weil es halt so echt ist. So nah und doch noch den einen Zentimeter weit genug entfernt, dass es noch nicht richtig wehtut. Puh! Kick!

Man könnte auch sagen: Der Mensch will halt, dass es ihm gut geht, aber es kann ihm nur gut gehen, wenn er weiß, dass es ihm gut geht und das weiß er erst, wenn er weiß, wie es ist, wenn es einem schlecht geht und deshalb will er es sehen. 

Zugeben tut man diesen Mechanismus selten. Man möchte nicht zu den Unfall-Gaffern, Armutstouristen, oder überhaupt völlig unironisch zur Bild-Titel-Zielgruppe gehören.

Sensationsgeilheit ist ein urmenschliches Phänomen

Dabei durchdringt Sensationsgeilheit alle historischen Epochen und alle gesellschaftlichen Schichten. Sie ist ein urmenschliches Phänomen. Man kann Menschen, die sie empfinden, nicht einfach ein „Du hast ja wohl sonst keine Probleme!“ vorwerfen. Im Mittelalter litten die Leute unter Pest und Cholera und ergötzten sich doch lustvoll bei öffentlichen Hinrichtungen. Ihnen ging es ganz bestimmt nicht zu gut. Und mit Sicherheit waren viele von ihnen aus moralischen und ur-empathischen Gründen vehement gegen öffentliche Hinrichtungen, haben womöglich für ihre Abschaffung gekämpft. Ich behaupte: Dem heimlichen Lust-Grusel darüber konnten sie sich trotzdem nicht verwehren.

Ich muss diese menschliche Regung deshalb vehement verteidigen. Ich glaube, der lustvolle Grusel an den grauenvollsten Geschehnissen ist vor allem der seelische Versuch, Widerstandsfähigkeit auszubilden. Wie kann ich der Angst, die mich parallel befällt, doch noch einen Funken Trost abtrotzen? Die Ausnahmezustands-Euphorie, die einen angesichts schlechter Nachrichten überfällt, ist nur die Aktivierung emotionaler Reserven. Wenn ich jetzt keinen Kick daraus ziehe, dann gehe ich möglicherweise daran zugrunde.

Da kann man doch nur sagen: Lieber eine lustvolle Neugier über Trumps Sieg empfinden und tapfer bleiben, als einen Nervenzusammenbruch erleiden und das Bett nie mehr verlassen. 

Mehr Psychologie:

  • teilen
  • schließen